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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 17.07.2013

Literatur-Zeitreise in die DDR

Richard A. Zipser: "Von Oberlin nach Ostberlin", Ch. Links Verlag, Berlin 2013, 224 Seiten

Blick von der Friedrichstraße in Berlin zum Fernsehturm im Jahr 1978 (picture alliance / dpa-Zentralbild)
Blick von der Friedrichstraße in Berlin zum Fernsehturm im Jahr 1978 (picture alliance / dpa-Zentralbild)

Der US-Amerikaner Richard A. Zipser kam in den 70er-Jahren in die DDR, um deren Schriftsteller zu befragen, geriet allerdings ins Visier der Stasi. 40 Jahre später bündelt der Germanist in "Von Oberlin nach Ostberlin" seine Erinnerungen - mit wenig Gespür für das Potenzial seiner Story.

Dies ist ein Buch von unfreiwilliger Komik, bei dessen Lektüre es einem dennoch bald gruselt. Die Geschichte des politisch eher unbedarften amerikanischen Germanisten Richard A. Zipser, der sich ab 1973 redlich bemüht hatte, DDR-Schriftsteller auf ihr Schreiben hin zu befragen. Weshalb er sich bei der Staatssicherheit verdächtig machte, die in ihm einen besonders infamen Spion witterte.

Erleichtert wurde diese Geheimdienst-Observation ausgerechnet durch jene Autoren, die ihre Begegnungen mit dem nach Ostberlin hereingeschneiten Amerikaner stante pede ihrem Führungsoffizier gemeldet hatten. Einer dieser Eifrigen war der heute zurecht vergessene Autor Uwe Berger alias "IMV Uwe", der nach Mauerfall jedoch sogar die Stirn hatte, Zipser um Hilfe bei der Veröffentlichung seiner Gedichte zu bitten. Selbstverständlich in der von ihm bis dato als imperialistisch geschmähten USA.

Andere hatten schon zuvor versucht, mit Stasi-Hilfe ihr eigenes Süppchen zu kochen. So war es dem Schriftsteller Fritz Rudolf Fries gelungen, einen veritablen "Reiseauftrag" des Geheimdienstes zu erhalten, um den als verdächtig eingestuften Germanisten Zipser in dessen Umfeld in den Vereinigten Staaten aufzuspüren. Weiterer Programmpunkt der Reise: "Aufklärung der Regimeverhältnisse". Ob der mit beträchtlichem Stilvermögen und Ironie ausgestattete Romancier Fries damals wenigstens einmal gelächelt hatte – maliziös über die schier unglaubliche Hybris der Angelegenheit oder vielleicht ja auch beschämt ob des eigenen unwürdigen Doppelspiels?

Man wird es nie erfahren, denn Richard A. Zipser, der nun mit dem Buch "Von Oberlin nach Ostberlin. Als Amerikaner unterwegs in der DDR-Literaturszene" eine Art Autobiografie aus eigenen Erinnerungen und aufgefundenen Stasi-Akten vorlegt, scheint seinerseits ebenfalls kaum spöttisches Gespür für das Potenzial seiner Geschichte zu haben. War er Mitte der 70er-Jahre vor allem darum besorgt gewesen, möglichst viele DDR-Autoren in seinen Fragebogen-Katalog zu bekommen, der sein Entrebillet in den illustren Kreis der amerikanischen Germanistik sein sollte, so zählt er heute penibel auf, wer ihn verriet oder mit wem ihn stattdessen bald Freundschaft verband, so etwa mit Jurek Becker und Ulrich Plenzdorf.

Spannendes Thema - dröger Stil

So partiell dröge sein Stil aber auch ist, das Thema ist derart spannend, dass es sich quasi hinter dem Rücken des Germanisten zu entfalten beginnt – beinahe wie in jenen Zeiten, als der Stasi-Spitzel Uwe Berger zu Protokoll gegeben hatte: "Dem Bekenntnis Zipsers zur 'Fairness', so bemerkenswert es ist, dürfen wir keine allzu große Bedeutung beimessen." Stefan Heyms Haushälterin hatte einst unter dem Decknamen "IMV Frieda" ähnliche Observationen zu Protokoll gegeben. Was, denkt deshalb der trotz allem höchst amüsierte heutige Leser, hätten wohl Saul Bellow oder Philip Roth für Funken geschlagen aus dieser absurden Story!

Ein redlicher, nicht allzu fantasiebegabter Wissenschaftler gerät mit seinem zuvor so umsichtig geplanten Projekt in den Strudel totalitärer Kulturpolitik und sieht danach seinen amerikanischen Kleinverlag samt publizierter Ausbeute pleitegehen. Was nun wiederum die Stasi im Verdacht bestärkt, das Ganze sei ohnehin eine CIA-Finte gewesen ...

Die frustrierenden Usancen westlichen Akademiker-Publizierens, vom Osten missverstanden als besonders perfide Camouflage: All das mag eine winzige Fußnote aus dem längst vergangenen Ostwest-Konflikt sein und bewahrt doch seine Aktualität - immenser Schnüffel-Aufwand und lächerlich geringe Ausbeute. Und inmitten all dessen denunziatorische Schriftsteller der B- oder gar C-Klasse, die in den Zipserschen Fragebögen doch tatsächlich von "gesellschaftlichen Utopien als Bedingungen des Schreibens" schwadronieren. Wie gesagt: Ein unfreiwillig hochkomisches Buch.

Besprochen von Marko Martin

Richard A. Zipser: Von Oberlin nach Ostberlin. Als Amerikaner unterwegs in der DDR-Literaturszene
Ch. Links Verlag, Berlin 2013
224 Seiten, 24,90 Euro

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