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Sein und Streit | Beitrag vom 23.12.2018

Literarischer Adventskalender (23)Eckart Conze: "Die große Illusion“

Von Marie Sagenschneider

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Menschen stehen auf Stühlen um einen Blick in einen Raum zu bekommen, der auf dem Buchcover nicht gezeigt wird. (Siedler / Montage: DLF Kultur)
Vereint Geschichte und aktuelle Politik gekonnt: Eckart Conzes Buch "Die große Illusion" (Siedler / Montage: DLF Kultur)

In "Die große Illusion" sitzt der Leser mit am Versailler Verhandlungstisch. Er liest, wie die Siegermächte des Ersten Weltkriegs die Welt unter sich aufteilten. Und er muss zwangsläufig denken, dass die Weltgeschichte hier eine andere Wende hätte nehmen können.

Ich verschenke von Eckart Conze: "Die große Illusion: Versailles 1919 und die Neuordnung der Welt".

Mit Eckart Conze sitzt man an den Verhandlungstischen in Versailles, wo sich die Siegermächte des Ersten Weltkrieges trafen, um die Welt nicht nur neu zu ordnen, sondern sie auch unter sich aufzuteilen. Er berichtet von Machtspielen und Interessensgegensätzen, von neuen, nationalistisch motivierten Kriegen, vor allem auf den Gebieten der untergegangenen Imperien. Und am Ende wundert man sich, dass es überhaupt zu Vertragsabschlüssen in Paris kam.

Im Zentrum des Geschehens steht die wahre Siegermacht: die USA mit ihrem Präsidenten Woodrow Wilson. Der hatte das Selbstbestimmungsrecht der Völker proklamiert und damit große Hoffnungen geweckt. Von überall her kamen Menschen angereist, die für ihre Länder, ihre Volksgruppen mehr Autonomie einforderten. Die Erwartungen waren riesig und es lag Aufbruch in der Luft.

Was Eckhart Conze ganz großartig gelingt, ist, die Komplexität der Vorgänge rund um die Friedensverhandlungen von Versailles nicht nur einzufangen, sondern sie auch so anschaulich zu erzählen, dass man zuweilen das Gefühl hat, man sei dabei gewesen. Er wirft immer wieder ein Schlaglicht auf einzelne Personen, die plötzlich eine große Dimension aufscheinen lassen. Wie die Geschichte eines jungen Vietnamesen, der damals nach Paris gereist war, um mit Woodrow Wilson über das Selbstbestimmungsrecht seines Landes zu reden. Aus diesem Treffen wurde nichts, er reiste enttäuscht ab und hat sich dann einer neuen Befreiungsideologie zugewandt: dem Kommunismus. Der junge Mann war übrigens Ho Chi Minh.

Und so vermittelt uns Eckart Conze eine Ahnung davon, was alles hätte möglich sein können, wenn die Siegermächte das Selbstbestimmungsrecht der Völker tatsächlich ernst genommen hätten. Eine andere Entwicklung im arabischen Raum oder in Asien wäre vielleicht denkbar gewesen – und viele Konflikte, die in dieser Zeit wurzeln und die uns bis in unsere Gegenwart beschäftigen, hätte es so nie gegeben. Wer weiß.

Ich schenke das Buch meiner Mutter. Warum? Geschichte und aktuelle Politik ist ihr Ding und dieses Buch vereint beides aufs Schönste.

Eckart Conze: "Die große Illusion. Versailles 1919 und die Neuordnung der Welt"
Siedler Verlag, München 2018
560 Seiten, 30 Euro

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