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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 06.04.2020

Lob der Dissidenz? Vom Widerständigen in unserer Gesellschaft

Von Heiner Kiesel

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Edward Snowden ist im September 2019 auf einer Video-Leinwand in der Urania in Berlin zu sehen, während er bei einer Liveübertragung über sein Buch "Permanent Record: Meine Geschichte" spricht.  (picture alliance/dpa/Jörg Carstensen)
Edward Snowden, wohl einer der bekanntesten Dissidenten der Gegenwart, während einer Videoschaltung im September 2019 in der Urania in Berlin. (picture alliance/dpa/Jörg Carstensen)

Dissidenten, das sind oft Helden in Diktaturen. Mit Pathos geladen richtet sich unser Blick meist in die Vergangenheit. In der Demokratie, wo Pluralismus und Meinungsfreiheit gelten, muss man nicht aufbegehren. Oder gibt es Gründe, radikaler zu werden?

Salli Sallmann: "Du siehst Tausende Panzer über viele Tage durch deinen Ort fahren, hoch zur tschechischen Grenze, um diesen politischen Versuch da platt zu machen. Wenn du so willst, ist das ein Geburtspunkt von Dissidenz gewesen."

Salli Sallmann ist Jahrgang 53 und im erzgebirgischen Thalheim aufgewachsen. 

"Ich war damals ein Dissident im Osten."

Dissidenz – die Annäherung an einen komplizierten Begriff: Sie geschieht mit der Annäherung an einen unkompliziert und warm wirkenden Menschen. Einem Dissidenten. Das ist?

"Der Dissident besteht in Diktaturen auf dem ungehinderten Aussprechen der eigenen Meinung und nimmt das für selbstverständlich, was der repressive Staat als nicht selbstverständlich erachtet. Dagegen opponiert der Dissident und trägt damit alle nachfolgenden staatlichen Sanktionierungen. Das ist das Klischee und wenn du so willst, entsprachen wir dem mehr oder minder alle."

Autor: "Bist du so geboren?" 

Salli Sallmann lacht: "Natürlich kommt da persönliche Veranlagung mit dazu – ich will das gar nicht in Abrede stellen. Ich bin immer ein aufmüpfiger Typ gewesen, der aber immer auch Angst gehabt hat, bestraft zu werden und andererseits auch immer wieder versucht hat, diese Freiräume auszutesten. Wie weit kann ich denn gehen? Ich war weder ein Raufbold an der Schule, noch ein Duckmäuser. Ich versuchte, meinen Weg zu finden zwischen Anpassung und Widerstand. Und dann kommt noch was anderes dazu, das sage ich dir gleich noch."

Die Begriffe von der Dissidenz und des Dissidenten sind ziemlich stark aufgeladen. Das hängt mit den oft bitteren und drastischen Erlebnissen dieser Unbequemen in den Diktaturen des Ostens zusammen, aber auch mit der großen Wertschätzung, die sie im Westen und im Nachhinein erfahren haben. Ihrer Idealisierung. Sallmann versucht das Bedeutungsschwangere seiner Dissidentenvergangenheit etwas zu brechen.

Man kann nicht früh genug beginnen

"Nach dem Unterricht, wo der kleine Salli Sallmann da solche Fragen gestellt hatte und der Staatsbürgerkundelehrer auch keine Antwort darauf wusste, kamen dann die Mädels! Und die Jungs, man war 16 Jahre alt, und sagte, du getraust dich ja, sowas zu fragen, das hätte ich mich nicht getraut. Man wuchs, man wuchs ein Stück über sich hinaus."

Dissidenz, so Sallmann, ist: "Eine Übung, mit der man gar nicht früh genug beginnen kann. Das ist eine Übung mit Zittern und Zagen und das Zittern und Zagen wird einen nicht mehr verlassen."

Michael "Salli" Sallmann, Liedermacher, Autor, DDR-Dissident. Ein älterer Mann steht vor einem Bücherregal und schaut in die Kamera. (Heiner Kiesel)Michael "Salli" Sallmann: "Ich versuchte, meinen Weg zu finden zwischen Anpassung und Widerstand." (Heiner Kiesel)
Sallmann schreibt Gedichte und Lieder, steht in Kontakt zu kritischen Künstlern. Traut sich immer wieder in die Öffentlichkeit. Die Obrigkeit reagiert: Auftrittserlaubnis weg, Studienplatz auch. Er muss als Kraftfahrer arbeiten. Dichtet trotzdem und dann holt ihn die Stasi ab.

Berlin-Hohenschönhausen, Haft, Verhöre, Anwerbeversuche.

"Und das war dann so quasi der Gipfel aller Dissidenz: Der ordentliche Dissident landete natürlich in der Staatssicherheitszelle – wo auch sonst in einem solchen System."

Nach der Abschiebung in den Westen trat Sallmann dann noch eine Weile als Ost-Dissident im Westen auf. Dissident, sagt er, das konnte man sich wie einen Orden an die Brust heften. Aber jetzt ist das keine Kategorie mehr, die für ihn zählt. Für Sallmann hat der Begriff Dissident ausgedient.

"Nein, es gibt keine wirkliche Entsprechung mehr für diesen Begriff. Das hat diese Gesellschaft auch gar nicht nötig, sie braucht das gar nicht, sie kann die politischen Auseinandersetzungen anders betreiben und sie kann sich anders auseinandersetzen."

"Ja, das ist ja das Problem mit der Dissidenz in freiheitlich demokratischen Ordnungen. Natürlich ist es schwierig in solchen Ordnungen, Systemwiderspruch zu artikulieren, weil es im Prinzip Möglichkeiten gibt der demokratischen Äußerung, des Demonstrierens, der Einflussnahme auf politische Entscheidungen. Aber manchmal ist es genau das, was einen zum Kochen bringt, was einen ärgerlich macht. Dass man alle Möglichkeiten hat, aber dann doch das Gefühl hat, nicht richtig durchzudringen, mit Veränderungswünschen."

Widerstand radikalisiert sich, wo er scheinbar ins Leere läuft

Christopher Daase beschäftigt sich als Wissenschaftler mit der Dissidenz in der Gegenwart.

"Ich bin Professor für internationale Organisation hier an der Goethe-Universität in Frankfurt. Ich bin gleichzeitig stellvertretender Direktor des Leibniz-Instituts Hessische Stiftung Friedens-und Konfliktforschung."

Daase beschäftigt sich vor allem mit dem Widerstand auf transnationaler Ebene. Protest gegen Mächte und Prozesse, die weit entfernt vom Zugriff unserer demokratischen, meist nationalen Institutionen wirken: Multinationale Konzerne, die Welthandelsorganisation, die G7. Da wo es keine Möglichkeit der geregelten Opposition gibt, radikalisiert sich der Widerstand, wird er dissident, stellt Daase fest. Er findet den Begriff ziemlich hilfreich bei seiner Arbeit. Dissidenz ist ein markantes Label, aber auch eines mit Tücken.

"Wir müssen ganz scharf trennen, wie wir den Begriff verwenden – ob normativ oder analytisch. Wenn ich sage analytisch, dann meine ich, dass Dissidenten all jene Menschen sind, die systemwidrigen Widerstand leisten, ob politisch oder gewaltsam. Das tun sie erstmal frei von meiner normativen Bewertung. Wenn ich dann sage Dissidenz im stärker normativen Sinne, dann meinen ich tatsächlich diejenigen Menschen, die bereit sind eigene Opfer zu bringen für den Kampf für persönliche und allgemeine Freiheiten."

Opposition ist gezähmter politischer Widerstand

Daase bleibt – ganz Wissenschaftler – zunächst analytisch:

"In meinem Denken ist es ein Begriff, der sich absetzt von der Opposition. Insofern ist er für mich ein analytischer Begriff, der erstmal wertneutral ist. Für mich ist Opposition die gezähmte Form des Widerstands, des politischen Widerstands. Das kann man Ideengeschichtlich ganz gut zeigen, wie sich das Widerstandsrecht geistesgeschichtlich verändert hat und im Parlamentarismus und der Demokratie gezähmt worden ist als Opposition. Und gleichzeitig hat es auch immer einen Widerstand gegeben, der darüber hinausgeht und der den Spielregeln des politischen Systems nicht folgt. Ein radikalerer Widerstand, wenn Sie so wollen, der sich nicht vereinnahmen lässt. Und den würde ich als Dissidenz bezeichnen wollen."

Christopher Daase, Dissidenzforscher an Goethe-Universität Frankfurt am Main. Ein älterer Mann mit Brille und kurzen Haaren sitzt in einem Büro und blickt in die Kamera. (Heiner Kiesel)"Mal andere Möglichkeiten nicht nur denken, sondern auch mal ausprobieren", sagt Christopher Daase. (Heiner Kiesel)
Der Dissidenzbegriff des Forschers geht über das hinaus, was man unter zivilem Ungehorsam versteht. Der, da darf man an Hannah Arendt, Mahatma Gandhi oder Martin Luther King denken, ist ja darauf ausgerichtet, Fehlentwicklungen oder Missbräuche zu korrigieren – in einem Gesellschaftssystem, das eigentlich gerecht konzipiert ist. Nein, betont Christopher Daase, Dissidenz ist von sich aus von Wert.

"In der Tat ist die Idee, zu sagen, es gibt zwei Formen von Widerstand, Opposition und Dissidenz, ein Hinweis darauf, dass nicht nur der liebe Widerstand, der systemisch einkalkulierte Widerstand wichtig ist, sondern auch das gegen den Stachel löcken wichtig ist, die Radikalität. Wir sind heute geneigt, radikal und Radikalisierung als etwas sehr Negatives zu sehen. Und ich bin der Meinung, dass es so etwas wie die Notwendigkeit der Rehabilitation des Radikalen gibt. Weil Radikalität und in diesem Zusammenhang Dissidenz etwas Wichtiges ist. Weil es die Innovationsfähigkeit politischer Systeme erhält. Wir müssen auch immer mal außerhalb der Box denken, mal andere Möglichkeiten nicht nur denken, sondern auch mal ausprobieren."

Ein Lob der Dissidenz? Es könnte sein, dass Daase mit dieser Forderung offene Türen einrennt. Sie passt in eine Zeit des Individualismus, in der kollektive Wahrheiten zweifelhaft sind und das eigene Gewissen als einzige sichere Instanz gilt. Die Geschichte lehrt uns, den Machtapparat aufmerksam und kritisch zu beobachten. Das Beispiel der Aufrechten in den Diktaturen!

Rechtspopulismus kann sich nicht auf Dissidenz berufen

Wer als unbequem auftritt, darf auf Sympathie hoffen. Es schmückt.  Überall Dissidenten?

Legida Demo: "Wir sind das Volk. Wir sind das Volk."

Björn Höcke: "Doch ist der Stasi-Knast – und ich betone – noch ist der Stasi-Knast in Berlin-Hohenschönhausen nicht wiedereröffnet. Noch gibt es keine körperliche Folter in diesem Land, noch gibt es keine Exekution per Genickschuss."

Christopher Daase: "Aber da muss man natürlich gleich sagen, dass so eine Art von Widerstand – und tatsächlich bezeichnet sich der Rechtspopulismus auch als Widerstand – sich normativ nicht auf ein Widerstandsrecht im klassischen Sinne berufen kann und schon gar nicht auf eine Position der Dissidenz, denn wir haben ja gesagt, dass sich Dissidenten sozusagen in Gefahr begeben und Opfer bringen, das ist in diesem Fall kaum gegeben und vor allem nicht nur für die eigene Freiheit, sondern auch für die Demokratie streiten und auch das ist bei dem Rechtspopulismus nicht der Fall. Da geht es ja im Wesentlichen darum, dass anderen die Würde und die Menschenrechte aberkannt werden und insofern würde man da den Begriff der Dissidenz sicher nicht verwenden wollen."

Daase wirbt für Dissidenz, aber irgendwie muss es auch die richtige sein. Dissidenz: der Begriff bleibt immer mehr als nur ein Instrument kühler Analyse und Forschung.

Autor: "Ja, aber ihr persönlicher Zugang dazu?"

Christopher Daase: "Das sind wirklich sehr persönliche Fragen, aber trotzdem sehr interessant. Sie werden das ja nicht alles senden, aber ich kann vielleicht so darauf antworten, dass ich einen Freund hatte als Jugendlicher und der war immer sehr bestimmt und sehr radikal. Er hatte immer ganz dezidierte Meinungen, meistens gegen irgendetwas. Und ich habe immer so die Gegenposition bezogen und fand mich dann immer defizitär."

Wenn hier bisher so oft die Rede war von diesem D-Wort, muss man natürlich feststellen, dass seine Blütezeit eigentlich vorbei ist.

Die war im Kalten Krieg. In dieser Zeit hat sich der Begriff um große Namen gerankt, Solschenizyn, Havel, Sacharow, Havemann.

Aus ihnen saugt der Begriff heute seine Kraft und treibt weiter. Er eignet sich gut für Schlagzeilen und er wird umso häufiger verwendet, je konservativer das Medium ist.

Die Strategie der sanftmütigen Dissidenz

Haben Sie schon mal 'was von sanftmütiger Dissidenz gehört?

"Ich bin Hannah, ich bin 31 Jahre alt, ich lebe in Berlin und bin jetzt seit zwei Ausgaben beim Transform-Magazin dabei, weil ich Marius auf einer Podiumsdiskussion gesehen habe und es sehr spannend fand, was er da erzählt hat, zu dem Magazin."

"Mein Name ist Marius Hasenheit, ich bin 32 Jahre alt und bin seit Ausgabe 1 dabei, bei Transform Magazin."

Die beiden haben für das Interview ein Café in Berlin-Neukölln vorgeschlagen. Er trinkt Americano, sie Chai Latte. Marius Hasenheit legt die letzten Ausgaben des Transform-Magazins auf den Tisch. Handlich, so etwa B5, Oktavformat, bunt. Das Magazin ist werbefrei, bringt den Mitarbeitern kein Geld und hält sich trotzdem am Markt. 

Marius Hasenheit: "Das Heft an sich ist auch schon ein dissidentes Projekt."

Im Speziellen widmet sich das Magazin aber Methoden des unkonventionellen Widerstands. Es hat dafür eine eigene Rubrik:

"Sanftmütige Dissidenz" – sagt Marius Hasenheit:

Hannah König: "Sanftmütige Dissidenz, das klingt eher so ein bisschen gemütlich, aber gleichzeitig umstürzlerisch, also das ist das, was ich spannend daran finde, dass es eben diesen starken Bruch darin gibt und man erstmal angeregt wird, darüber nachzudenken, was wollen die mir darüber eigentlich sagen."

Unkonventioneller Widerstand als Einstiegsübung für Größeres

Hasenheit: "Dass wir mit unserem Magazin, Menschen erreichen wollen, die ein ganz normales Leben führen wie wir, aber vielleicht ein paar Sachen ändern wollen, ohne gleich in den Untergrund zu gehen, abzutauchen, etwas Radikales zu machen, die so kleine Maßnahmen im eigenen Alltag umsetzen wollen. Genau das soll diese sanftmütige Dissidenz beschreiben."

König: "Diese Machtlosigkeit, die wollen wir dadurch ein bisschen aufbrechen. Dass man sich aus dieser Passivität befreit. Diesem Gefühl, da ist ein so großer Akteur wie Monsanto und wir können gar nichts dagegen tun und diese Macht ist in den Händen von anderen und wir können uns gar nicht dagegen wehren. Dem etwas entgegenzusetzen, das finde ich unheimlich wichtig und spannend an diesem Heft."

Kleine Akte der Dissidenz als Einstiegsdroge, um auch mal was Größeres in Angriff zu nehmen: Erstmal blau machen, wenn der Chef nervt und dann einen Betriebsrat gründen. Über jedem Artikel steht die ungefähre Lesezeit. Marius spricht davon, dass diese Dissidenz-Rubrik die Macher des Magazins immer wieder in Randbereiche des Legalen führt. Dort werden Druckvorlagen für Geldscheine veröffentlicht, Tipps gegeben, wie man Sabotageakte plant und durchführt, oder den öffentlichen Nahverkehr sozialer macht.

Gegen das Gefühl von Angepasstsein und Passivität

Hasenheit: "Wir haben manchmal so kleine Sachen gemacht, wir haben zum Beispiel so eine kleine Box zum Ausschneiden abgedruckt, die kann man ausschneiden, zusammenkleben und dann kann man die an den Fahrscheinautomaten kleben und jeder der einen noch gültigen Fahrschein hat, den aber nicht mehr braucht, der kann ihn reinlegen. Für Leute, die sich den Fahrschein nicht leisten können. Das ist wieder ein Graubereich, denn irgendwie ist das ja eine Erschleichung von weiß ich nicht was für Beförderungsgedöns."

Artikel mit Gebrauchswert. Immer mit Weiterlesen-Kästchen und Links. Die Rubrik ist ein Ausdruck dafür, dass das Widerständische seinen Platz im Alltag gefunden hat. Sie kann einem das gute Gefühl geben, doch nicht so angepasst zu sein, wie man immer gefürchtet hat. Das Heft macht einen ungemein freundlichen Eindruck und ist bei allem Ernst der angeschnittenen Themen anhaltend konstruktiv und unterstützend.

König: "Ich finde das in unserer Selbstbeschreibung auch gut zusammengefasst: Wir wollen nicht missionieren, sondern inspirieren."

Aber ist das wirkliche Dissidenz? Wie weit trägt dieser Begriff?

Hasenheit: "Wobei wir mit dem Begriff auch hadern, einerseits verspricht man sich was ganz Großes."

König: "Ich glaube auch, dass er fast zu groß ist für das, was wir beschreiben."

Es ist gut möglich, dass die Rubrik bald nicht mehr so heißt.

Hasenheit: "Dissidenz, sanftmütige Dissidenz, Rebellion im Alltag – es gibt verschiedene Ideen."

König: "Ich konnte mich nicht so ganz entscheiden, ich denke, wir hatten diskutiert über Widerstand im Alltag und Rebellion im Alltag."

Marius: "Und irgendwas wird es werden." 

Pax Dissidentium: Gleichberechtigung in Glaubensfragen

"Als Wissenschaftler müssen sie möglicherweise manchmal eine dissidente Position einnehmen zu dem, was Wissenschaft vor ihnen gesagt hat",

sagt Dominik Burkard, Professor für Kirchengeschichte des Mittelalters und der Neuzeit hier in Würzburg.

"Als Theologe müssen sie auch möglicherweise mal eine dissidente Position einnehmen in theologischer oder theologiegeschichtlicher Hinsicht, das sind möglicherweise auch dissidente Felder für einen Kirchenhistoriker."

Dominik Burkard pflegt einen sehr sachlichen Umgang mit dem Begriff der Dissidenz. Das Wort geht zurück auf ein lateinisches Verb, dissidēre und beschreibt, dass sich da jemand wegsetzt, auseinandersetzt, anderer Meinung ist. Der moderne Sprachgebrauch, damit jemanden zu bezeichnen, der sich von der Mehrheitsmeinung absetzt, wird häufig auf die Kirchengeschichte zurückgeführt. Das stimmt nur bedingt.

"Man muss vielleicht sagen, dass der Begriff zunächst überhaupt kein theologischer oder religiöser Begriff ist, kein kirchlicher Begriff, sondern eigentlich ein Begriff, der im staatlichen Bereich gebraucht wird. Durchaus aber auch im Zusammenhang mit Religion. Er taucht im 16. Jahrhundert erstmal in der Form auf, wie wir ihn heute so gebrauchen, beim Warschauer Religionsfrieden. Da ging es um die Fragen, wie es mit Hussiten, Protestanten, die jetzt auch zunehmend im polnischen Bereich vorhanden waren, umgegangen werden soll. Da gab es eine Adelsversammlung, unter dem König einberufen. In dieser Versammlung wurde beschlossen, den Dissidenten, den unterschiedlichen Religionsgemeinschaften Toleranz zu gewähren. Daraus wurde die Pax Dissidentium."

Dominik Burkard, Professor für Kirchengeschichte an der Universität Würzburg. Ein Mann mit kurzen dunklen Haaren steht in einem Büro und lächelt in die Kamera. (Heiner Kiesel)Dominik Burkard: "Orthodoxie ist ohne Dissidenz nicht denkbar." (Heiner Kiesel)
Durch den Vertrag von 1573 wurden die abweichenden Konfessionen in Polen-Litauen den Katholiken gleichgestellt. Er gilt als staatsrechtlicher Meilenstein der Glaubensfreiheit in der Geschichte Europas.

Burkard: "Das Interessante ist eigentlich, dass der Begriff Dissident für beide Parteien benutzt wurde, also sowohl für die Katholiken als auch für die Protestanten, sage ich mal verallgemeinernd. Später hat sich das als Begriff für die Protestanten eingebürgert, aber zunächst einmal ist das ein Begriff, der eine gewisse Gleichberechtigung signalisiert."

Aus Sicht der katholischen Kirche wurde Polen zu einem Hort der Häresie und Ketzerei. Ein Ärgernis. Die Verfolgung der religiösen Minderheiten setzte wenige Jahre nach der Pax Dissidentium wieder ein.

"Wenn man weiß, dass in der Theologie der Begriff der Communio Sanctorum, des Volkes Gottes einen ganz hohen Stellenwert hat, und dass Glaube natürlich immer mit Normierung für die Gemeinschaft zu tun hat, dann ist der Begriff des Dissidenten, der wie gesagt kein religiöser Begriff ist, eigentlich gleichbedeutend mit demjenigen, der sich aus dieser Gemeinschaft entfernt, der sich selbst exkommuniziert, oder exkommuniziert wird."

Dissidenz und Orthodoxie gehören zusammen

Religionsgemeinschaften sind ein gutes Beispiel, um Dissidenz in ihrer Reinform zu betrachten. Es gibt eine Wahrheit der Gemeinschaft, die einige wenige anzweifeln. 

"Dissidenz setzt sicher auch immer Orthodoxie voraus und Orthodoxie ist ohne Dissidenz nicht denkbar. Beides gehört zusammen."

Der Konflikt entsteht zwangsläufig, bei Gemeinschaftsmitgliedern, die sich eigene Gedanken machen und sich dann auch noch durch ihr Gewissen zum Handeln verpflichtet sehen. Thomas von Aquin hat das Gewissen zur letzten Instanz aufgewertet. Aber eigentlich nur, wenn es richtig gebraucht wird.

Burkard: "Theologisch steht dem Gewissen im Grunde immer auch die Glaubenswahrheit gegenüber. Und dabei fällt das Gewissen natürlich stark ab. Der Glauben steht als Zentrales da. Deswegen kann man Gewissensfreiheit natürlich akzeptieren, kann das annehmen. Aber das sagt nichts über die Objektivität des Glaubens aus."

Ein Gegensatz der nicht wirklich zu lösen ist. Es bilden sich die klassischen Formen des Umgangs mit Dissidenz heraus: Einbindung. Dominik Burkhard nennt dafür das Beispiel der Franziskaner.

"Franziskus wird im Grunde durch eine softe Verkirchlichung wieder in die Gemeinschaft hereingeholt."

Oder Ausgrenzung und Verfolgung:

"Petrus Valdes, einige Jahre früher wurde herausgedrängt, daraus entstanden dann die Waldenser."

Der Umgang mit Dissidenten hat sich nicht geändert

Inzwischen hat die Kirche, die ja selbst durch einen Akt der Dissidenz entstanden ist, zwei Jahrtausende Zeit gehabt, einen guten Weg zum Umgang mit abweichenden Überzeugungen zu lernen. Da sollte sich ja etwas getan haben. Dominik Burkard wird deutlich:

"Nein, das würde ich eigentlich nicht sagen. Die Grundmuster des Umgangs mit Dissidenz sind eigentlich dieselben. Bis hin zu Papst Franziskus heute, der Persönlichkeiten, die nicht auf seiner Linie liegen, ähnlich aus ihren Ämtern entfernt wie seine Vorgänger in einer langen Reihe von Päpsten auch. Die Form, gerade im kirchlichen Bereich, aber ich denke überhaupt in der Gesellschaft, auch im politischen Bereich, der Umgang mit Dissidenz hat sich eigentlich nicht geändert."

Was ist die Wahrheit in Zeiten von Pluralität und Vielfalt

Ein hartes Urteil des Theologen. Für die Kirche mag das wohl stimmen, aber trifft das tatsächlich für die Politik, für unsere Gesellschaft zu?

Wir haben doch gelernt: Hannah Arendts Satz, "Niemand hat das Recht zu gehorchen", gehört zum Kern des bürgerlichen Selbstverständnisses.

Im Grundgesetz ist – wenn auch sehr eingeschränkt – Recht zum Widerstand festgeschrieben. Und rein formal: Was ist die Wahrheit, die Orthodoxie, gegen die sich ein Dissident richten kann? In der Postmoderne postulieren wir Pluralität, die Vielfalt der Diskurse, Relativismus, anything goes. Dominik Burkard führt in ein Spiegelkabinett.

"Möglicherweise gilt Dissidenz als orthodoxe Handlung, insofern, als der Bürger, der auch staats- und politikkritisch agiert und für Menschenrechte, für Bürgerrechte eintritt, ein hohes Ansehen genießt. In dem Sinne ist auch Dissidenz orthodox."

Wenn Dissidenz die Regel ist, dann wird Konsens wohl zum Dissens. Hmmh.

"Nein, ich würde mich nicht als Dissident bezeichnen."

Sagt sehr entschieden Katharina Nocun.

"Ich organisiere Proteste und unterstütze sie. Vieles davon passiert Online und da rutscht man vor allen Dingen in den Medien rasch in die Kategorie, ja sie ist eine Netzaktivistin."

Katharina Nocun, Bürgerrechtlerin und Netzaktivistin. Eine junge Frau mit langen Haaren steht vor einer mit Graffiti besprühten Wand.  (Heiner Kiesel)"Hier gibt es keine Edward Snowdens, sondern hier gibt es eher Altenpflegerinnen, die feststellen, dass in ihrem Betrieb ein großer Missstand herrscht", sagt Katharina Nocun. (Heiner Kiesel)
Nocun bloggt und schreibt, war Politikerin bei den Piraten, plante Kampagnen gegen das Freihandelsabkommen CETA, engagiert sich in öffentlichen Anhörungen für Informationsfreiheit und Privatsphäre bei der digitalen Kommunikation. Häufig an der Spitze von Protesten.

Unbequem in der Diskussion über Behörden und Geheimdienste und datenhungrige Unternehmen. Auch mal drastisch in der Wahl der Mittel.

"Trotzdem würde ich mich nicht als Dissident im klassischen Sinne bezeichnen. Ich kenne von meinen Eltern Geschichten aus der Zeit, als sie in Polen studiert haben. Wenn ich zu Hause erzählt habe, wir haben die Uni besetzt wegen der Studiengebühren, dann meinten meine Eltern nur ganz trocken: Kindergeburtstag, bei uns standen sie damals mit Maschinengewehren vor der Uni, als wir für Solidarnosc, also für die Reformbewegung demonstriert haben. Das kann man nicht vergleichen, wir leben schon in einem sehr freien Land hier."

Dissidenten – dazu fallen der Aktivistin vor allem der Wikileaks-Gründer Julien Assange, die Whistleblower Chelsea Manning und Edward Snowden ein. Menschen, die drastische Folgen für den Verrat von skandalösen Geheimnissen in Kauf genommen haben.

"Die Frage was wir tun, oder wie wir in bestimmten Situationen handeln, entscheidet darüber, welcher Mensch wir sind. Edward Snowden hat sich sicher auch gefragt, was für ein Mensch will ich sein, möchte ich meinen Kindern später erzählen, ich war Teil dieses Systems, oder habe ich etwas gemacht. Auch wenn ich bis ans Ende meines Lebens im Knast sitzen werde, dann mache ich das einfach, weil sich das gerade richtig anfühlt. Und weil es nicht um mich geht, sondern um viele Menschen, die gerade davon betroffen sind."

Für Nocun sind Whistleblower gute Beispiele dafür, dass ein Einzelner viel erreichen kann. Handlungsbedarf gibt es auch in Deutschland.

"Hier gibt es keine Edward Snowdens, sondern hier gibt es eher Altenpflegerinnen, die feststellen, dass in ihrem Betrieb ein großer Missstand herrscht, dass dort Menschen systematisch vernachlässigt werden, dass systematisch Regeln nicht eingehalten werden. Sie versuchen es dann, intern zu melden, das hat dann meistens weniger Erfolg und gehen dann entgegen ihrer Vertragsbestimmung an die Öffentlichkeit, um den Missstand zu beheben, weil es eben auch um Menschenleben geht."

Politik schätzt die Unbequemen der Vergangenheit

Allerdings, bei allem nationalen Pathos bei der Erinnerung an das Schicksal von Dissidenten aus der Vergangenheit, tut sich die Politik mit den Unbequemen und Aufrechten, die Missstände anprangern noch immer schwer. Sie gelten als Nörgler, Verräter, Denunzianten – ihnen winkt nicht das Bundesverdienstkreuz, sondern sie verlieren ihren Job, wie der Lkw-Fahrer, der den Gammelfleischskandal öffentlich machte, oder sie werden für psychisch krank erklärt, wie die Steuerfahnder aus dem "Bankenteam" im Finanzamt Frankfurt.

Katharina Nocun wünscht sich: "Das wir in Deutschland und auch in Europa einen besseren Schutz von Whistleblowern haben. Dass wir sicherstellen, dass es in Behörden bessere Strukturen gibt, um auf Missstände aufmerksam zu machen. Wir brauchen auch mehr Schutzmöglichkeiten für Arbeitnehmer, die möglicherweise illegale Vorgänge aus der Privatwirtschaft oder Behörden melden, wenn da im Nachhinein ein Gericht feststellt, da hat jemand eine illegale Aktion aufgedeckt."

Auf der anderen Seite stehen da die Bürger, in einer Haltung der alltäglichen Dissidenz. Sie zweifeln, dass die Institutionen ihres Gemeinwesens noch gut funktionieren, auf jeden Fall sind sie zu träge, verknöchert und unterwandert von Interessengruppen. Die Postdemokratie! Katharina Nocun kann das nicht mehr hören. Es klingt zu sehr nach einer Entschuldigung für Tatenlosigkeit.
 
"Ich denke, dass man unglaublich viel erreichen kann durch die klassischen institutionellen Wege: Man geht in eine Partei, man organisiert Dinge vor Ort, man geht zu einer Demonstration, man macht vielleicht bei einer Onlineaktion mit. Über diese klassischen Wege kann man immer noch unheimlich viel bewegen. Ich halte es ehrlich gesagt für fatal, wenn Menschen das Bild erzeugen, wir würden in einer postdemokratischen Gesellschaft leben, weil das dazu führt, dass viele Menschen resignieren und sich nicht mehr engagieren und nicht mehr die Möglichkeiten nutzen, die wir doch in dieser Gesellschaft haben."

Das Problem sei doch vor allem, meint Katharina Nocun, dass sich die Leute erst viel zu spät und zu wenig aufregen.

"Im Idealfall beseitigt man das Problem doch, bevor man zum Dissidenten wird."

Autor: Heiner Kiesel
Es spricht: Max von Pufendorf
Ton: Thomas Monnerjahn
Regie: Klaus Michael Klingsporn
Redaktion: Constanze Lehmann

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