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Zeitfragen | Beitrag vom 16.10.2020

Literatur der Ureinwohner QuébecsSelbstbewusster Blick auf die eigene Identität

Von Cornelius Wüllenkemper

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Eine ältere Frau mit langen dunklen Haaren sitzt in einem Flur eines Gebäudes. (imago images / Leemage)
Die Grande Dame der Innu-Literatur Josephine Bacon. (imago images / Leemage)

Die Indigenen Kanadas und die Nachkommen der Kolonisten trennen tiefe Gräben. Dennoch wollten Autoren und Autorinnen zusammen zur Frankfurter Buchmesse reisen. Der Besuch ist verschoben, wir widmen uns trotzdem der Literatur der „Premières Nations“.

Die Innu zählen wie die Cree, die Mohawks und die Algonkins zu den elf "Premières Nations" oder "First Nations", den indigenen Ethnien der kanadischen Provinz Québec. Die Grande Dame der Innu-Literatur heißt Josephine Bacon. Ihre Gedichte spüren dem "Nutshimit" nach, den Territorien ihrer Vorfahren, die als Nomaden in den Weiten Québecs lebten.

"Ich lebe in den Worten, die ich schreibe
Ich kämpfe in stiller Wut
Mein Schmerz lässt sich nicht erzählen …
Ich gehe ans Ende der Nacht
Ein besseres Ich zu finden."

Québec ist fünfmal so groß wie Deutschland, hat jedoch nur ein Zehntel seiner Einwohner. Die Innu kamen als Erste mit den Europäern in Kontakt, vor allem mit Walfängern und Fischern aus der Bretagne, der Normandie und dem Baskenland.

Doppelte Kolonisierung

Der Ethnologe Samuel de Champlain gründete Mitte des 16. Jahrhunderts die erste französische Siedlung an den Ufern des Sankt-Lorenz-Stroms. 50 Jahre später wurde das heutige Québec zur französischen Kolonie und kam in den Genuss der königlichen Kolonialstrategie. Ihre Ziele: kulturelle und religiöse Assimilation. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts nahm der englische Einfluss zu, bis 1867 Großbritannien die Provinz Québec in der Dominion of Canada unter die britische Krone stellte. Die historischen Wunden dieser doppelten Kolonisierung sind noch lange nicht verheilt.

"Unsere Beziehungen zu den Ureinwohnern", sagt der weiße Journalist und Buchhändler Jérémy Laniel, "sind bis heute kolonialistisch geprägt. Wir fügen ihnen genau das zu, was wir selbst erdulden mussten. Wir haben lange um unsere Eigenständigkeit gekämpft. Und jetzt wundern wir uns, dass die Autochthonen genau dasselbe fordern. Das ist die große Québecer Schizophrenie!"

Neues Selbstbewusstsein

Die Abgrenzungsbemühungen der mehrheitlich frankofonen Provinz Québec im mehrheitlich anglofonen Kanada überlagert die Wahrnehmung anderer Minderheitenkulturen: die der indigenen Völker. Immerhin gibt es seit einiger Zeit ein wachsendes Interesse an autochthoner Literatur in Québec, meint Laniel.

"Dass Leute massenweise in die Buchläden strömen, um etwa Naomi Fontaines Roman ‚Manikanetish‘ zu kaufen, wäre früher undenkbar gewesen. Auch Josephine Bacon war früher eher als Dokumentaristin bekannt denn als autochthone Dichterin. Davor gab es höchstens mal das eine oder andere Buch, das auf ein, zwei Seiten die Lebensbedingungen der Ureinwohner abhandelte."

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Die Autorinnen und Autoren der Innu und anderer Indigener formulieren ein neues Selbstbewusstsein, und sie sind sich bewusst, Vertreter einer gefährdeten Kultur zu sein: "Ich wünsche mir", sagt Naomi Fontaine,  "dass auch die Innu meine Bücher lesen und sich bewusst werden, dass wir anders sind als die Weißen, und dass das auch gut so ist. Wir müssen nicht sein wie sie, wir haben eine andere Geschichte und eine andere Kultur. Wir sehen die Welt anders, wir gehen anders mit der Zeit um. Unser Leben funktioniert anders."

Die Bewahrung der Sprache

Josephine Bacon hat ihren Gedichtband "Uiesh" zweisprachig, auf Innu-Aimun und auf Französisch, veröffentlicht. "Auf Innu-Aimun zu schreiben, ist mir das Wichtigste. Denn ich glaube, so wird unsere Sprache nie sterben. Wenn wir in unserer Sprache schreiben, dann geht es um die eigene Identität und Kultur. Denn Sprache formt dein Denken und deine Träume, oder?"

Cornelius Wüllenkemper ist – unterstützt vom Toledo-Programm des Deutschen Übersetzungsfonds und der Vertretung der Regierung von Québec in Berlin – nach Québec gereist und stellt Autorinnen und Autoren der Innu vor.

(pla)

Das Manuskript der Sendung können Sie hier herunterladen.

Es sprechen: Sabine Falkenberg, Romanus Fuhrmann, Ole Lagerpusch, Nele Rosetz
Ton: Inge Görgner 
Regie: Cordula Dickmeiss
Redaktion: Jörg Plath

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