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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 13.06.2014

LiteraturgeschichteAmerikanischer Klassiker in neuer Übersetzung

Nathaniel Hawthorne: "Der scharlachrote Buchstabe"

Von Jörg Magenau

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Spießrutenlauf: Demi Moore muß als Hester Prynne in "Der Scharlachrote Buchstabe" das rote "A" für Ehebruch ("Adultry") tragen. (dpa picture alliance/ Constant_film)
Spießrutenlauf: Demi Moore muss als Hester Prynne in "Der Scharlachrote Buchstabe" das rote "A" für Ehebruch ("Adultry") tragen. (dpa picture alliance/ Constant_film)

Er ist einer der Schlüsseltexte der amerikanischen Literatur: "Der scharlachrote Buchstabe" mit seiner Geschichte einer ausgestoßenen Frau, die fremdgegangen ist. Jürgen Brocan verwendet in seiner neuen Übersetzung eine angemessen altertümliche, aber nicht angestaubte Sprache.

Das Geheimnis dieses Romans ist gleich in der berühmten Eingangsszene verborgen. Da verlässt eine junge Frau, Hester Prynne, das Bostoner Gefängnis unter lebhafter, gehässiger Anteilnahme des Volkes und besteigt den Pranger auf dem Marktplatz. Dort muss sie den Tag über die Blicke der Menge aushalten. Das uneheliche Kind, das sie geboren hat, hält sie auf dem Arm (fast wirkt sie wie ein Marienbildnis), das Schandmal, ein großes scharlachrotes "A" für "Adultery (Ehebruch) leuchtet auf ihrer Brust. Der Erzähler, der diese Szene in der Eindringlichkeit eines großen Ölgemäldes ausführt, kommentiert:

"Doch in unserer Natur liegt eine ebenso wunderbare wie gnädige Vorkehrung, dass der Leidende niemals die Intensität dessen erkennt, was er gegenwärtig in seiner Folter erduldet, sondern erst im Schmerz, der hinterher nagt."

Von diesem Schmerz, der ein Leben lang nachwirkt, handelt Nathaniel Hawthornes großer Roman "Der scharlachrote Buchstabe". Jetzt, zu seinem 150. Todestag, ist das Buch in der eleganten Neuübersetzung von Jürgen Brocan erschienen, der einen Stil gefunden hat, der angemessen altertümlich ist, ohne jemals angestaubt zu wirken. Brocans instruktives Nachwort und hilfreiche Anmerkungen helfen dabei, die finstere Geschichte um Sünde, Schuld, Rache und Reue verständlich zu machen.

Hester Prynne kann die Moral der Gesellschaft nicht überwinden

Die geschilderten Ereignisse sind etwa in der Mitte des 17. Jahrhunderts anzusiedeln. Hawthorne, der einer angesehenen Siedler-Familie in Neu-England angehörte, hatte allen Grund, sich mit dem religiösen Eifer der Puritaner auseinanderzusetzen. Wie er in der Einleitung mitteilt, gehörten zu seinen Vorfahren auch einige dieser unversöhnlich strengen Moralapostel und Hexenjäger, die diese von Intoleranz und Engstirnigkeit gezeichnete Epoche zur Hölle machten.

Mit Hester Prynne hat er eine Figur geschaffen, die sich dieser Gesellschaft zwar entgegenstellt, ohne aber ihre moralischen Werte wirklich überwinden zu könne. Sie ist in ihrem Empfinden so ambivalent wie der eher konservative Autor, der zuvor als Zeitungsschreiber nur mäßig erfolgreich war, mit diesem Roman aber seinen Durchbruch als freier Schriftsteller schaffte. Dass er sich selbst als einen Ausgestoßenen fühlte wie seine Heldin, hat mit seinen Erfahrungen als Zoll-Inspektor zu tun, wie er sie in der Einleitung süffisant und damals einen Skandal auslösend schildert.

Der Roman lebt von der Spannung zwischen seinen Figuren

Keine der Hauptfiguren entkommt ihrem Schicksal: Da ist vor allem der Schöne, leidenschaftliche Pastor Arthur Dimmesdale, der Vater des Kindes, den Hester aber mit ihrem Schweigen schützt. Er vernichtet sich selbst, weil er seine Schuld im Verborgenen mit sich herumträgt, ohne ihr gewachsen zu sein. Ihre gemeinsame Tochter Pearl, eine unvergessliche, quirlige Figur, ist ein koboldhaftes Naturwesen; ganz im Gegensatz zu den Erwachsenen spricht sie alles aus, was ihr durch den Kopf geht.

Und dann ist da noch Hesters für tot geglaubter Ehemann, ein alter hässlicher Kräutersammler, der, inkognito zurückgekehrt, sich ganz seiner Rache verschreibt und in dieser Verfallenheit zu einem dunklen, bösen Menschen wird. Hawthorne ist ein Meister der psychologischen Porträts, der seine Gestalten wie Schachfiguren bewegt und in Beziehung zueinander setzt. Von dieser Spannung lebt sein Roman viel mehr als von der Handlung oder den symbolischen Überfrachtungen. Da ist er modern - auch wenn er in seiner moralischen Rigidität aus einer fernen Vergangenheit zu uns herüberklingt.

Nathaniel Hawthorne: Der scharlachrote Buchstabe
Aus dem Englischen übersetzt und kommentiert von Jürgen Brocan.
Hanser Verlag, München 2014
478 Seiten, 27,90 Euro

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