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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 04.03.2015

LiteraturnobelpreisträgerWie Joseph Brodsky zum Ukraine-Hasser wurde

Von Eva Hepper

Der Literaturnobelpreisträger Joseph Brodsky (Imago)
Der Literaturnobelpreisträger Joseph Brodsky (Imago)

Joseph Brodsky war ein literarischer Freigeist. Doch nach dem Zerfall der Sowjetunion verwandelte er sich in einen radikalen Nationalisten, beschimpfte die Ukrainer als kulturloses "Dreckspack". In Russland erlebt eines seiner Gedichte nun eine Renaissance.

Russland führt Krieg gegen die Ukraine: Das steht fest für Michail Ryklin. Und zu diesem Krieg gehört ein Hass, der geschürt wird – genauer: der geweckt wird, so Ryklin:

"Wenn man in Moskau den Fernseher anschaltet, ist es schwer zu überhören: Wie die Ukrainer beschimpft werden. Welche entsetzlichen Verbrechen man ihnen vorwirft. Sie heißen immer nur Faschisten, Bandera-Leute und Strafkommandos. Talkshow-Teilnehmer sprechen der Ukraine das bloße Existenzrecht ab. Ich frage mich aber, lässt sich eine so schroffe Veränderung des Verhältnisses zu einem Brudervolk allein mit der Effektivität der Propagandamaschinerie erklären? Oder sollte man den Ursprung dieser Effektivität nicht auch in den unbewussten Einstellungen des Auditoriums suchen, an die die Propaganda appelliert? Ich bin sicher, in keinem anderen Land als Russland hätte die Propaganda vergleichbare Resultate erzielt. Sie bringt das an den Mann, was die Leute selbst hören wollen, dessen Virus sie schon in sich tragen."

Ausgerechnet Brodsky empörte sich über die ukrainische Unabhängigkeit

Michail Ryklin, Professor am Institut für Philosophie der Moskauer Akademie der Wissenschaften, vergleicht die Anfälligkeit seiner Landsleute für die antiukrainische Propaganda mit einem Virus. Den meisten Infizierten attestiert er, gar nichts von dem in ihnen Schlummernden zu wissen. Komme jedoch der rechte Moment – etwa inszenierte oder tatsächliche Bilder der Aggression, verbreitet von den Massenmedien – breche die Krankheit aus. Niemand sei davor gefeit.

Selbst solche nicht, die sich eigentlich nicht vor einen politischen Karren spannen lassen, wie Joseph Brodsky.  Ausgerechnet Brodsky, 1940 in Leningrad, dem heutigen Sankt Petersburg geboren, 1972 aus der UdSSR ausgebürgert, amerikanischer Staatsbürger seit 1977, zehn Jahre später Literaturnobelpreisträger – ein unabhängiger Freigeist, der einst sagte: "Wir sind Schriftsteller. Wir lassen uns nicht durch unser politisches System definieren." Ausgerechnet Brodsky empörte sich, als die Ukraine nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 ihre politische Selbstständigkeit erklärte.

Michail Ryklin:

"Anfangs verstand Brodsky nicht, warum ihn dieser Akt so heftig traf und in Wut versetzte. Alles, was schlecht ist für die Sowjetunion, ist absolut richtig, hatte er einmal gesagt. Der Zerfall der UdSSR, so könnte man glauben, hätte ihn freuen müssen. Aber nichts dergleichen. Denn die Ukraine hatte sich von Russland, von seiner großen Kultur abgespalten. Ja, diese Reaktion war emotional und unlogisch und widerspricht allem, was er früher gepredigt hatte. Aber die Wut, die tiefe Kränkung verfolgt nicht, sondern verstärkte sich noch,  und er setzte sich hin und schrieb das Gedicht 'Auf die Unabhängigkeit der Ukraine'."

In diesem Gedicht verunglimpft Brodsky die Ukrainer. Ein "Kürbis-Melonenvolk" seien sie. "Dreckspack", das mit den "Fritzen" und den "Pollacken" im Bunde Russland verraten und sich von der großen russischen Kultur abgewendet habe. Eine Todsünde. Dabei hätten die Ukrainer selbst keine hohe Kultur, sich stattdessen immer vom großen russischen Volk "kulturell ernährt".  

Brodskys Schmähgedicht ist wieder aufgetaucht

Die Unabhängigkeitsbestrebung der Ukraine hatte Joseph Brodsky in einen radikalen Nationalisten verwandelt. Was für eine Metamorphose für einen Schriftsteller, der sich im amerikanischen Exil noch als "Juden, russischen Dichter und amerikanischen Staatsbürger" bezeichnet hatte! Immerhin erkannte er das Gift in seinem Gedicht. Brodsky war über sich selbst erschrocken, meint Michail Ryklin, – und so hat er die Zeilen nie publiziert, sondern bis zu seinem Tod 1996 lediglich ein paar Mal öffentlich daraus gelesen.

Nun aber, im aktuellen Konflikt zwischen Russland und der Ukraine, ist das Schmähgedicht wieder aufgetaucht und wurde, Ryklin mag es kaum glauben, in Russland zum wichtigsten Gedicht des Jahres 2014 erklärt. Barbarischer großrussischer Chauvinismus? Michail Ryklin urteilt lieber vorsichtig.

"Beim Kommentieren des Gedichts 'Auf die Unabhängigkeit der Ukraine' blickt man unwillkürlich argwöhnisch auch auf sich selbst. Was wundern wir uns über die antiukrainische Hysterie in Moskau, wenn zwanzig Jahre nach seiner Emigration ein Nobelpreisträger, ein Kavalier des Ordens der Ehrenlegion, der sein Leben lang Privatmensch sein wollte, was ihm auch gelungen ist, ein absoluter Einzelgänger, wie Solschenizyn Brodsky einmal nannte, und dieser Mann hat sich plötzlich nicht mehr in der Hand gehabtundein solches Gedicht in die Welt setzt? Bist Du denn Dir, fragt man sich, so sicher, dass du dem Großen-Bruder-Komplex, der imperialen Arroganz nicht erliegst? Also, besser erstmal nichts versprechen."

Das ist der – beängstigende – Clou an Michail Ryklins Gedanken: dass tief im Inneren Unterströmungen ziehen. Derer man sich nicht bewusst ist. Und gegen die man vielleicht nicht ankommt, wenn es drauf ankommt. 

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