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Lesart / Archiv | Beitrag vom 04.05.2018

Literatur-Nobelpreis fällt aus"Angemessene Reaktion auf unangemessenes Verhalten"

Kolja Mensing im Gespräch mit Joachim Scholl

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Die Medaille zum Nobelpreis für Literatur zeigt seinen Stifter Alfred Nobel. (dpa / picture alliance / Lovisa Engblom / The Nobel Foundation)
Die Medaille zum Nobelpreis für Literatur zeigt seinen Stifter Alfred Nobel. (dpa / picture alliance / Lovisa Engblom / The Nobel Foundation)

Die Schwedische Akademie wird 2018 keinen Literatur-Nobelpreis vergeben. Unser Literaturredakteur Kolja Mensing findet das richtig. Die Reputation des Preises sei nachhaltig beschädigt und die Zukunft äußerst ungewiss. Und Literaturkritikerin Sigrid Löffler sieht in diesem Schritt die Chance auf eine Erneuerung innerhalb der Akademie.

In der Geschichte des Literatur-Nobelpreises wurde bislang in sieben Jahren kein Preis verliehen, vor allem in Kriegsjahren. Nun teilte die Schwedische Akademie in Stockholm mit, dass in diesem Jahr erstmals seit knapp 70 Jahren der Literatur-Nobelpreis in nicht vergeben wird. Allerdings werde die Verleihung für 2018 im kommenden Jahr nachgeholt. Die Entscheidung werde parallel zur Kür des Preisträgers 2019 bekanntgegeben. Hintergrund für diese Nachricht ist ein Missbrauchsskandal und eine Rücktrittswelle innerhalb der Mitglieder.

Dass auch in diesem Jahr dieser Preis nicht vergeben werde, ist nach Einschätzung der Literaturkritikerin Sigrid Löffler die richtige Entscheidung:

"Nach dem Exodus von - glaube ich - acht Mitgliedern ist ja nur noch ein Rumpfgremium da: zehn Mitglieder. Und die haben nicht mehr das Quorum und sind eigentlich nicht mehr arbeitsfähig." Durch die nun bekannt gewordenen Vorwürfe gegen Mitglieder des Komitees ist diese Pause auch dringend notwendig, wie Löffler betont. "Die haben im Moment ihre Glaubwürdigkeit und ihr Renommee verspielt. Sie können im Moment, so wie sie dastehen, einen Literatur-Nobelpreis nicht wirklich glaubhaft vergeben." Allerdings habe sich der Preis bereits mehrfach in seiner Geschichte korrigiert und seinen Blick geweitet, so dass dies auch für die nun angekündigte Pause nach Einschätzung Löfflers erneut denkbar wäre.

In Reaktion auf die Nachricht vom Verzicht auf die Preisverleihung in diesem Jahr sprach Joachim Scholl mit dem Literaturredakteur Kolja Mensing:

Joachim Scholl: Die Verleihung soll im nächsten Jahr nachgeholt werden. Man halte, so die Begründung, es für nötig, Zeit zu investieren, um das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Akademie wiederherzustellen. Im Studio ist Kolja Mensing aus der "Lesart"-Redaktion. Diese Verschiebung, Absage hat sich in den letzten Tagen immer mehr abgezeichnet. Kolja Mensing, ist das also jetzt die angemessene Reaktion auf die Vorwürfe?

Kolja Mensing: Ja, also ich denke ja. Das ist keine überzogene Selbstkritik, das ist auf jeden Fall eine vollkommen angemessene Reaktion auf ein wirklich vollkommen unangemessenes Verhalten. Wir können ja einfach noch mal rekapitulieren, welche Vorwürfe überhaupt im Raum stehen. Zunächst mal geht es irgendwie um Geld. Die Lyrikerin Katarina Frostenson, die ist Mitglied in der Schwedischen Akademie, sie soll ihrem Ehemann Jean-Claude Arnault unrechtmäßig Gelder zuschanzt haben, und, okay, da denkt man erst mal, das ist so ein bisschen der übliche Kulturfilz, das ist ein Schaden, den man vielleicht hätte reparieren können, aber sehr viel dramatischer ist eben ein anderer Vorwurf: Besagter Jean-Claude Arnault steht nämlich unter dem Verdacht, 18 Frauen aus der Akademie oder aus dem Umfeld der Akademie sexuell belästigt oder missbraucht zu haben.

Eine idealistische Perspektive

Was dann passiert ist, das kennen wir aus anderen Fällen der #MeToo-Debatte, sehr gut – leider sehr gut. Zunächst stellt sich die Institution selbst – hier also die Akademie – hinter Arnault, spricht ihm ihr Vertrauen aus, nur um dann, nach einer ersten internen Untersuchung, kleinlaut zugeben zu müssen, dass an diesen Vorwürfen eben sehr wohl was dran ist. Gott sei Dank, muss ich sagen, mittlerweile ist es durch die #MeToo-Debatte eben so weit gekommen, dass öffentliche Institutionen mit so einem Verhalten nicht mehr durchkommen und schon gar nicht die Schwedische Akademie, die – so steht es ja in den Statuten – Literatur auszeichnen will, die aus einer idealistischen Perspektive heraus geschrieben ist. Das geht eben nicht.

Scholl: In Schweden behandelt die Öffentlichkeit den Fall ja als nationales Drama, als einzige Blamage, auch für das gesamte Land. Was bedeutet das jetzt, Herr Kolja Mensing, für den Preis, die wichtigste, begehrteste, bekannteste literarische Auszeichnung? Ist der Literaturnobelpreis dadurch jetzt beschädigt, oder ist diese Reaktion sozusagen dazu angetan, den Literaturnobelpreis zu retten?

Kolja Mensing: Es ist ja noch vollkommen offen, wie es eigentlich genau weitergeht. Die Akademie will den Preis jetzt erst einmal für ein Jahr aussetzen. Das ist möglich, das ist auch schon häufiger vorgekommen aus unterschiedlichen Gründen. 1935 zum Beispiel konnte man sich einfach nicht einigen auf einen Kandidaten, und dann Anfang der 40er-Jahre wurde der Preis wegen des Zweiten Weltkriegs ausgesetzt.

Vorsicht mit Unfallwagen!

Jetzt allerdings gibt es ja eine Krise im Inneren, die angebunden ist an eine gesellschaftliche Krise, nämlich an den Kampf um neue Regeln im sexuellen Diskurs, und die Akademie hat da eben so ungeschickt agiert, dass ich mir kaum vorstellen kann, dass es jetzt, nach einer kurzen Besinnungspause oder einigen Neubesetzungen in der Jury, im nächsten Jahr einfach so weitergeht, denn, bitte schön, welcher Schriftsteller, welche Schriftstellerin will denn einen beschädigten und nachträglich ausgebesserten Literaturnobelpreis. Also Vorsicht mit Unfallwagen, das weiß ja eigentlich jeder Gebrauchtwagenkäufer.

Scholl: Danke, Kolja Mensing! Der Literaturnobelpreis ist abgesagt für dieses Jahr. Das waren erste Einschätzungen. Wir werden natürlich weitere Reaktionen sammeln hier im Laufe des heutigen Tages im Programm von Deutschlandfunk Kultur.

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