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Lesart | Beitrag vom 13.03.2019

Literaturgattung AutofiktionDie große Lust am Versteckspiel

Von Edelgard Abenstein

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Zeichnung eines Mannes mit Maske vor anderem Mann  (imago stock&people)
Realer Einblick in das Leben der Schreibenden oder erfunden? Autofiktion lässt das offen (imago stock&people)

Autofiktion ist eine Mischung aus Bekenntnis und Erfindung - und dieses Genre ist gerade schwer in Mode. Die Autoren spielen mit der Neugier von Lesern und Kritikern und genießen das Versteckspiel: Denn was wahr und was erfunden ist, weiß niemand.

Je alltäglicher, desto besser. Auf dem Buchmarkt ist derzeit länderübergreifend eine Mischform der Autobiografie schwer in Mode: die Autofiktion. Mit dem altbekannten Genre der Bekenntnisse teilt sie die Selbstbeschau, mit dem Romanhaften das Erfundene. Autor, Erzähler und Protagonist sind identisch, sie tragen denselben Namen - was als Beweis dafür dienen soll, das Geschehen habe sich genauso wie geschildert zugetragen.

Höchst ungewiss, ob wahr ist, was behauptet wird

Dabei bleibt wie in jeder Art von Literatur höchst ungewiss, ob wahr ist, was behauptet wird, ob die Autorin tatsächlich ein Antidepressivum nach dem anderen einwirft, der Autor nach dem Familieneinkauf einen Seitensprung plant. Es ist eben ungemein faszinierend, in den Alltag eines berühmten oder exotischen Lebens zu gucken - und unaufgeräumte Ecken darin zu entdecken.

Gleichzeitig lässt sich darin auch ein Widerstand den Lesern und den Kritikern gegenüber entdecken, die immer genau wissen wollen, wie es im Leben eines Schriftstellers so zugeht - Voyeurismus ist hier ein wesentliches Element und trägt zum Lesegenuss bei. Und während die Autoren und Autorinnen sich den Lesern entziehen, füttern sie gleichzeitig an.

Reale Personen als Wirklichkeitsanker 

Und dann gibt es da noch die zwischen Nabelschau und Täuschungsmanöver schillernden Ich-Erzählungen, in denen "wirkliche Personen" aus dem Literaturbetrieb als Figuren auftreten, Daniel Kehlmann, Denis Scheck oder Norbert Gstrein sind darunter. Bei Clemens Setz ist das so etwas wie ein Wirklichkeitsanker, weil seine Erzählungen sich oft ins Fantastische ausbreiten.
 
Am glaubwürdigsten sind da noch die Berichte, die nach dem blitzartigen Einschlag einer Krankheit von Ängsten, Klinikaufenthalten, Rebellion gegen das Schicksal und ein glückliches Davonkommen erzählen. Doch auch bei diesen Geschichten kann sich niemand sicher sein, ob alles so stimmt und ob alle Figuren real sind.

Literaturliste

Isabelle Lehn: "Frühlingserwachen"
Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2019
256 Seiten, 21 Euro

Clemens Setz: "Der Trost runder Dinge"
Suhrkamp Verlag, Berlin 2019
320 Seiten, 24 Euro

Ruth Schweikert: "Tage wie Hunde"
Fischer Verlag, Frankfurt /Main 2019
200 Seiten, 20 Euro

Tabea Hertzog: "Wenn man den Himmel umdreht, ist er ein Meer"
Piper Verlag, München 2019
224 Seiten, 20 Euro

Annie Ernaux: "Der Platz"
Aus dem Französischen von Sonja Finck
Suhrkamp Verlag, Berlin 2019
95 Seiten, 20 Euro

Annie Ernaux: "Die Jahre"
Aus dem Französischen von Sonja Finck
Suhrkamp Verlag, Berlin 2017
255 Seiten, 18 Euro

Annie Ernaux: "Erinnerungen eines Mädchens"
Aus dem Französischen von Sonja Finck
Suhrkamp Verlag, Berlin 2018
163 Seiten, 20 Euro

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