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Literatur | Beitrag vom 30.05.2019

Literatur trifft WissenschaftIch ringe wie die Droste um jedes Wort

Moderation: Dorothea Westphal

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Annette Droste-Hülshoff, geboren am 10.1.1797 und gestorben am 24.5.1848 in Meersburg 24.5.1848; Holzstichfaksimile von 1897 nach einer Miniatur von ihrer Schwester Jenny (picture alliance / akg-images)
Die Autorin Annette Droste-Hülshof in einer zeitgenössischen Darstellung (Ende des 19. Jahrhunderts) (picture alliance / akg-images)

Wie nähert man sich einer Dichterin aus dem 19. Jahrhundert? Über Annette von Droste-Hülshoff, die Recherche, das Schreiben sowie die Bedingungen weiblichen Schreibens unterhalten sich Zsuzsa Bánk und Karen Duve mit dem Droste-Forscher Jochen Grywatsch.

In "Fräulein Nettes kurzer Sommer" stellt Karen Duve die Schriftstellerin Annette von Droste-Hülshoff (1797 - 1848) als eine Frau vor, die sich unerschrocken in Männergespräche einmischte, deren Schreiben aber von ihrem Umfeld nicht ernst genommen wurde.

In ihrem Roman "Fräulein Nettes kurzer Sommer" gelingt es ihr, historische Zitate vor allem aus Briefen mit einer modernen Sprache zu verweben. Sie sagt darüber: 

"Die Aufgabe der Schriftstellerin ist ja nicht, wiederzugeben, wie diese Sprache tatsächlich auch gewesen sein könnte, sondern so, wie sich’s angefühlt hat. Da war es mir schon wichtig, das Schöne dieser romantischen Sprache der Zeit mit reinzubringen, aber auch inhaltlich da möglichst nah dran zu sein, was die damals wohl gesagt haben."

Gegen alle Widerstände 

In dem Briefroman "Schlafen werden wir später" von Zsuzsa Bánk ringt die Lehrerin Johanna für ihre Doktorarbeit mit dem Werk der Droste. Zu den Bedingungen weiblichen Schreibens damals und heute sagt Bánk: 

"Das fand ich grandios. Also wirklich gegen alle Widerstände und alle Grenzen der Zeit sich durchzusetzen und sich nicht abbringen zu lassen vom Schreiben. Man denkt, nach 150 Jahren sollte sich eigentlich viel getan haben. Es hat sich schon viel getan… aber die Bedingungen sind immer noch schwierig." 

Und in Münster befasst sich die Literaturkommission für Westfalen aus wissenschaftlicher Perspektive mit ihren Texten. Von dort ist der Droste-Forscher Jochen Grywatsch angereist.

"Sie wollte was ganz anderes"

Sowohl Karen Duve als auch Zsuzsa Bánk erzählen, dass sie eher zufällig auf die Dichterin gestoßen sind. Beide entdeckten nicht nur ihre Texte, sondern auch die Droste als Frau, deren literarische Ambitionen in der Familie wenig Wohlgefallen hervorriefen und mit Missgunst und Bösartigkeit quittiert wurden. 

Der Literaturwissenschaftler Jochen Grywatsch formuliert es so: 

"Das ambitionierte literarische Schreiben war eben absolut keine Selbstverständlichkeit. Und gerade im Adel hatte man sehr starke Vorbehalte. Es gehörte zum guten Ton, so ein paar schöne Verse zum Geburtstag des Großonkels zu machen. Das hat die Droste auch getan, aber eben mit Widerwillen. Sie wollte was ganz anderes, und das hat sie sehr früh bereits deutlich gemacht."

Das Gespräch haben wir am 20. Februar 2019 im Literaturhaus Berlin aufgezeichnet und erstmals am 8. März 2019 gesendet.

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