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Frühkritik | Beitrag vom 21.02.2020

Liz Moore: "Long Bright River"Alles hat seinen Preis

Von Kolja Mensing

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Zu sehen ist das Cover des Buches "Long Bright River" von Liz Moore. (C.H. Beck Verlag / Deutschlandradio)
Ein bedrückender Schauplatz: Kensington, Philadelphia, ist der derzeit größte Drogenmarkt an der US-Ostküste. (C.H. Beck Verlag / Deutschlandradio)

Handy-Shops und Fixerstuben: Liz Moore erzählt in ihrem Kriminalroman "Long Bright River", wie Drogen den amerikanischen Alltag bestimmen - und sich tief in die Biografien von Menschen einschreiben.

Mickey ist Streifenpolizistin in Kensington, Philadelphia. Gerade ist sie zum dritten Mal in Folge zu spät zur Einsatzbesprechung erschienen, weil der Babysitter nicht pünktlich war – als sie an den Bahndamm an der Guerney Street gerufen wird. Eine Leiche ist gefunden worden: "Weiblich, Alter unklar, wahrscheinlich Überdosis", meldet die Zentrale. Doch es geht um mehr.

Das Opfer wurde stranguliert. Weitere Fälle werden bekannt, alles Prostituierte, alle drogenabhängig. Mickey bekommt einen Hinweis  von der Straße, dass ein Polizist in die Morde verwickelt sein könnte. Aber ihre Vorgesetzten - allesamt Männer - haben kein Interesse, der Sache nachzugehen. Also ermittelt sie auf eigene Faust.

Dichte Beschreibung der Szenerie

Liz Moores Roman "Long Bright River" beginnt als klassische "cop novel": Auf der einen Seite die Polizistin und alleinerziehende Mutter Mickey, die mit ihrem Sohn vor ihrem Ex-Freund geflohen ist, auf der anderen Seite das männlich dominierte, durch und durch korrupte System der Strafverfolgung. Allerdings setzt Moore – die nicht vom Krimi kommt – dabei weniger auf die Details der Polizeiarbeit, sondern auf die dichte Beschreibung der Szenerie.

Kensington, Philadelphia, das ist der derzeit größte Drogenmarkt an der amerikanischen Ostküste: Die Straßen des ehemaligen Arbeiterbezirks werden heute durch Prostitution und den Handel mit Heroin, Fentanyl und verschreibungsmittelpflichtige Schmerzmittel bestimmt, verlassene Häuser werden von Junkies bewohnt, 900 Tote werden im Jahr gezählt.

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Die schmutzigen Hinterzimmer von Handys-Shops und Ramschläden verwandeln sich in illegale Fixerstuben: So still und eindringlich und zugleich hoffnungslos wie in "Long Bright River" sind die Folgen der amerikanischen Opioidkrise noch in keinem Roman geschildert worden.

In Kensington gehören Drogen zum Alltag – sie haben sich tief in die Biografien der Menschen eingeschrieben. Auch in die von Mickey: Ihre Schwester Kacey ist heroinabhängig und lebt als Prostituierte auf der Straße. Während Mickey nach dem Mörder sucht, wird sie gezwungen, sich mit der Beziehung zu ihrer Schwester auseinanderzusetzen.

Eine komplexe, verstörende Protagonistin

Auf den ersten Blick sieht es so, als ob sie jahrelang dafür gekämpft hat, Kacey vom Heroin loszubekommen. Doch Mickey ist kein "guter Cop" und keine vom Schicksal bestrafte alleinerziehende Mutter, sondern eine komplexe, verstörende Protagonistin. Sie hat ihre eigenen, egoistischen Ziele verfolgt und ihrer Schwester alles genommen, was sie je in ihrem Leben gehabt hat: ihr Kind.

Die erschreckendste Einsicht in "Long Bright River" ist vielleicht, dass die kurzfristige Ökonomie des Drogenhandels, der Viertel wie Kensington bestimmt, mittelfristig die Ökonomie der Gefühle verändert: Alles hat seinen Preis.

Liz Moore: "Long Bright River"
Aus dem Amerikanischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann.
C. H. Beck, München 2020
413 Seiten, 24 Euro

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