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Zeitfragen | Beitrag vom 26.06.2020

Literatur zum KlimawandelGeschichten über die Zerstörung der Natur

Von Ralph Gerstenberg

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Das aus der Vogelperspektive aufgenommene Bild zeigt einen ausgetrockneten und aufgeplatzten Boden mit einer kleinen Pflanze. (Getty Images / Jonathan Wood)
Viele Wasserquellen befindet sich auf einem Rekordtief. (Getty Images / Jonathan Wood)

Seen verdunsten, Wälder vertrocknen, auf einen Rekordsommer folgt der nächste. Auf den menschengemachten Klimawandel reagierte die Literatur bislang meist mit dystopischen Szenarien. Mittlerweile ist sie in der Gegenwart angekommen.

"Der Roman ist auch eine Art Anti-Science-fiction, weil viele Dinge, die wie Science Fiction klingen, tatsächlich schon passieren und einige bilde ich auch ab", sagt Niklas Maak über seinen ersten Roman "Technophoria". Darin erzählt er von einer Gruppe von Menschen, die davon überzeugt ist, dass sich unser Leben mittels technischer Innovationen nicht nur besser, schöner und sicherer, sondern zugleich auch umweltfreundlicher gestalten lässt. So denkt etwa seine Hauptfigur Turek, der für eine Firma arbeitet, die digital vernetzte Städte entwickelt - so genannte Smart Cities -, über technische Lösungen für eine umweltschonende Energiegewinnung nach.

Dahinter steht eine Diskussion, die mich immer schon sehr fasziniert hat", sagt Maak: "das ist die zwischen den Permakulturalisten und den Technophorikern. Eine Gruppe der Permakulturanhänger sagt, wir haben in den letzten 300 Jahren durch die Industrialisierung ökologisch so viel Unheil angerichtet auf der Welt, dass wir versuchen müssen, ökologisch möglichst ohne größeren Fußabdruck durch die Welt zu kommen."

"Und dann gibt es auf der anderen Seite die Technophoriker, die glauben, dass wir die drohenden Probleme der Welt nur mit mehr Technologie retten können. Der Planet müsse demzufolge so umgebaut werden, dass er in die Lage versetzt werde, mit den Beschädigungen, die wir angerichtet haben,  umgehen zu können."

Technische Allmachtsfantasien

In seinem Roman zeigt sich Maak einerseits fasziniert von der Technikeuphorie seiner Protagonisten, andererseits beschreibt er in einem weltumspannenden Szenario die Gefahren und Absurditäten technischer Allmachtsfantasien.

Eine solche ist die Idee von der Flutung der Quattara-Senke, in der sich zu Urzeiten ein Meer befand. "Die Verfechter der Idee sagen: Das war früher ja alles einmal eine Savanne, der gesamte Saharagürtel, und wir reparieren jetzt nur die Welt so, dass sie in ihren Ursprungszustand versetzt wird. Das heißt, wir erzeugen nur den Zustand, den die Welt mal hatte, senken dadurch die Temperatur und haben den tollen Nebeneffekt, dass wir die steigenden Meeresspiegel ablaufen lassen in diese große Wanne in der libyschen Wüste."

Mit diesem real existierenden Umbauplan für eine ganze Weltregion, der einerseits durchaus plausibel klingt und andererseits komplett verrückt, verweist Niklas Maak auf einen existenziellen Zwiespalt, in dem sich die Menschheit derzeit befindet. Ist es notwendig, fragt er, vielleicht sogar die einzige Chance, das technologisch Machbare zu tun, um die Klimakatastrophe zu vermeiden? Oder handelt es sich schlicht um menschliche Hybris?

Spannung zwischen Mensch und Natur

"Langsam wandelt die schwarze Wolke." Diese Zeile aus Friedrich Gottlieb Klopstocks Gedicht "Frühlingsfeier" stellt Marion Poschmann ihrem neuen Gedichtband "Nimbus" voran. Ein zweites, sehr berühmtes Zitat leitet das Eingangsgedicht ein. Es entstammt der "Antigone" von Sophokles: "Vielgestaltig ist das Ungeheure, und nichts ist ungeheurer als der Mensch."

"Wenn man diese beiden Zitate zusammen liest," erzählt Poschmann, "ergibt sich tatsächlich eine Spannung von zwei Mächten. Man könnte sie lesen als Spannung zwischen Mensch und Natur. Die Wolke, die Naturkräfte, die langsam, aber unaufhaltsam wirken, und dann dagegen die menschlichen Ungeheuerlichkeiten, schöpferisch und zerstörerisch."

Ihr Gedichtband kreist um die Frage: Sollte man den Menschen und die Natur wirklich als entgegengesetzte Pole wahrnehmen, oder ist nicht ohnehin der Mensch eher als Teil der Natur zu sehen - und das, was wir gewohnt sind, als Natur zu bezeichnen, von der menschlichen Gestaltung so durchdrungen, dass man schwer abgrenzen kann, wo das eine beginnt, und wo das andere.

Die Mitverantwortung des lyrischen Ichs

In den Gedichten ist sich das lyrische Ich seiner Mitverantwortung für Klimawandel und Naturzerstörung bewusst. Selbst der naturliebende Mensch steckt in der Bredouille: Folgt er seiner Bewunderung für die Schönheit des Planeten, wird er das, was ihn fasziniert, unweigerlich zerstören.

Gedichte sollten auch die Bedingungen mitreflektieren, in denen sie entstehen, meint die Dichterin. Sie seien "Erkenntnisinstrumente". Das bedeutet in Zeiten des Klimawandels, dass Naturgedichte selbstverständlich auch die Verletzungen der Natur thematisieren, das ungeheure Zerstörungswerk des Menschen.

Der Titel des Gedichtbandes "Nimbus" stammt aus dem Lateinischen und heißt wörtlich übersetzt "dunkle Wolke"; er bezeichnet aber auch das Symbol des Heiligenscheins. Im Spannungsfeld von Licht und Dunkelheit, Naturgewalt und göttlicher Macht, Unheil und Erlösung bewegt sich Marion Poschmann Poesie.

Zeit für engagierte Literatur?

Wie politisch relevant kann oder darf Literatur überhaupt sein? Ist sie dazu geeignet, tagespolitische Themen direkt zu verhandeln? Oder kann es gar rufschädigend sein, den ästhetischen Raum zur politischen Bühne umzufunktionieren?

Dies sind Fragen, die in der Klimadebatte neu diskutiert werden sollten, findet der 1966 geborene Autor John von Düffel:

"Was ja auch so ein Schimpfwort der Germanistik ist: Ab wann ist es 'engagierte Literatur'? Wir müssen uns klarmachen, dass das so eine Art Schubladenschimpfwort ist, was Literatur auch verengt. Ich glaube, wenn wir engagierte Literatur oder Engagement als Kampfbegriff gegen Literatur einsetzen, dann bringen wir uns auch um Dinge, die Literatur mit leisten kann, nämlich vor allem eine Sprache finden für das, was jetzt gerade passiert."

In seinem Roman "Der brennende See" greift John von Düffel mit fast dokumentarischen Mitteln die Klimaproteste der Fridays-for-Future-Bewegung auf. Er selbst hat zusammen mit seiner Tochter an den Schülerdemonstrationen teilgenommen und ließ seine Erfahrungen direkt in den Text einfließen.

Das Zentrum des Romans bildet der titelgebende See - eine renaturierte Kiesgrube, um die ein heftiger Streit zwischen Grundstücksspekulanten und jungen Klimaaktivisten entbrannt ist.

Konflikt zwischen den Generationen

"Es gibt natürlich eine Beobachtung," sagt von Düffel, "für die Greta Thunberg steht, dass viele Jugendliche, Jungen wie Mädchen, das Gefühl hatten, sie müssen eigentlich erwachsener sein als die Erwachsenen. Und das ist natürlich absurd, wenn Kinder Erwachsene an ihre Verantwortung erinnern müssen und nicht umgekehrt Erwachsene sagen: Pass mal auf, du musst aber auch an die Zukunft denken."

Während die mittlere Generation vornehmlich damit beschäftigt ist, in einer härter und prekärer werdenden Gesellschaft ihren Lebensstandard zu bewahren, für den sie von ihren Kindern kritisiert wird, findet in der Klimafrage offenbar eine Annäherung zwischen Jung und Alt statt: "Es gab auf den Demos, die ich besucht habe, auch wirklich eine hohe Anzahl von Älteren, die vielleicht aus anderen Protestbewegungen kommen, der Anti-AKW-Bewegung, der Friedensbewegung", sagt von Düffel.

Der brennende See

Der See in John von Düffels Roman brennt nicht wirklich, es brennen die Wälder und Felder um ihn herum. "Der brennende See" ist eine Metapher. Wenn sich zwei unvereinbare Elemente verbinden, sind die Gesetzmäßigkeiten der Natur außer Kraft gesetzt.

Inspirieren ließ sich von Düffel zu diesem Bild von einem anderen See, dem Bellandursee in der indischen Millionenstadt Bangalore, der so sehr mit Chemikalien und Abfällen verunreinigt ist, dass auf der Wasseroberfläche in der Hitze Flammen auflodern. Eine "apokalyptische Sehenswürdigkeit", über die der Schriftsteller eigentlich schreiben wollte.

"Und dann", so von Düffel, "kamen diese Dürresommer. Und auch die Aprilmonate 2018, 2019, in denen es so gut wie gar nicht geregnet hat. Und insofern hab ich gedacht: Nee, das Wasser brennt auch hier vor unseren Augen. Es brennt uns sozusagen vor der Nase weg."

Gesellschaftliche Umbrüche

Auch in dem Roman "Power" der 1978 geborenen Autorin Verena Güntner ist es sehr heiß. Und manch einer glaubt, dass die Hitze nicht Folge des globalen Klimawandels ist, sondern vielmehr damit zu tun hat, dass sich in dem Dorf, in dem die Geschichte spielt, das gesellschaftliche Klima verändert hat.

Im Zentrum steht die elfjährige Kerze - ein Mädchen, das sich diesen Namen irgendwann selbst gegeben hat. Sie ist eine Instanz in ihrem Dorf, weil sie den Ruf hat, Probleme lösen zu können.

"In diesem Dorf," erzählt Güntner, "geht ein Hund verloren, der kleine Hund Power, ein Terrier. Und dann beginnt eine Suche, die nicht nur Kerze, sondern auch das ganze Dorf sehr viel kosten wird."

Die Suche nach dem Hund ist der Auslöser für Veränderungen, die durch eine Art Jugendbewegung in Gang gesetzt werden, an deren Spitze ein sehr entschlossenes Mädchen mit viel Überzeugungskraft und einer Mission steht.

Die Geschichte einer Selbstermächtigung

Als der Roman "Power" im Frühjahr erschien, wurden in der Rezeption immer wieder Ähnlichkeiten von Verena Güntners Hauptfigur Kerze mit Greta Thunberg festgestellt.

Verena Güntner dazu: "Mir ging es ja selber so beim Schreiben, als dass dann mit Fridays for Future losging, dass ich kurz gedacht habe: Okay, aha, da scheint ja schon vorher was in der Luft gewesen zu sein."

Die Kinder des Dorfes folgen Kerze in den Wald. Er wird für sie zum Refugium, zur Schutzzone vor den Erwachsenen, denen die Kinder ebenso fremd und wild erscheinen wie der Wald, die Natur.

Das Unverständnis der Eltern schlägt um in Aggression. Auch hier weckt Verena Güntners Parabel Assoziationen zu den Fridays-for-Future-Protesten. Doch Güntner beschreibt in "Power" auch die Gefahren einer Bewegung mit einer Art Lichtgestalt an der Spitze. Ihre Geschichte ist auch die Geschichte einer Selbstermächtigung.

Eine Parabel, Gedichte, Romane, die von der Gegenwart oder der nahen Zukunft handeln – die Literatur reagiert bereits in vielfältiger Form auf den menschengemachten Klimawandel.

(DW)

Marion Poschmann "Nimbus", Gedichte, Suhrkamp Verlag, 115 Seiten, 22,- €

Niklas Maak "Technophoria", Roman, Carl Hanser Verlag, 256 Seiten, 23,- €

John von Düffel "Der brennende See", Roman, DuMont Buchverlag, 320 Seiten, 22,- €

Verena Güntner "Power", Roman, DuMont Buchverlag, 254 Seiten, 22,- €

Sprecher*innen: Nadja Schulz Berlinghoff, Ulrich Blöcher und Max von Pufendorf
Regie: Klaus Michael Klingsporn
Ton: Hermann Leppich
Redaktion: Dorothea Westphal

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