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Studio 9 | Beitrag vom 22.05.2019

Lob der BoybandAuthentisch ist Quatsch

Von Ina Plodroch

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Brian Littrell, Alexander James McLean und Kevin Richardson von den Backstreet Boys singen zum Auftakt ihrer Deutschland-Tournee in Hannover. (picture alliance / Christophe Gateau / dpa)
Die Backstreet Boys sind wieder da: Am Dienstag starteten sie ihre Deutschland-Tournee in Hannover. (picture alliance / Christophe Gateau / dpa)

Mit dem Revival der 90er-Jahre sind auch Boygroups wie die Backstreet Boys wieder angesagt. Nur seelenlose Fließbandware? Keineswegs, wenn die Songs die Seele berühren, findet unsere Autorin.

Wer popkulturell etwas auf sich hält, früher, der hat sich gerne in stundenlangen Angebergesprächen darüber ausgetauscht, ob nun die Ramones oder die Sex Pistols besser waren. Oasis und Blur sind auch solche popmusikalischen Rivalen.

Die Frage aller Fragen der 90er Jahre im Mainstreampop war allerdings: Bist du Kelly-Fan oder liebst du die Backstreet Boys? Das war ein Entweder-oder. Zwei Gegenpole.

Denn die Fans der Kelly Family nahmen die zusammengerechnet bestimmt 100 Meter langen Haare der Familie als Beweis für die garantierte Authentizität ihrer Musik. Ja, bestimmt haben sie auch viel über sich und ihre Familie gesungen und über Schmerz, die Mutter war ja so früh gestorben.

Aber das ist ja schon das Problem. Denn diese Authentizitätsverliebtheit im Pop ist einfach Quatsch. Denn die ist ja Schuld daran, dass so viele die Backstreet Boys abtun, fast schon verachten. Ist ja nur Fabrik-Pop vom Fließband, keine Seele, kein anspruchsvoller Inhalt, der Anfang vom Ende. Ja ja.

Ein Krimiautor muss auch keine Menschen töten

Und es stimmt natürlich ein bisschen auch: Lou Pearlman hat erst die Backstreet Boys zusammen gecastet, weil er ahnte, dass so eine Boygroup das nächste große Ding sein könnte. Und weil er das so gut konnte, hat er *NSYNC gleich auch noch auf die Bühne gestellt.

Und ja, der eigentliche Star ist der Songschreiber Max Martin, der den Teenpop überhaupt erfunden hat und ihnen die Wörter in den Mund gelegt hat. Sie singen also nur nach, was ein anderer schreibt und haben gar nicht mit und aus ihrem tiefsten Inneren berichtet.

Aber mal ehrlich: Es fragt doch auch keiner, ob ein Krimiautor privat auch gerne Menschen tötet. Nein? Dann will ich nichts mehr von ihm lesen oder wie?!

Also: Die Songs der Backstreet Boys sind zentral für den Teen-Pop der 90er Jahre. Und darüber aufregen lohnt sich eh nicht mehr. Denn Popmusik heute – im Sinne von "was ist die erfolgreichste Musik in den Charts" – ist heute eh längst Rapmusik. Und die ist immer auch mal frauenverachtend ohne Ende.

Eine ganze Generation im Liebesschmalz vereint

Da merkt man, was man an den Backstreet Boys hatte. Oder hat. Denn nichts ist momentan so angesagt wie die 90er. Dass die Backstreet Boys da ihr Comeback feiern ... ach ich höre schon: die Kelly-Fans tuscheln wieder. Aber die Backstreet Boys werden mit Sicherheit genau da ansetzen, wo sie aufgehört haben: Nämlich eine ganze Generation in ihrem "Quit Playing Games (With My Heart)", "As Long as You Love Me" und den ganzen anderen Songs mit irgendwas mit Liebesschmalz vereinen.

Es ist der Soundtrack der Jugend von damals – der zeigt: Wenn die Songs doch berühren, braucht keiner 100 Meter Haar und Authentizität.

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