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Im Gespräch | Beitrag vom 05.07.2018

Literaturwissenschaftler Reiner StachKafka als Alter Ego

Moderation: Katrin Heise

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Der Berliner Kafka-Biograf Reiner Stach  (picture alliance / dpa / Paul Zinken)
18 Jahre lang hat Reiner Stach an seiner Kafka-Biografie gearbeitet. (picture alliance / dpa / Paul Zinken)

Burnout und alternative Lebensformen waren auch Kafka nicht fremd. Reiner Stach hat den Prager Autor und dessen Zeit akribisch erforscht und eine Biografie von über 2000 Seiten verfasst. Für ihn ist Kafka so aktuell wie nie.

Am Anfang war ein Schuber mit Kafkas Romanen und Tagebüchern. Den gewann Reiner Stach als Jugendlicher bei einem Preisausschreiben. Besonders die Tagebücher las er mit großer Begeisterung. "Das ging mir unter die Haut und ich dachte, mit dem musst Du Dich jetzt wirklich auseinander setzen." Er, der aus einem Hause kam, wo es wenig Verständnis für seine Neigung zur Literatur gab, fühlte sich mit Kafka auch verbunden, weil der ähnlich mit seinen Eltern zu kämpfen hatte.

Kafka ließ ihn nie wieder los. Nach einem abgebrochenen Philosophie- und einem Lehrerstudium ging er beharrlich seinen Weg an der Seite des Prager Schriftstellers. Seine Dissertation, die er über das Verhältnis des Autors zu Frauen schrieb, wurde gleich prominent veröffentlicht.

Drei Bände, über 2000 Seiten

Nach zehn Jahren als Lektor beim Kafka-Verlag Fischer, bot er an, eine Biografie über Kafka zu schreiben. Weltweit gab es kein aktuelles biografisches Werk zu dem deutsch-tschechischen Autor, der 1924 mit 40 Jahren starb. Reiner Stach schrieb zwei Probekapitel und bekam sofort den Zuschlag der Verlegerin.

"Das hat eine solche Euphorie ausgelöst, dass ich einen sehr schönen Vertrag bekommen habe. Ich habe auch gesagt, wenn ich szenisches Erzählen praktiziere und ich bleibe bei dem Stil, dann wird das in einem Band nicht zu machen sein, aber sie hat dann gesagt, es können auch zwei oder drei Bände werden."

Undatiertes Porträt des Schriftstellers Franz Kafka. (picture-alliance / dpa / CTK)Undatiertes Porträt des Schriftstellers Franz Kafka. (picture-alliance / dpa / CTK)

Drei dicke Bände, über 2000 Seiten sind das Ergebnis seiner 18-jährigen Arbeit, bei der er das Wesen des Autors auf empathische Weise ergründete, aber auch tief in die gesellschaftlich historischen Umstände der ersten beiden Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts eintauchte. Sehr intensiv habe er Tageszeitungen von damals studiert, um zum Beispiel herauszufinden, wie die Menschen sich damals unterhalten haben oder welche Rolle der Sport spielte. "Kafka war ein begeisterter Schwimmer und wie war das mit ihm, konnte er das ausüben oder galt er als Kauz".

Kafka für junge Leser

Die Zeit, so die Erkenntnis von Reiner Stach, hat viele Parallelen zu unserer Gegenwart: Von der Sorge vor Selbstentfremdung des Menschen durch die Entwicklung der Technik, über Burnout bis hin zu alternativen Lebensformen. Umso mehr liegt es ihm am Herzen, Kafka jungen Menschen nahe zu bringen. Wenn sie Schwierigkeiten mit den Romanen hätten, empfiehlt er ihnen zum Beispiel mit den Liebesbriefen anzufangen: "Die sind auf dem selben sprachlichen Niveau, aber eröffnen einen ganz anderen Zugang zu diesem Menschen."

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