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Konzert / Archiv | Beitrag vom 23.03.2021

Live von der MaerzMusik BerlinPorträt eines Pioniers

Moderation: Volker Michael

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schöne Portraitaufnahme des Komponisten Halim El-Dabh (Seitenansicht Kopf bis Schulter) (Kent State University)
Der Komponist Halim El-Dabh (Kent State University)

Halim El-Dabh ist ein Geheimtipp selbst in Fachkreisen - dabei war der vor 100 Jahren in Kairo geborene Komponist, Musiker und Forscher ein Pionier. Das Zafraan Ensemble spielt bei der MaerzMusik ein Porträtkonzert mit Kammermusik des Meisters.

Aus dem Silent Green übertragen wir live von der MaerzMusik 2021 ein Porträtkonzert mit dem Zafraan-Ensemble. Auf dem Programm ausschließlich Musik des Komponisten Halim El-Dabh. Der ägyptische Komponist kam vor 100 Jahren in Kairo zur Welt, lebte aber die meiste Zeit in den USA. In Ägypten studierte er Agraringenieurwesen. Komponiert hat er damals immer schon nebenbei.

Als Kind erlebte er den berühmten Kairoer Kongress, bei dem der Stand der Arabischen Musik umfassend diskutiert wurde, mit heute bekannten Musikern wie Béla Bartók und Paul Hindemith. Nach Amerika eingeladen wurde El-Dabh vom Komponisten Aaron Copland. Noch vor Pionieren wie Pierre Schaeffer machte er so etwas wie Musique Concrète. Aufnahmen einer exorzistischen Zar-Zeremonie mischte er zu einem hörbaren Kunstwerk. Halim Abdel-Masih al-Dab‘, wie sein voller Name lautet, stammte aus einer koptischen Familie. "El-Dab‘" heißt übrigens Hyäne.

Das Zafraan Ensemble (Neda Navaee/MaerzMusik)Das Zafraan Ensemble (Neda Navaee/MaerzMusik)

Für die Musikerinnen und Musiker des Berliner Zafraan-Ensembles war das eine intensive und sehr besondere Begegnung. Das Konzert bringt zum Schluss ein Konzert für Saxofon und Streicher, auch ein Streichquartett und verschiedene Solo- und Duostücke, zum Teil mit der arabischen Darbuka-Trommel. Das Programm beginnt mit dem Solo-Klavierstück "It is dark and damp on the front – es ist dunkel und feucht an der Front– brutal, technisch, aber auch düster-romantisch kommt dieses frühe Klavier-Solostück von Halim El-Dabh daher.

Der Mikro- im Makrokosmos

Effektvoll findet es der Pianist, der es spielen wird. Ein Werk von 1949. Mit der Front ist anscheinend wirklich noch die des Weltkrieges gemeint, den El-Dabh in Ägypten erlebt hat. Für Kinder und Erwachsene sind die drei Bände der Klavierstücke "Mekta' in the art of Kita'" gedacht. Musik ganz im Stile der Kinderszenen Robert Schumanns oder des Mikrokosmos von Bartók.

Mitglieder des Zafraan-Ensembles spielen das Streichquartett mit dem Titel "Metamorphose und Fuge auf ägyptische Folklore". Das Stück hat fünf kurze Sätze. Dabei treffen scheinbar größtmögliche Gegensätze aufeinander – die arabischen Maqamat, also einstimmige Melodiemodi, und die Fugentechnik, die auf Mehrstimmigkeit angewiesen ist.

Duo der süßen Kaktusfeige

Im Konzert wird auch erlebbar, wie die Geigerin Emmanuelle Bernard und der Darabuka-Spieler Daniel Eichholz der "süßen Kaktusfeige" Klanggestalt geben in dem Duo "Sweet and prickly pear" von Halim El-Dabh. Davor gibt es ein anderes Duo – für Altsaxofon und Darabuka. The Miraculous Tale – die Wundersame Geschichte. Ein Werk von 2006. Es wird hörbar, dass sich der Stil von El-Dabhs Komponieren stark verändert hat. Zum Ende seines Lebens bevorzugte er klar erkennbare, man könnte auch sagen, traditionelle Melodien. Auch das Zusammenspiel zwischen Blas-und Schlaginstrument folgt zumeist den Gesetzen der Harmonie.

Geschichten aus dem Alten Ägypten

Das traditionsbeladene arabische Trommelinstrument Darbuka zu spielen, war auch für Daniel Eichholz, den Schlagzeuger der Gruppe eine Herausforderung. Sogar ein Konzert für Darabuka und Orchester hat Halim El-Dabh komponiert, der große Dirigent Leopold Stokowski hat es uraufgeführt. Doch in den fast 70 Jahren seitdem hat man es leider nie wieder hören können. Halim El-Dabh war auch Geschichtenerzähler: "Aapep and Ra" für Kontrabass und Sprecherin – zwei ägyptische Gottheiten kämpfen miteinander. Aapep, der Herrscher der Unterwelt und der Sonnengott Ra. Die Kontrabassistin Beltane Ruiz Molina übernimmt die anspruchsvolle Aufgabe, zu spielen und die beiden Titanen miteinander ringen zu lassen.

Saxofon und Granatapfel

Das Porträtkonzert endet mit einem veritablen Solo-Konzert. Das hat Halim El-Dabh in seiner letzten Schaffensphase geschrieben. Und bei einem solch langen und reichen Leben hat das schon etwas zu bedeuten. Halim El-Dabh kam vor 100 Jahren in Kairo zur Welt und starb 2017 in den USA. Er war nicht nur Komponist und Hochschullehrer, sondern auch Musikethnologe. Seine Affinität zum Afrika südlich Ägyptens stammt aus Kindheitstagen. Er konnte einen Onkel bis nach Uganda auf Geschäftsreisen begleiten. Später unternahm er Forschungsreisen in viele Regionen Afrikas und Asiens. Das hat zweifelsohne auch sein Komponieren geprägt. Zum Schluss erlebte er eine Karriere als weiser alter Mann, der nordafrikanische, in die USA emigrierte Künstler Halim El-Dabh, ein Pionier der Musique concrète und der Weltmusik, der Verbindung von scheinbar unüberwindlichen Gegensätzen.

Im letzten Stück des Abends begegnen wir einer weiteren Frucht im Titel eines Werks. Nach der süßen Kaktusfeige sind wir nun beim Granatapfel. Denn nach diesem orientalischen Obst, das sauer, aber sehr vitaminreich ist, hat El-Dabh das Konzert für Saxofon, Streichquartett und Kontrabass benannt, das Sie gleich hören können. Er stellte sich vor, dass die drei Sätze wie in kontinuierlichen Bewegungen erklingen – gleichförmige wellenartige Verläufe stehen dabei am Anfang, später geschehen spannende und dramatische Dinge.

MaerzMusik 2021
Live aus dem Silent Green, Berlin

Halim El-Dabh
"It Is Dark and Damp on the Front" für Klavier
"Mekta in the Art of Kita" für Klavier, Bücher 1 bis 3
Streichquartett "Metamorphose und Fuge auf ägyptische Folklore"
"The Miraculous Tale" für Altsaxofon und Darbuka
"Sweet and Prickly Pear" für Violine und Darbuka
"Aapep and Ra" für Kontrabass und Erzähler
Sonic No. 7 for multiple drums
Sonic No. 10 for multiple drums
"The Pomegranate Concerto" für Saxofon, Streichquartett und Kontrabass

Zafraan Ensemble:
Emmanuelle Bernard, Violine
Yumi Onda, Violine
Josa Gerhard, Viola
Martin Smith, Violoncello
Beltane Ruiz Molina, Kontrabass
Martin Posegga, Saxofon
Clemens Hund-Göschel, Klavier
Daniel Eichholz, Schlagzeug

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