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Lesart / Archiv | Beitrag vom 11.06.2016

Literaturen aus AfrikaDie unbekannte Vielfalt

Von Arlette-Louise Ndakoze

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Der kenianische Schriftsteller Binyavanga Wainaina gestikuliert bei einer Veranstaltung in Kenias Hauptstadt Nairobi am 18.4.2013. (picture alliance / dpa / Dai Kurokawa)
Der kenianische Schriftsteller Binyavanga Wainaina (picture alliance / dpa / Dai Kurokawa)

"Afrika-Literatur" gibt es nicht. Der Kontinent hat vielmehr zahllose Literaturen hervorgebracht. Die allerdings haben es schwer, hierzulande Leser zu finden. Doch warum eigentlich?

Sollten Sie über Afrika schreiben wollen, möge Ihnen ein Rat ans Herz gelegt werden:

"Behandeln Sie Afrika so, als wäre es ein Land. Es ist darin heiß, mit staubigen, hügeligen Graslandschaften, riesigen Tierherden und langen dünnen hungernden Menschen."

Haben Sie dies verinnerlicht, dann sind Sie bereit für den kritischen Text des kenianischen Autors Binyavanga Wainaina. Vor zehn Jahren erschien er unter dem Titel "How To Write About Africa" in der einflussreichen Literaturzeitschrift "Granta".

Stereotype aus dem 19. Jahrhundert

Satirisch pointiert hält er westlichen Autoren, Medien und Politikern vor, den afrikanischen Kontinent, seine Kulturen und intellektuellen Bewegungen nicht kennenlernen zu wollen und noch jenen Stereotypen nachzuhängen, die von Afrikareisenden aus England und dem deutschen Kaiserreich im 19. Jahrhundert überliefert wurden.

Er bringt, wie ich meine, auf den Punkt, warum hierzulande Literaturen aus dem afrikanischen Kontinent kaum Beachtung geschenkt wird oder aber vereinfacht als "Afrika-Literatur" bezeichnet werden.

Afrika-Literatur und Afrikanische Literaturen

Cover - Binyavanga Wainaina: "Eines Tages werde ich über diesen Ort schreiben" (Verlag Das Wunderhorn)Cover - Binyavanga Wainaina: "Eines Tages werde ich über diesen Ort schreiben" (Verlag Das Wunderhorn)Die überkommende europäische Perspektive würde sich wohl ändern, sobald man einen Essay, eine Satire oder einen Roman zur Hand nähme, etwa von Autorinnen und Autoren wie NoViolet Bulawayo, Elnathan John, Taiye Selasi oder den bereits genannten Binyavanga Wainaina.

Sie kommen aus unterschiedlichen Regionen und Ländern Afrikas, sind im internationalen Literaturbetrieb aufgefallen – zum einen durch einen anspruchsvollen Schreibstil, durch Sprachreflexionen, zum anderen durch Unterwandern traditioneller Erzählmethoden. Oft verwischen sie die Grenze zwischen Fiktionalem und Biografischem.

Ihre Romane zeigen auf eigene Art Afrikas unterschiedliche Facetten. Einige Romanfiguren zum Beispiel kommen aus gut situierten Familien, weisen einen europäischen wie afrikanischen Literatur- und Kunstkanon auf und befassen sich gleichermaßen kritisch mit ihren eigenen und den westlichen Gesellschaften. Wenn man über Literatur aus Afrika spricht, kann man deshalb nicht umhin, den Plural wählen: Literaturen aus Afrika.

Stereotype als Herausforderung für den Leser

Geschrieben werden Romane beispielsweise in Englisch, weshalb sie dann vor allem im anglophonen Sprachraum ein Publikum finden. Für die deutsche Leserschaft tritt neben die erste Herausforderung, die stereotypische Afrikabrille abzulegen, die zweite, nämlich Bücher erst einmal zu übersetzen. Das geschieht leider oft erst dann, wenn die Autorinnen und Autoren bereits bedeutende Auszeichnungen vorweisen können.

Lange haben eigens darauf spezialisierte Verlage afrikanische Literaturen in ihr Programm aufgenommen. Der Roman "Eines Tages werde ich über diesen Ort schreiben" von Binyavanga Wainaina erschien im Wunderhorn Verlag. Mittlerweile interessieren sich für sie auch breiter aufgestellte Häuser. "Diese Dinge geschehen nicht einfach so" von Taiye Selasi findet sich etwa bei S. Fischer – NoViolet Bulawayo mit ihrem Roman "Wir brauchen neue Namen" im Suhrkamp Verlag.  

Intellektuelle Einflüsse aus der ganzen Welt

Eine interessante aktuelle Debatte stützt sich auf Taiye Selasis Begriff des "Afropolitan". Er meint damit afrikanische Intellektuelle, die als Kosmopoliten in der Welt zu Hause sind, "allzu starke Vereinfachungen" ablehnen und sich "bemühen, zu verstehen, was in Afrika falsch läuft, und zugleich (…) würdigen, was wunderbar und einzigartig ist".

Was "Afropolitans" auch ausmacht, ist, dass sie sich von Nationalismen entfernen und intellektuelle Einflüsse von überall her in sich tragen – unabhängig davon, ob sie derzeit auf dem afrikanischen Kontinent leben und arbeiten oder anderswo auf dem Globus. Mit dieser Welterfahrung und ihren komplexen Erzähltechniken leisten afrikanische Literaturen einen bedeutenden Beitrag zum universellen Literaturdiskurs.

Binyavanga Wainaina: Eines Tages werde ich über diesen Ort schreiben
Übersetzt von Thomas Brückner
Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2013
320 Seiten, 24,80 Euro, auch als E-Book

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