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Interview | Beitrag vom 15.04.2019

Literaturagent über "Game of Thrones"-Autor"Der Ruhm ist George Martin fast ein bisschen lästig"

Werner Fuchs im Gespräch mit Liane von Billerbeck

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Sechs Charaktere aus "Game of Thrones" stehen am Strand und schauen ernst (TNT Serie / HBO Europe)
Die Fans sind gespannt, wie es mit den wichtigsten Figuren aus "Game of Thrones" weitergeht. (TNT Serie / HBO Europe)

George Martin, der Autor von "Game of Thrones", habe den Realismus in die Fantasy-Literatur getragen, sagt sein Literaturagent Werner Fuchs. Damit habe Martin das kindliche Schwarz-Weiß-Denken eines Tolkien aus der Zeit des Kalten Krieges überwunden.

Mit Spannung haben Fans in aller Welt die erste Folge der achten und letzten Staffel von "Game of Thrones" erwartet. Von seiner Zusammenarbeit mit dem Autor George Martin erzählt dessen Freund und Literaturagent, Werner Fuchs, im Deutschlandfunk Kultur. Es seien zunächst viele Jahre der Brieffreundschaft gewesen, bis die beiden sich 1990 persönlich zum ersten Mal trafen. Seither sähen sie sich jedes Jahr. Martin sei trotz seines Weltruhms ganz der Alte geblieben: "Er kann mit dem Ruhm wenig anfangen", sagte Fuchs. "Der Ruhm ist ihm sogar ein bisschen lästig."

(gem)


Das Interview im Wortlaut:

Liane von Billerbeck: Heute Nacht in den USA ist die erste Folge der achten und letzten Staffel von "Game of Thrones" gezeigt worden – ein Ereignis, auf das ja viele Fans weltweit hingefiebert haben. Immerhin schauen ja mehr als 30 Millionen Menschen jede dieser Folgen von "Game of Thrones". Wenn man sich das anguckt vom Bestseller, von der Bestseller-Literaturserie, dem Beginn einer Geschichte bis zum Ende im Massenfernsehen, der Welterfolg von "Game of Thrones" hat eine lange Vorgeschichte.

Wir wollen darüber reden mit dem deutschen Fantasy- und SciFi-Insider der ersten Stunde, der zugleich der Freund und Literaturagent des Autors George Martin ist, der über Jahrzehnte dessen Weg mitverfolgt hat. Millionen warten ja auf das Serienfinale dieser Fantasy-Geschichte. Sie kennen George Martin seit vielen Jahren, beruflich, aber auch als Freund. Wieso wurden gerade diese Geschichten aus diesem ursprünglichen Nischengenre Fantasy so erfolgreich?

Fuchs: Na ja, Nischengenre war das eigentlich schon nicht mehr. Fantasy und Science Fiction haben ja in den 70er-Jahren, während deren ich ihn kennengelernt habe, einen steilen Aufstieg hingelegt. Also man hatte die Bücher von Tolkien, man hatte dann die "Star Wars"-Filme, und in den 80er-Jahren wurde Fantasy zum Massenspektakel, und da war es eigentlich nur logisch, dass auch das Fernsehen irgendwann nachzieht.

Der Autor George Martin bei der Premiere der 8. Staffel von "Game of Thrones" in New York.   (John Angelillo/UPI Photo via Newscom picture alliance )Der Autor George Martin bei der Premiere der 8. Staffel von "Game of Thrones". (John Angelillo/UPI Photo via Newscom picture alliance )

Billerbeck: Sie haben uns vor der Sendung erzählt, dass Sie eigentlich eher Science-Fiction- als Fantasy-Fan sind, es sei denn, es handelt sich, wie bei diesen Dingen von George Martin, um "erwachsene Fantasy". Was bitte ist das?

Fuchs: Nun, George hat die Fantasy erwachsen werden lassen, indem er quasi den Realismus hineingetragen hat. Die vorherrschende Serie war "Der Herr der Ringe" von J.R.R. Tolkien, und das war auch schon voluminös und hat einen sehr, sehr starken Eindruck hinterlassen, aber es war schwarz und weiß, kindlicher. Witzigerweise habe ich mal eine Analogie gezogen zur politischen Situation in der Welt, in der Zeit damals, als der Kalte Krieg vorherrschte, war alles schwarz und weiß, und bei Tolkien war das auch so.

Das Reich des Bösen, bei uns der Sozialismus, der Kommunismus und bei Tolkien Mordor. Mit dem Niedergang der Sowjetunion und der Aufsplitterung in verschiedene Machtinteressen und kleinere Emporkömmlinge haben wir dann eine Situation der Unsicherheit vor uns, wo alles in unvorhersehbar und unvorhersagbar geworden ist. Das zeigt sich auch ein bisschen bei "Das Lied von Eis und Feuer" respektive "Game of Thrones", dass wir nicht sicher sein können, was passiert.

Enge Zusammenarbeit mit Filmemachern

Billerbeck: "Game of Thrones" ist ja auch, könnte man sagen, ein noch nie dagewesener Sonderfall, also eine literarische Erfolgsserie, die nicht verfilmt wird, sondern die Verfilmung am Ende die literarische Handlung überholt hat. Jetzt hat Martin selbst lange in Hollywood und für den Film gearbeitet. Trotzdem, wie geht das – die eigene Fiktion aus der Hand geben und in die Hand von Filmemachern legen?

Fuchs: Die Zusammenarbeit zwischen Martin und Weiss und Benioff von HBO war von Anfang an sehr eng. Also die Filmemacher waren quasi auch Fans von dem Autor. Das merkt man daran, dass die Werktreue außerordentlich ist. Mir fällt kaum irgendeine Verfilmung ein, wo Dialoge eins zu eins übernommen wurden. Es ist nun eine Binsenweisheit, dass unser George nicht der allerschnellste ist, was das Abfassen von Texten angeht, und ab einem gewissen Zeitpunkt war klar ersichtlich, dass die Geschwindigkeit der Folgen, die HBO rausbringt, seine Geschwindigkeit beim Abfassen des Textes übertroffen hat.

Der Ruhm ist ihm eher lästig

Billerbeck: Nun ist er ja jetzt 70, wenn ich mich nicht irre. Der war schon vorher erfolgreich.

Fuchs: Ja.

Billerbeck: Er ist vermutlich sehr reich geworden...

Fuchs: Ja.

Billerbeck: ... und auch weltberühmt. Wie hat das den alten Kumpel verändert?

Fuchs: Überhaupt nicht. Der ist der Alte geblieben. Also ich sehe ihn ja öfters, praktisch jedes Jahr. Er kann mit dem Ruhm wenig anfangen. Der Ruhm ist ihm sogar ein bisschen lästig.

Eine Frau schaut die neue 8. Staffel der Serie  "Game of Thrones". (Jean-François Frey, Picture Alliance )Nun können die Fans endlich sehen, wie es bei "Game of Thrones" in der achten und letzten Staffel weiter geht. (Jean-François Frey, Picture Alliance )

Billerbeck: Sie kennen ihn ja schon lange. Wie haben Sie denn die früheren Zeiten in Erinnerung?

Fuchs: Wir sind natürlich durch den Atlantik getrennt gewesen, und in den 70er-Jahren war mit Fliegen noch nicht so häufig was drin. Das war noch relativ teuer alles. Man traf sich halt auf den Science Fiction World Conventions. Zum ersten Mal live gesehen habe ich ihn erst 1990, obwohl ich ihn seit 1974 kenne und sein Agent bin und regen Briefwechsel damals … war ja alles noch die Zeit vor Internet.

Billerbeck: E-Mail.

Fuchs: Ich habe halt eine Brieffreundschaft quasi mit ihm gepflegt. Getroffen haben wir uns 1990 zum ersten Mal und ab da dann doch relativ häufig. Im Jahr 2000 war er auch für vier Wochen in Deutschland, und ich bin mit ihm durch die Republik gereist und habe illustre Städtchen, alles mittelalterlicher Natur, also Rotenburg, Nördlingen, Neuschwanstein, solche Sachen. Er ist Burgen-Fan.

Billerbeck: Dieser Burgen-Fan also. Tut es Ihnen manchmal leid, dass sich die Zeiten so geändert haben, dass dieses Genre jetzt so ein Massenphänomen geworden ist, also dass sich vielleicht auch die Conventions geändert haben, die Martin, wie ich gelesen habe, immer noch gern besucht?

Fuchs: Diese Conventions haben sich nicht so sehr geändert, weil diese Science Fiction World Con, das ist halt ein Sippentreffen der Schaffenden, aber es gibt natürlich neuerdings oder seit ein paar Jahren Conventions, wo mit Celebritys aus Film und Fernsehen hausiert wird, wo man dann Autogramme kaufen kann. Das sind dann eher Veranstaltungen, die Massencharakter haben. Von denen gibt es mittlerweile so viele, dass es echt inflationär geworden ist. Aber die Veranstaltungen, auf denen George ist, die haben sich nicht sehr verändert.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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