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Zeitfragen | Beitrag vom 22.05.2020

Literatur made in ThailandMönche, Militär und Monarchie

Von Margarete Blümel

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Ein Mönch und sein Schüler auf einer Buchmesse in Bangkok (picture alliance / dpa / Rungroj Yongrit)
Auf der Buchmesse in Bangkok werden internationale und nationale Titel präsentiert. (picture alliance / dpa / Rungroj Yongrit)

Die Verbindung von Literatur und Politik ist in Thailand selten. Vielmehr stehen Kinderbücher von Jane Vejjajiva auf dem Programm. Oder unterhaltsame Kurzgeschichten, etwa von Prabda Yoon, der längere Zeit in den USA gelebt hat.

"Wer Buddhas Lehren verinnerlicht, erfährt Frieden und  gewinnt moralischen Mut. Das gehört zum sogenannten 'engagierten Buddhismus'," sagt der Aktivist und Intellektuelle Sulak Sivaraksa. Er hat in seiner Heimat Thailand mehrmals im Gefängnis gesessen, und er hat einige Jahre im Exil gelebt.

Wenn man Sulak Sivaraksa festnahm, dann entweder wegen Majestätsbeleidigung oder Kritik an führenden Politikern und am Sozialwesen: "Inzwischen leben wir hier ja in einer Diktatur. Und damit ist auch unsere Redefreiheit eingeschränkt. Was den Mächtigen nicht passt, darf nicht zur Sprache kommen."

Lesen als stiller Protest

Als die UNESCO vor einigen Jahren Bangkok zur "Hauptstadt des Buches" ausreif, ermunterten thailändische Aktivisten ihre Landsleute  dazu, sich in der Öffentlichkeit zum stillen Lesen zu versammeln. Während dieses stummen Protests gegen die Regierung, gegen Korruption und Unterdrückung, hielten viele Teilnehmer Bücher von Sulak Sivaraksa oder Khamsing Srinawk in den Händen, Werke von Autoren, die ihrer Regime- und Monarchie-Kritik wegen viele Jahre im Gefängnis verbracht haben.

Diktatoren sähen es nun einmal nicht gern, wenn gelesen wird, sagt Sulak Sivaraksa. Seine politischen Streitschriften und seine Essays, die Buddhisten dazu auffordern zu handeln, wurden in viele Sprachen übersetzt. Der Militärjunta, die durch einen Putsch an die Macht kam, sind solche kritischen Abhandlungen ein Dorn im Auge.

Drei Bücher von Sulak Sivaraksa wurden ins Deutsche übersetzt. Das ist ungewöhnlich und hat auch damit zu tun, dass der Autor an mehreren westlichen Universitäten gelehrt hat. Aus dem Thai in westliche Sprachen übersetzte Bücher sind eine Rarität.

Keine kulturelle Brücke zum Westen

Das habe auch damit zu tun, dass Thailand, ähnlich wie Japan, nie kolonialisiert gewesen sei und es keine kulturelle Brücke zum Westen gebe.

Die führenden Bildungsinstitute hätten versagt, fügt Sivaraksa hinzu, und zwar aus Angst vor dem Militär: "Sie haben unsere akademischen Einrichtungen einer Gehirnwäsche unterzogen. Nicht ein Universitätspräsident, nicht eine einzige Universität hat dem widerstanden."

Seit dem Ende der absoluten Monarchie im Jahre 1932 wurde in Thailand 13 Mal die Regierung gestürzt, und es gab 20 Verfassungsänderungen. Nachdem sich das Militär im Mai 2014 an die Macht geputscht hatte, kam es zu massiven Einschränkungen für die Bewohner des Landes. So wurden die Versammlungsfreiheit und das Recht auf freie Meinungsäußerung stark beschränkt.

Mittlerweile wird die Presse mehr als je zuvor zensiert, und wer einen kritischen Eintrag im Internet mit "Gefällt mir" versieht, läuft Gefahr, eingesperrt zu werden.

Die Monarchie, die Religion und die Nation gelten als die drei Säulen des "Thai-Seins". Aktivisten, Akademiker, Oppositionelle oder Schriftsteller, die auch nur eine davon anzweifeln oder kritisieren werden schikaniert, von der Polizei verhört und landen oft genug im Gefängnis. 

Literatur ist etwas für die Oberschicht

Literatur spielt, wenn überhaupt, lediglich in Thailands Mittel– und Oberschicht eine Rolle. Zwar können mehr als 90 Prozent der Thailänder lesen und schreiben. Aber die Lektüre von schöngeistiger Literatur wird weder in den Schulen noch in den Universitäten des Landes gefördert. Die Buchauflagen sind klein, die Bücherpreise hoch. Es gibt nur wenige Buchläden. Ihr Sortiment besteht hauptsächlich aus ins Thai übersetzten internationalen Bestsellern.

In einigen Buchgeschäften gibt es eine kleine Nische, die Romanzen, Abenteuer-Geschichten und Kinderbüchern von einheimischen Autoren vorbehalten ist. Darunter ist auch Jane Vejjajivas "Das Haus der 16 Krüge". Die Geschichte der kleinen Kati ist das beliebteste Kinderbuch Thailands.

"Das Buch war sehr erfolgreich, und ich habe damit einen der renommiertesten Literaturpreise Südostasiens gewonnen. So wurde Katis Geschichte bekannt und schließlich sogar verfilmt",
erzählt jane Vejjajivas.

"Die meisten Kinder kennen dieses Buch, weil es zum Schulstoff gehört. Leider haben viele meiner Landsleute kein Geld, um Bücher zu kaufen. Unsere Schulbibliotheken wiederum verfügen nur über ein sehr geringes Budget, und es gibt dort kein qualifiziertes Personal. Das  kann sich erst ändern, wenn die Regierung sich darum kümmert, das Lesen zu fördern!"

Unter dem Schutz eines Pseudonyms

Ein paar junge Autoren versuchen inzwischen, unter Pseudonym ihrer Unzufriedenheit zumindest im Internet Luft zu machen.

Nopchai ist zwanzig Jahre alt. Er hat es satt, immer wieder darauf hingewiesen zu werden, dass er mit seinem bis zur Schulter reichenden Haar aus der Reihe fällt. Nopchai hat einen Roman-Entwurf verfasst. Der Titel seiner sarkastischen Bildungsstudie lautet: "Der beste Schüler in einem ausgezeichneten Bildungssystem."

"Ich werde also ohnehin keinen Verleger finden – unmöglich," sagt er. Auch von der Idee, Auszüge aus der Roman-Vorlage online zu stellen, ist er schnell wieder abgekommen. Nicht einmal unter einem Pseudonym fühlt Nopchai sich sicher. Er hat Angst, auch um seine Eltern, die einen Lebensmittelladen haben.

"Ich habe zwar auch um mich selbst Angst, aber vor allem versuche ich, meine Familienangehörigen aus alldem raus zu halten. Ich erwähne ihre Namen nicht und poste auch keine Bilder, die Familienmitglieder zeigen."

Regimekritik mittels Humor

Khamsing Srinawks Kurzgeschichten sind in zahlreichen Übersetzungen herausgekommen. Fast immer zeichnen sie sich durch beißenden Humor und Anspielungen auf soziale Missstände aus.

Der Autor ist in Thailand sehr bekannt, obwohl sein Werk angesichts seines Alters nicht besonders umfangreich erscheint. In den 1970er Jahren, als kritische Autoren der Linkslastigkeit und der Verbreitung kommunistischer Ideologien bezichtigt  wurden, wurde Khamsing Srinawk zum gesuchten Regimegegner. 1977 gelang ihm die Flucht nach Schweden. Das Land und seine Menschen waren gut zu ihm. Und doch war Khamsing Srinawk sehr froh, als sich 1981 die Verhältnisse änderten und er mit Frau und Töchtern nach Thailand zurückkehren konnte.

Von Absurditäten fasziniert

Prabda Yoon, ein jüngerer Kollege Srinawks, ist nach langen Jahren in den USA nach Thailand zurückgekehrt. In seiner ins Englische übersetzten Kurzgeschichtensammlung erstellt der Autor ein Potpourri der thailändischen Gesellschaft. Oft hat das von ihm entworfene Szenario absurde Züge, wie er erzählt: "Ich bin von Absurditäten fasziniert. Wenn ich eine Erzählung entwickle, lege ich dem Ganzen gern eine ungewöhnliche Ausgangssituation  zugrunde".

Prabda Yoon gilt in Thailand als ein wenig "hip" und als "Wanderer zwischen den Welten".

"Hierzulande ist es wichtig, sich wie ein 'guter Thai' zu benehmen. Der Gruppendruck ist einfach dauernd da. Wenn zum Beispiel die Nationalhymne erklingt und die anderen deshalb still stehen, dann wird man komisch angestarrt, wenn man einfach weitergeht. Liberalismus als Lebensform existiert in Thailand nicht."

SprecherInnen: Ilka Teichmüller, Joachim Bliese, Sabine Falkenberg und Adam Nümm
Regie: Beate Ziegs
Ton: Andreas Stoffels
Redaktion: Dorothea Westphal

Hier können Sie das Manuskript zur Sendung herunterladen.

Die Sendung ist eine Wiederholung vom 15.9.2017

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