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Fazit | Beitrag vom 13.10.2018

Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk in GöttingenSeltener Gast in Deutschland

Von Christian Röther

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Er hat den Kamerablick: Der türkische Schriftsteller Orhan Pamuk bei einer Lesung in Krakau 2012 (dpa / picture alliance / Jacek Bednarczyk)
Er schreibt nicht nur, er fotografiert auch: Orhan Pamuk (dpa / picture alliance / Jacek Bednarczyk)

Der türkische Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk liest beim Göttinger Literaturherbst – seine einzige Lesung in Deutschland in diesem Jahr. Und dabei hat er eine Ausstellung eröffnet. Zu sehen sind Fotos, die er von seinem Istanbuler Balkon aus gemacht hat

Einige Gäste warten schon, als Orhan Pamuk eintrifft. Er kommt aus Frankfurt – allerdings nicht von der Buchmesse, sondern vom Flughafen.

Da er zwei Fotobücher veröffentliche, sei es für ihn besser, nach Göttingen zu kommen als nach Frankfurt, erklärt Pamuk – dabei ist Göttingen nicht gerade als Fotostadt bekannt. Aber hier hat der Steidl-Verlag seinen Sitz, und der veröffentlicht eines von Pamuks Fotobüchern.

Pamuk ist glücklich über die Ausstellung

Der Schriftsteller kennt das fertige Buch noch gar nicht. Er blättert es durch, streicht über die Seiten. Streicht auch über die Bilder an den Wänden, notiert sich, auf was für Papier sie gedruckt sind, und murmelt in zwei Minuten bestimmt 50 Mal "Yes". Er sei sehr glücklich über das Buch und die Ausstellung, sagt Pamuk. Beide tragen den Titel "Balkon". Denn im Herbst 2012 hat der Schriftsteller sich in New York eine Kameraausrüstung gekauft. Die hat er auf seinem Balkon im Istanbuler Stadtteil Cihangir aufgebaut – mit bester Sicht auf den Bosporus– und dann abgedrückt.

(Christian Röther)Der Blick von Pamuks Balkon (Christian Röther)

8.500 Fotos entstanden in fünf Monaten. Knapp 500 wurden für die Buchpublikation und die Ausstellung ausgewählt. Die Motive verändern sich logischerweise kaum: Wir sehen eine Moschee direkt vor dem Balkon, eine auf der anderen Seite des Bosporus. Dazwischen Wasser, Schiffe. Menschen geraten kaum in den Blick.

Eine Bugwelle als Sensation

Trotzdem würden die Bilder eine Geschichte erzählen, findet Pamuks Verleger Gerhard Steidl: "Wenn man diesen Blick aus der Perspektive des Balkons auf den Bosporus über einen ganzen Winter hinweg betrachtet, so wie es Pamuk getan hat, dann schärft das Auge sich auf die Ereignisse. Und dann ist plötzlich eine Bugwelle bei einem Schiff eine Sensation."

Gerhard Steidl produziert gerne hochwertige Fotobücher und entschloss sich sofort zu einer Herausgabe, als Orhan Pamuk ihm vor ein paar Jahren in Istanbul seine Aufnahmen zeigte.

Hüzün - das Istanbuler Lebensgefühl

Pamuks zweites Fotobuch ist gerade bei Hanser, seinem Stammverlag erschienen: "Istanbul – Erinnerungen und Bilder aus einer Stadt". Die Fotos aus den 1950er-70er Jahren zeigen viel Grau, Schwermut, Tristesse – oder wie man in der Türkei sagt: Hüzün – laut Pamuk drückt dieses Wort das Istanbuler Lebensgefühl aus. Früher, findet er, sei es den Menschen in Istanbul übrigens schlechter gegangen als heute, trotz der drückenden politischen Probleme.

Will Pamuk vielleicht noch ein bisschen mehr sagen zu diesen heutigen politischen Problemen in der Türkei? Ja sicher, aber das sei jetzt nicht die passende Gelegenheit dafür. Darf man dann wenigstens die Fotos politisch interpretieren – zum Beispiel als Ausdruck der Sprachlosigkeit eines Schriftstellers?

Fotos, keine Symbole

Da sei nicht viel Politik in den Bildern, sondern eher seine eigene Psyche, sagt Pamuk. Vielleicht hätten die Bilder etwas mit Politik zu tun, aber am Ende seien sie eben Fotos, keine Symbole. Dabei könnte man die Bilder so durchaus symbolisch deuten. Sie wirken meist trist und ungemütlich. Aber hier und da bricht Licht durch die Wolken, oder Vögel hocken auf der Moschee oder kreisen über dem Wasser. Sind das vielleicht Zeichen der Hoffnung für die Türkei? Da wird Pamuk kurz ein bisschen lauter.

Er wolle seine Fotos nicht interpretieren, und er kenne die Bedeutung auch gar nicht. Verleger Steidl unterstützt diese Haltung: "Ein Foto soll man nicht interpretieren. Also man betrachtet es, oder man betrachtet mehrere Fotos hintereinander, und man erkennt eine Geschichte oder ein Konzept oder was auch immer man will. Und dann muss man halt entscheiden, ob einem das gefällt oder nicht. Es ist ein kompliziertes Stück Fototheorie, was hier gezeigt wird in der Ausstellung und im Buch."

Zu kompliziert möchte Orhan Pamuk es an diesem Abend allerdings nicht haben. "But let‘s be simple: I‘m happy to be here." (lacht)

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