Seit 01:05 Uhr Tonart

Montag, 10.08.2020
 
Seit 01:05 Uhr Tonart

Interview | Beitrag vom 07.07.2020

Literaturwissenschaftlerin Alexandra PontzenWarum 1100 deutsche Literaturpreise nicht zu viel sind

Moderation: Liane von Billerbeck

Beitrag hören Podcast abonnieren
Bücherstapel auf der Buchmesse Leipzig 2019  (imago / Chris Emil Janßen)
Preise konkurrieren nicht nur miteinander, sie bilden auch ein Netzwerk, sagt Alexandra Pontzen. (imago / Chris Emil Janßen)

Rund 1100 Literaturpreise gibt es in Deutschland, und alle haben ihre Berechtigung, meint die Literaturwissenschaftlerin Alexandra Pontzen. Ganz oben: der Büchner-Preis - auch wenn der Deutsche Buchpreis mittlerweile bekannter ist.

Routinemäßig wird vom Büchner-Preis, dessen diesjährige Preisträgerin Elke Erb am heutigen Dienstag verkündet wurde, als dem "renommiertesten" deutschen Literaturpreis gesprochen. Doch die Literaturwissenschaftlerin Alexandra Pontzen, Professorin an der Universität Duisburg-Essen, hat festgestellt, dass ihren Studierenden der Deutsche Buchpreis zumindest "viel geläufiger ist als der Büchner-Preis".

"Einfach ein guter Coup"

Das habe mit dem sehr guten Marketing zu tun, das rund um den Buchpreis betrieben werde, meint sie - und mit dem wettbewerbsförmigen Verfahren, vorab eine Longlist und eine Shortlist zu veröffentlichen. Dadurch würden Erwartungen geschürt und Autoren, die vielleicht vorher gar nicht so bekannt waren, auch schon vor der Entscheidung bekannt gemacht. Und nicht zuletzt liege es auch am Titel "Deutscher Buchpreis":

Abonnieren Sie unseren Kulturnewsletter Weekender. Die wichtigsten Kulturdebatten und Empfehlungen der Woche. Ab jetzt immer freitags per Mail. (@ Deutschlandradio)

"Es war einfach ein guter Coup, das so zu nennen. Es ist 'nur' ein Romanpreis, aber sie nennen es Buchpreis, als sei das nun das Nonplusultra – der deutsche Buchpreis – das ist einfach clever", so die Literaturwissenschaftlerin. "Um zu wissen, was der Büchner-Preis ist und dass er keinesfalls mit dem Plural von Buch zu tun hat, braucht es halt schon ein bisschen Bildungswissen, und das ist nicht immer so präsent."

Unterschiedliche Profile, unterschiedliche Aufgaben

Der häufig geäußerten Klage über die Inflation an Literaturpreisen in Deutschland - mittlerweise sind es etwa 1100 - mag sich die Leiterin des DFG-Forschungsprojekts "Literaturpreise im deutschsprachigen Raum seit 1990: Funktionen und Wirkungen" nicht anschließen. Denn diese Preise bildeten ein Netzwerk und übernähmen mit ihren jeweiligen Profilen unterschiedliche Aufgaben: Zum Beispiel eine Region zur literarischen Heimat zu machen, zu einem "Ereignisort für Literatur, an den dann Autoren reisen oder der den Bewohnern vor Augen führt, dass sie in einer Kulturregion zu Hause sind".

Die zahlreichen Kinder- und Jugendliteraturpreise wiederum zeigten, "welche literaturdidaktischen Aufgaben Preise auch übernehmen können, indem eben junge Leser in die Jurys mit hineingeholt werden, in ihrer Lesemotivation auf einmal gestärkt sind, auch in ihrer Urteilskompetenz herausgefordert werden".

Unter den neu gegründeten Literaturpreisen schließlich fänden sich viele, die auf bestimmte Werte abzielten: "Ich denke an den 'Wortmeldungspreis', der eben versucht, besonders aktuelle Gegenwartsthemen in die Kurzprosa hineinzuholen, also ein bisschen auch die Literatur zu lenken", sagt Pontzen. "Ob man das gut finden mag, ist eine andere Frage, aber das sind so unterschiedliche Ansätze, dass sie eben auch alle nebeneinander Platz haben."

(uko)

Mehr zum Thema

Frankfurter Buchmesse 2019 - Literaturpreise auf dem Prüfstand
(Deutschlandfunk, Büchermarkt, 16.10.2019)

Christoph Ransmayr - Über die Gefahr von Literaturpreisen
(Deutschlandfunk Kultur, Interview, 16.10.2019)

Interview

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur