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Literatur | Beitrag vom 14.03.2021

Lob der schlechten Laune "Das Leben hat an und für sich nur Nachteile"

Von Andrea Gerk

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Ein Mann im Schattenriss steht am Meer, (Unsplash / Ali Bergen)
In Zeiten wie diesen überrascht es nicht, dass unser Alltagsleben von schlechter Laune durchsetzt ist. In der Literatur wie im Leben hat es aber schon immer Übellaunige gegeben - vielen war diese Stimmung auch Motivation. (Unsplash / Ali Bergen)

Schlechte Laune ist Inspirationsquelle für Künstler, Künstlerinnen und Alltagsphilosophen. Und auch Leben selbst wäre nur halb so lustig ohne muffige Verstimmung, lustlose Patzigkeit oder ausgewachsene Wutanfälle.

Derzeit gibt es wenig zu lachen. Die Zukunft ist ungewiss, die wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse sind es auch. Und das Klima macht ohnehin, was es will. So überrascht es nicht, dass in letzter Zeit unser Alltagsleben von viel schlechter Laune durchsetzt ist. Nicht nur Leidtragende der Pandemie-Verordnungen erfasst sie, sondern sie wird auch befördert von Grantlern und Genervten aus Überzeugung.

Die hat es immer gegeben – in der Literatur wie im Leben. Denn das ist für manche Menschen ohne schlechte Laune nur halb so lustig. Schlechte Laune ist die Grundstimmung umtriebiger Schnelldenker, die Inspirationsquelle für Künstler und Alltagsphilosophen, die geistige Nahrung für Melancholiker und Romantiker. 

Das Recht auf schlechte Laune

Ohne sie hätten wir keinen Schopenhauer, keinen Thomas Bernhard, keine Wutromane von Heimito von Doderer und keine brummigen Kriminalkommissare. Schon Georges Simenon sagte: "Jeder Mensch hat ein Recht auf schlechte Laune. Man sollte das in die Verfassung aufnehmen."

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Während in Zeiten von Zwangsoptimismus und Selbstoptimierung diese raue Stimmungslage einen schlechten Ruf hat, gehört sie in der dritten Corona-Welle zum Alltag. Und breitet sich hierzulande immer weiter aus.

Vielleicht also eine Chance, das Leben neu zu sehen? Mit fiktiven Figuren wie Else Kien aus Elias Canettis Roman "Die Blendung", Sven Regners verträumtem Herr Lehmann oder der muffeligen Kommissarin Bella Block finden sich auch tröstliche Beispiele für die sympathischen Aspekte des Missmuts.

Heilsam für die Psyche

Mit ihnen lässt sich das mürrische Gemaule und Gegrummel an Frühstückstischen und in Zoom-Konferenzen doch gleich viel besser ertragen! Nicht zuletzt, weil die fiktiven Miesepeter verdeutlichen, wie groß die Diskrepanz zwischen kunstvoller und profaner Übellaunigkeit ist und wie viel wir echten Sauertöpfe von den fiktiven in puncto Eleganz und Originalität des Ausdrucks lernen können. Schlechte Laune hat durchaus auch heilsame Effekte für die Psyche.
 
(huk)
 
Lob der schlechten Laune - "Das Leben hat an und für sich nur Nachteile" (T. Bernhard)
Von Andrea Gerk.
Es sprachen: Sabine Arnhold, Thorsten Föste, Anika Mauer und Friedhelm Ptok.
Ton: Martin Eichberg.
Regie: Beate Ziegs.
Redaktion: Jörg Plath
 
(Eine Wiederholung vom 22.10.2017)
 
Das Manuskript können Sie hier herunterladen.

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