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Buchkritik | Beitrag vom 25.03.2020

Liv Strömquist: „Ich fühl’s nicht“Mutiges Bekenntnis zur Liebe

Von Susanne Billig

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Buchcover mit einer jungen Frau die den Lesern den Rücken zudreht. (avant-verlag / Deutschlandradio )
Liv Strömquist Neuerscheinung "Ich fühl’s nicht". (avant-verlag / Deutschlandradio )

Vor zweihundert Jahren warben Männer auf Knien um ihre Frau. Heute zeigen sie ihr die kalte Schulter. Warum? Und was ist mit den Frauen? Die Graphic-Novel-Künstlerin Liv Strömquist knöpft sich mit viel Witz die neue Unfähigkeit zur Liebe vor.

Er möchte Sex, aber keine Beziehung, locker soll es sein. Die nächste Frau ist schließlich nur einen Tinderwisch entfernt. Sie übt sich in Coolness, um ihm nicht zu zeigen, dass sie sich mehr wünscht. Eine Liebeserklärung vielleicht. Oder mal zusammen wohnen. Oder ein Kind.

In ihrem neuen Buch "Ich fühl‘s nicht" knöpft sich Graphic-Novel-Künstlerin Liv Strömquist mit viel Bild- und Sprachwitz und einer tiefen Verbeugung vor der Theorie die Themen Liebe, Bindungssehnsucht und die Unfähigkeit zum zwischenmenschlichen Commitment vor.

Einen großen Auftritt hat am Anfang und quer durch das Buch der Hollywood-Schauspieler Leonardo di Caprio, der es fertigbringt, in seinem Beziehungsleben ein Bikini-Top-Model an das nächste zu reihen. Seine um Jahrzehnte jüngeren Frauen wirken zu 100 Prozent austauschbar und werden von ihm auch ausgetauscht – er fühlt‘s nicht.

Die Liebe bleibt auf der Strecke

Die Frau voller Sehnsucht, der Mann unterkühlt – Liv Strömquist stellt das Beziehungsmuster, das jüngeren Menschen heute schon fast selbstverständlich erscheint (auch wenn es viele Ausnahmen gibt), in ihrem Buch auf den Prüfstand. Interessanterweise, so arbeitet sie heraus, war es vor zweihundert Jahren genau anders herum und die Gesellschaft erwartete von einer Dame der gehobenen Schichten, dass sie sich abweisend zeigt und kühl. Stattdessen musste der Mann sich verzehren und werben, auf Knien rutschen und sehnsüchtige Liebesbriefe schreiben.

Die Muster-Umkehr hängt, so zeigt die Autorin, auf komplexe Weise mit einer veränderten Ökonomie zusammen, in deren Folge sich auch die Vorstellungen von männlicher Macht verändert haben. Der Mann früherer Jahrhunderte wollte eine große Familie als Zeichen seiner Potenz um sich scharen. Der Mann des 21. Jahrhunderts wird dann am mächtigsten werden, wenn er flexibel, unabhängig und bindungsfrei leben kann. 

Auf der Strecke bleibt die Liebe, denn wer Beziehungspartner per App passgenau herbei zu klicken versucht und konsumiert, wird deren Zauber niemals erleben können: Liebe gibt es nur um den Preis der Selbsthingabe.

Prägnant, klug und vielschichtig

In Liv Strömquists Bücher einzutauchen, fühlt sich an wie durch die wilde Natur zu rennen. Überall lauern Dornen und spitze Steine, hinter jeder Ecke kann eine plötzliche Wendung kommen oder derselbe alte Strauch steht schon wieder da und schlägt einem ins Gesicht, bis selbst das lustig wird.

In "Ich fühl‘s nicht" setzt die Autorin einmal mehr auf ihr Markenzeichen, bricht aktuelle Reflexionen aus Philosophie und Soziologie – Byung-Chul Han, Eva Illouz, Randall Collins – auf deren Essenz herunter und popularisiert sie, indem sie prägnante Schwarzweiß-Zeichnungen (diese ausdrucksstarken Kritzelgesichter!) mit Biografischem aus Popkultur und Literaturgeschichte verzahnt, Zeitungsausrisse dazu klebt und witzige Randbemerkungen einstreut, die Aussagen verstärken oder sich davon distanzieren, was eine zusätzliche Ebene in das Buch einzieht.

Das ist wunderbar klug und vielschichtig – und als anrührendes Bekenntnis zum Wagnis der Liebe nicht zuletzt auch: sehr mutig.

Liv Strömquist: "Ich fühl’s nicht"
Übersetzt aus dem Schwedischen von Katharina Erben
Avant Verlag, Berlin 2020
176 Seiten, 20 Euro

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