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Im Gespräch | Beitrag vom 16.10.2019

Literaturübersetzer Hinrich Schmidt-Henkel"Ein gieriges, offenes Ohr für die Sprache"

Hinrich Schmidt-Henkel im Gespräch mit Ulrike Timm

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Hinrich Schmidt-Henkel posiert, die Arme verschränkt in einem gestreiften Anzug, lächelnd für ein Porträt. (Imago / Gerhard Leber)
Seine Eltern haben sich in einer Bibliothek kennengelernt: Hinrich Schmidt-Henkels Weg in die Literatur war quasi vorbestimmt. (Imago / Gerhard Leber)

Er zählt zu den renommiertesten deutschen Literaturübersetzern: Hinrich Schmidt-Henkel wurde bereits mit vielen Preisen ausgezeichnet. Der Literatur verdanke er sein Leben, sagt er. Und das ist tatsächlich keine Übertreibung.

"Schreiben wie der Autor, aber in meiner Sprache", so beschreibt Hinrich Schmidt-Henkel seine Arbeit als Übersetzer. "Dazwischen liegt ein unglaublich komplexer Transfer-Prozess." Als Übersetzer müsse man "mit dem Originaltext verhandeln", zitiert er Umberto Eco. Wenn sich der Inhalt an einer Stelle nicht komplett übertragen lasse, dann vielleicht an einer anderen. Man müsse Prioritäten setzen. "Das kann ganz sicher nicht jeder", sagt Schmidt-Henkel.

Er kann es: Das belegen seine Übersetzungen aus dem Französischen, Italienischen und Norwegischen sowie zahlreiche Preise, die er für seine Arbeit erhalten hat. Zum Beispiel bekam er 2018 den Königlich Norwegischen Verdienstorden. Zu dieser Auszeichnung gehört auch eine 15-minütige Audienz im Königshaus. "Das muss ich noch in Anspruch nehmen", erzählt Schmidt-Henkel. "Ich bin wahnsinnig neugierig, in dieses Schloss reinzukommen."

Aus Liebe Norwegisch gelernt

Schmidt-Henkel hat sich schon immer für skandinavische Sprachen interessiert. "Ich hab als Kind angefangen, Dänisch zu lernen, hab an der Uni Schwedisch gelernt, und hatte dann viele Jahre lang einen norwegischen Schatz, der zwar sehr gut Deutsch kann, aber ich wollte dann natürlich auch diese Sprache können." Als er "idiotisch spät" beschlossen habe, mit literarischen Übersetzungen sein Geld zu verdienen, suchte er gezielt nach norwegischen Texten.

Außerdem war er viel in Norwegen unterwegs, um das Land verstehen zu lernen. "Ich muss wissen, wie es in den Häusern riecht", sagt Schmidt-Henkel. "Die Sprache können ist eine Sache. Man muss mit der Kultur vertraut sein, man muss mit dem Alltag vertraut sein." Nur so könne man entsprechende Assoziationen nachvollziehen und eine Sprache wirklich gut übersetzen.

Literatur als Lebensweg

Wenn er sagt, er verdanke der Literatur sein Leben, ist es wortwörtlich gemeint: "Meine Eltern haben sich in einer Bibliothek kennengelernt. Meine Mutter war sehr bildungshungrig und las sehr viel. Mein Vater verdiente sich als Student in der Ausleihe was dazu."

Schmidt-Henkels Lebenspartner Frank Heibert ist ebenfalls Übersetzer, auch hier war wieder die Literatur lebensbestimmend: Die beiden haben sich auf der Buchmesse kennengelernt. "Wir wussten voneinander, kannten uns aber nicht." In diesem Einzelkämpfer-Beruf sei es gut, nicht allein zu sein.

Drohende Altersarmut

Die traditionell schlechte Bezahlung von Übersetzungen hat sich in den vergangenen Jahren nicht verbessert. Im Gegenteil, sagt Schmidt-Henkel: "Pro Normseite verdienen wir inflationsbereinigt heute 3,40 Euro weniger als 2001. Es ist bei uns immer noch Altersarmut die Regel." Geldgierige Menschen sollten also nicht unbedingt Übersetzer werden. Sprachgierige schon, meint Schmidt-Henkel. Er habe "ein gieriges, offenes Ohr für die Sprache. Wenn ich zum Beispiel Jugendsprache übersetzen soll, gehe ich in die U-Bahn und höre: Wie sprechen die miteinander? Und was davon lasse ich nachher in den Text einfließen?"

Wenn er mal nicht als Übersetzer arbeitet, formuliere er viel im Kopf. Ansonsten singt er im Chor, bäckt gerne und kümmert sich um den Garten, den er mit seinem Partner Heibert in Brandenburg besitzt. "Wenn ich da ankomme, dann merke ich fast körperlich wie alles Mögliche von mir abfällt – und jetzt ist Luft, jetzt ist Erde, jetzt ist Geruch, jetzt ist Farben, andere Töne, andere Geräusche."

(mah)

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