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Im Gespräch | Beitrag vom 20.01.2021

Literaturwissenschaftler Hans Ulrich GumbrechtVielschreiber, Frühaufsteher und Sportfan

Moderation: Britta Bürger

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Der Romanist Hans Ulrich Gumbrecht bei einem Vortrag im Audimax der Universität Bayreuth. (imago images / Peter Kolb)
Hans Ulrich Gumbrecht bei einem Vortrag im Audimax der Universität Bayreuth. (imago images / Peter Kolb)

Eigentlich sollte Hans Ulrich Gumbrecht Chirurg werden, doch er war "drastisch ungeschickt". Und interessierte sich ohnehin mehr für Geschichte, Philosophie und Sport. Der Romanist lebt in den USA - und freut sich über den neuen Präsidenten.

Seit den 1980er-Jahren lebt und arbeitet Hans Ulrich Gumbrecht in den USA, vor allem in Kalifornien. Seit 20 Jahren besitzt er die amerikanische Staatsbürgerschaft. Aber erst während der Präsidentschaft von Donald Trump wurde dem Literaturwissenschaftler noch einmal bewusst, "wie anders die politischen Präferenzen, die politischen Sorgen, die politische Stimmungen in anderen Teilen des Landes sind". Immer wieder musste der Romanist in den letzten vier Jahren politische Einschätzungen überdenken, manchmal ganz revidieren. Zuletzt nach den Geschehnissen in Washington:

Steve Bannon als Gefahr

"Den Sturm auf das Kapitol, wie man das heute nennt, hatte ich zunächst unterschätzt. Ich dachte, das sind alles Trump-Touristen, die in das Kapitol eindringen. Die einen Selfie machen und wieder nach Hause fliegen. Das hat sich ja doch als ein größeres Krisenpotenzial herausgestellt." Unter denen, die Anfang Januar gewaltsam ins Parlament eindrangen, waren laut FBI Anhänger von Bürgermilizen, Rechtsextreme, Verschwörungstheoretiker und fanatische Trump-Wähler.

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Nach der Präsidentschaftswahl im November sei er vor allem optimistisch gewesen, sagt Gumbrecht. Jetzt blicke er auch mit viel Sorge auf die Amtszeit von Joe Biden. "Die Gefahr könnte sein, dass jemand mit einem anderen Organisationstalent als Trump - etwa Steve Bannon, der am Anfang sein zentraler Berater war - sich dieses von Trump abgerufene und aktivierte Potenzial zunutze macht."

Ein wenig Hoffnung macht dem Romanisten auf jeden Fall Bidens Rede nach dem Wahlsieg. Der Demokrat sprach damals ganz bewusst auch die Wählerinnen und Wähler an, die für Trump votiert hatten und versprach, auch deren Vertrauen gewinnen zu wollen: "Das ist nicht besonders überraschend. Aber ich habe das für einen Schritt in die richtige Richtung gehalten."

Auch wenn man die Gewalt von Teilen der Trump-Anhänger nicht verharmlosen solle, "denke ich schon, dass man 74 Millionen Trump-Wähler nicht einfach vernachlässigen kann. Das ist moralisch sehr rigoros, das geht nicht, das wären zu viele."

Von der Philosophie des Mittelalters bis zum Sport

Bevor der Literaturwissenschaftler in die USA ging, lehrte er als Professor unter anderem in Konstanz, Bochum und Siegen. Immer wieder war er auch international als Gastprofessor tätig. Fast 30 Jahre hatte er einen Lehrstuhl für Komparatistik an der Stanford University inne. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten gehören die europäische Literatur und Philosophie des Mittelalters. Aber auch mit Medien und Kommunikation sowie dem Sport beschäftigt er sich in seinen Texten.

Gumbrechts Monographien wurden in zwanzig Sprachen übersetzt. Oft schreibt er an mehreren Publikationen parallel. Dafür stehe er früh auf, vier Uhr sei für ihn eine gute Zeit, berichtet er.

2020 veröffentlichte der Vielschreiber ein Buch über den französischen Schriftsteller und Philosophen Denis Diderot. Und als scheinbares Kontrastprogramm verfasste er ein Essay darüber, warum Stadien und Menschenmassen so faszinierend sind. Gumbrecht ist bekennender Anhänger von Borussia Dortmund und liebt American Football. Vor der Coronazeit, erzählt der 72-Jährige, hätten Stadionbesuche ganz selbstverständlich zu seinem Alltag gehört.

Die nichtintellektuelle Dimension des Lebens

"Sport live zuzuschauen, im Stadion zu sein, das ist eine Dimension der Existenz, die mir sehr wichtig ist. Ich bin Teil einer Masse, eines mystischen Körpers, wie ich das nenne. Und diese nichtindividuelle, nichtintellektuelle Dimension des Lebens, an der liegt mir etwas. Das macht mein Leben komplexer."

Eigentlich hätte Gumbrecht eine Karriere als Chirurg machen sollen, wie sein Vater. Doch: "Ich hatte nie Lust, Arzt oder Chirurg zu werden. Und was mir dabei geholfen hat, ist, dass ich in drastischer Weise manuell ungeschickt bin. Ich habe zum Beispiel erst mit neun Jahren gelernt, mir die Schuhe zu schnüren, sodass meine Eltern schon früh Bedenken hatten."

Durch ein Austauschjahr in Paris lernte Hans Ulrich Gumbrecht dann Französisch, durch sein Studium Spanisch und Portugiesisch. Für diese Sprachen, so der Romanist, habe er eine Passion: "Und ähnlich wie das Englische, sind sie mir mittlerweile in den Körper eingeschrieben."

Die Stimmen von Joplin, Piaf und Presley 

Da überrascht es nicht, wenn Gumbrecht gerade ein neues Buch über die Stimme schreibt. Es soll dabei auch um die Stimmen von Janis Joplin, Edith Piaf und ganz besonders von Elvis Presley gehen. Dessen Stimme ist für den gebürtigen Würzburger so wichtig, "weil ich unter amerikanische Besatzung aufgewachsen bin. Und weil American Forces Network der Sender war, den ich auf meinem ersten kleinen Transistorradio den ganzen Tag und die ganze Nacht hören konnte. Und da war in den späten 1950er-Jahren Elvis Presley die dominante Stimme."

(ful)

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