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Zeitfragen | Beitrag vom 20.09.2019

Literatur trifft WissenschaftDie bedrohliche Verlockung des Fremden

Moderation: Jörg Plath

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Porträt der Schriftstellerin Tanja Maljartschuk. (imago images / Gerhard Leber)
"Fremdheit" ist für die seit 2011 in Wien lebende Ukrainerin Tanja Maljartschuk verständlicherweise keine allzu überraschende Kategorie. (imago images / Gerhard Leber)

Fremd ist anfangs alles, dem Säugling selbst Mutter und Vater. Fremdheit ist für den Ethnologen Hans-Jürgen Heinrichs die zentrale menschliche Erfahrung. Mit dem Fremden beginnt die Literatur, meint die Autorin Tanja Maljartschuk. Ein Gespräch.

Sie bereue es zum ersten Mal, dass ihr Roman auf Deutsch einen anderen Titel habe als auf Ukrainisch. Denn wie schön wäre es gewesen, sagte Tanja Maljartschuk Anfang September im Literaturhaus Berlin, wenn das Buch auch auf Deutsch "Vergessenheit" heißen würde – das würde sich doch viel besser machen neben dem Essay "Fremdheit" (Kunstmann) des Ethnologen Hans-Jürgen Heinrichs. Doch "Blauwal der Erinnerung" (Kiepenheuer & Witsch), der deutlich poetischere, vor allem positivere Titel des deutschen Verlags, klingt auch nicht schlecht. Das kapitale Wesen bleibt ja meist auf Tauchstation und damit fremd.

Überschreitung der Grenzen

Tanja Maljartschuk und Hans-Jürgen Heinrichs trafen in der Reihe "Literatur trifft Wissenschaft" aufeinander, die das Literaturhaus Berlin und Deutschlandfunk Kultur mehrmals im Jahr veranstalten. Beide freuten sich auf das Treffen zum Thema Fremdheit, weil sie das Buch des anderen sehr anregend fanden, aber der Ethnologe mochte sich nicht nur als Wissenschaftler verstehen. Heinrichs trat für die Überschreitung der Grenzen, auch der von Disziplinen ein, er wollte die Schreibweisen miteinander verschmelzen und hat dafür schon vor Jahren den Begriff der Ethnopoesie erfunden. Sein Essay über "Fremdheit" wollte er zunächst als Roman schreiben wollen, erzählte er, unter anderem mit Francis Bacon und Georges Devereux als Hauptpersonen, die die Malerei beziehungsweise die Ethnologie des vorigen Jahrhunderts hätten repräsentieren sollen. Die Fiktion scheiterte aus verschiedenen Gründen.

"Fremdheit" ist für die seit 2011 in Wien lebende Ukrainerin Tanja Maljartschuk verständlicherweise keine allzu überraschende Kategorie. In ihrem Roman nähert sich eine Schriftstellerin dem Leben eines Kämpfers für die Unabhängigkeit der Ukraine, der exakt 100 Jahre vor ihr geboren wurde. "Die Literatur fängt dort an, wo ein Fremder auftaucht!", rief Tanja Maljartschuk im Gespräch. Den Bogen zu Albert Camus und dem Existentialismus schlug dann niemand, es gab ohnehin viel zu viel zu erzählen. Denn Fremdheit ist eine durchaus ambivalente Erfahrung, sie kann nicht nur verlockend, auch bedrohlich und zerstörerisch sein.

Die verseuchte Gabe

Hans-Jürgen Heinrichs ist dieser Art von Fremdheit in der durch den Krieg traumatisierten und aus Danzig geflohenen Familie ausgewichen. Der Heranwachsende entdeckte das Theater, die Künste und dann die weite Welt, die ihn meist, wie er begeistert schilderte, mit offenen Armen empfing – und manchmal auch mit einer Kalebasse, die er nicht ablehnen konnte, obwohl er wusste, dass das Wasser ihn krank machen würde.

Ein Roman über die Anfänge des ukrainischen Nationbuilding, der ohne den Krieg im Osten des Landes und ohne die Okkupation der Krim durch Russland nicht gelesen werden kann, und ein Essay über "Geschichten und Geschichte der großen Aufgabe unserer Zeit", der ohne die globalen Fluchtbewegungen nicht geschrieben worden wäre.

(pla)

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