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Lesart / Archiv | Beitrag vom 06.10.2014

LiteraturscoutsDie Trüffelschweine der Buchbranche

Hella Faust sichtet Manuskripte in Frankreich

Von Anette Selg

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Altes Buch mit vergilbten Seiten und angestoßenen Kanten am Buchdeckel, aufgenommen am 2.4.2012. Foto: Jens Kalaene dpa/lbn (dpa / Jens Kalaene)
Sichten, prüfen, anlesen - das ist die Aufgabe von Literaturscouts. (dpa / Jens Kalaene)

Welcher amerikanische oder französische Roman in Deutschland zum Bestseller werden könnte, erfahren Verlage von Literaturscouts wie etwa Hella Faust. Von Paris aus spürt sie Manuskripte auf - und hat schon so manche Entdeckung gemacht.

Verlässt man den Pariser Vorortzug nach einer halben Stunde Fahrt in Saint-Germain-en-Laye, steht man direkt vor einer schönen Schloss- und Parkanlage. Der junge Ludwig der XIV. residierte hier, bevor er Ende des 17. Jahrhunderts seinen Prunkpalast in Versailles bezog. Hella Faust ist vor ein paar Jahren aus dem überteuerten Paris hierher gezogen und wohnt seitdem mit Mann und Sohn in der kleinen Stadt.

Hella Faust ist 1967 in der DDR zur Welt gekommen. Sie ist in Leipzig aufgewachsen und hat das Land 1989, sobald es eben möglich war, in Richtung Frankreich verlassen.

"Ja, ich bin nach Paris gekommen, ursprünglich als Au-pair, wie viele junge Mädchen. Bin dann hier geblieben, hab hier angefangen, Literatur zu studieren. Hab dann auch schon während des Studiums angefangen, Übersetzungen zu machen für deutsche Verlage – und hatte dann erst mal angefangen, in einem französischen Verlag zu arbeiten. Und dort hab ich dann auch den Beruf des Scouts überhaupt kennengelernt, weil dieser Verlag einen Literaturscout in Amerika hatte. Und das hat mir sehr gut gefallen vom Profil her, und so ging das eigentlich los."

Mittlerweile arbeitet Hella Faust seit über 15 Jahren selbst als Literaturscout in Paris und sucht dort nach Büchern für den Hanser Verlag in Deutschland, für Mondadori in Italien oder für die schwedischen Bonnier Verlage.

"Also das ist das allererste Kriterium, die Bücher herauszupicken, wo man denkt, dass das auch im Ausland funktionieren könnte. Und dann gibt es oft auch große Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern. Ich hab die Erfahrung schon oft gemacht, dass sich die deutschen Verleger für ein Buch interessieren und die italienischen überhaupt nicht oder die schwedischen."

Manuskripte sichten, prüfen, anlesen

Bis zu 600 Originaltitel erscheinen jedes Jahr auf dem französischen Buchmarkt. Hella Faust muss sich einen Überblick verschaffen, muss Manuskripte sichten, prüfen, anlesen – um dann ihren Kunden, also ihren Verlagen, möglichst früh mitzuteilen, welches französische Buch auch im Ausland ein Erfolg werden könnte. In Paris, wo fast alle wichtigen französischen Verlage sitzen, trifft sich Hella Faust außerdem regelmäßig mit Lektorinnen und Lektoren, mit Verlegern und Mitarbeitern der Lizenzabteilungen.

"Unsere Arbeit besteht immer darin, auch zu erahnen was wichtig sein könnte, bevor man es überhaupt gelesen hat. Deshalb sind auch die persönlichen Gespräche mit den Verlagspartnern sehr wichtig. Deshalb muss man auch vor Ort sein. Denn das könnte man aus der Entfernung nicht so intensiv betreiben, wie wenn man hier in Paris lebt."

An der Entdeckung eines der wichtigsten französischen Autoren unserer Zeit war Hella Faust maßgeblich beteiligt. Dabei war der Schriftsteller damals selbst in Frankreich noch relativ unbekannt und hatte gerade mal ein schmales Buch veröffentlicht. Zum Skandalautor wurde er erst mit seinem folgenden Roman:

"Das waren die 'Elementarteilchen' von Houellebecq. Da war es so – wenn ich mich richtig daran erinnere –, den Text hatte ich schon vor Erscheinungsdatum bekommen und hatte mich sehr stark dafür eingesetzt. Das war, glaub ich, im Juli. Die Bücher erscheinen hier immer Ende August beziehungsweise September. Houellebecq hatte ja damals noch bei weitem nicht den Stand, den er heute hat. Also das große Publikum kannte ihn überhaupt noch nicht. Das hatte sich dann noch hingezogen bis zur Frankfurter Buchmesse und da wurden dann auf einmal alle wach und wollten das Buch haben. Und ja, die Tatsache, dass wir schon wochenlang dran waren, das hatte sicher auch den Ausschlag gegeben."

Vor allem seit Houellebecq gibt es in Deutschland wieder ein verstärktes Interesse an aktueller französischer Literatur:

"Ich glaub, die deutschen Verlage sind hier am besten vertreten von allen Nationen der Welt. Die deutschen Verlage sind wirklich die, die sich das am meisten kosten lassen. Es ist ja auch eine Kostenfrage. Es gab da auch einen Generationenwechsel. Als ich angefangen hab, war ich die jüngste, und es sind insgesamt schon auch mehr geworden. Wir sind jetzt 15 oder 20, und fast alle haben deutsche Kunden."

Deutsches Interesse an französischer Literatur

Einer von Hella Fausts derzeitigen Lieblingstiteln stammt von dem französischen Autor Jean-Philippe Blondel. Sein Roman erzählt von einer Zugfahrt, auf der sich ein ehemaliges Liebespaar nach 30 Jahren zufällig wiedersieht.

"Das ist auch ein Autor, der grade erschienen ist und, glaub ich, sehr gut läuft, also der steht auf der Bestsellerliste. Der französische Titel war '6:41 Uhr'. Da gab es auch mehrere Verlage, die interessiert waren, und da hab ich mich auch sehr für eingesetzt. Die Motivation zählt schon sehr."

Den gerade sehr erfolgreichen Roman des Franzosen Romain Puértolas: "Die unglaubliche Reise des Fakirs, der in einem Ikea-Schrank feststeckte", hatte Hella Faust ihrem deutschen Kunden, dem Hanser Verlag, ebenfalls ans Herz gelegt. Erschienen ist der Titel allerdings dann bei Fischer – ohne ihre Vermittlung.

"Meine Rolle ist wirklich begrenzt. Ich geb Empfehlungen, aber ich kann nicht gegen die Meinung der Lektoren ankommen. Das muss ich mir auch immer wieder klarmachen. Aber es ist dann immer, wie soll ich sagen, eine traurige Befriedigung, wenn ich dann Bücher sehe, die ich empfohlen habe und ich hab mich nicht durchsetzen können. Und wenn sie dann bei der Konkurrenz erschienen und dort ein großer Erfolg werden, dann sag ich mir: Na immerhin, hab ich mich nicht ganz getäuscht. Aber das ist völlig in Ordnung, das gehört halt zu unserem Job dazu."

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