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Lesart / Archiv | Beitrag vom 26.09.2014

LiteraturMan schreibt "nicht mehr so gedrechselt"

Debatte über Sinn und Unsinn von Schreibschulen

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In einer alten mechanischen Schreibmaschine steckt ein Blatt Papier. (picture alliance/dpa-Zentralbild - Matthias Tödt)
Schreibschulen - verheerende Wirkung auf die Literatur? (picture alliance/dpa-Zentralbild - Matthias Tödt)

Der Lektor Patrick Hutsch hält nichts von der These, wonach Schreibschulen einen stilistischen Gleichklang junger Autoren beförderten. Die Ausbildung sei vielmehr "gut, solide". Eine Fortführung unserer Diskussion: Schaden Schreibschulen der Literatur?

Der Lektor und Journalist Patrick Hutsch hält nichts von der These, wonach Schreibschulen einen stilistischen Gleichklang junger Autoren beförderten. Wenn überhaupt, sei es "ein Phänomen der Zeit, dass man einfach nicht mehr so gedrechselt schreibt wie vielleicht noch vor 40, 50 Jahren", so Hutsch. "Aber ich weigere mich nach wie vor darauf einzugehen und zu sagen: Das ist der Schreibschulstil, der dort beigebracht und gelehrt wird."

Die Ausbildung sei vielmehr "gut, solide". Unser Literaturkritiker Helmut Böttiger hatte Schreibschulen vorgeworfen, eine stilistische und thematische Austauschbarkeit von Prosatexten zu unterstützen.

Nur über das schreiben, was man sich annähernd vorstellen kann oder erfahren hat

Dass es durchaus inhaltliche Ähnlichkeiten gibt - etwa eine Häufung so genannter Coming-of-Age-Romane, Romane über das Erwachsenwerden - beobachtet auch Hutsch. Es seien eben die prägenden Erfahrungen von Autoren in dieser Zeit: "Man sollte möglichst auch nur davon schreiben, was man selber auch nur annähernd sich vorstellen kann oder erfahren hat." Dozenten der Schreibschulen würden aber nicht dazu ermuntern. Man müsse sich auch klar machen: "Es sind denkende junge Menschen, die dort ihr Studium aufnehmen und sich nicht einfach indoktrinieren lassen", so Hutsch.

"Wie haben die ersten Texte eines Günter Grass ausgesehen?"

Die relativ gering ausgeprägte Risikobereitschaft bei der jungen Generation führt er auf den Literaturbetrieb zurück, der dies nicht belohne: "Eine zweite Chance bekommt man eventuell noch, aber selbst die wird nicht jedem gegeben." Hutsch gab auch zu bedenken, dass die Autoren noch am Anfang ihrer Biografie stünden: "Wie haben die ersten Texte ausgesehen von einem Günter Grass? Da muss man sich auch fragen, ob da nicht manchmal die Latte sehr hoch gesetzt wird vonseiten der Kritik."

Hutsch hatte zunächst auf Twitter auf Helmut Böttigers Vorwürfe reagiert: Deutschlandradio Kultur habe wohl "einen Beitrag von 1994" gesendet. Auch der Schriftsteller Saša Stanišić twitterte über die angeblich verheerende Wirkung deutscher Schreibschulen in Hildesheim und Leipzig: "Wie unsäglich, wie falsch, wie öde".

Mehr zum Thema:

Schreibschulen - Romane aus dem Baukasten
(Deutschlandradio Kultur, Lesart, 24.09.2014)

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