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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 05.04.2012

Literarische Spielwiese der 68er

Henning Marmulla: "Enzensbergers Kursbuch. Eine Zeitschrift um 68", Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2012, 383 Seiten

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Hans Magnus Enzensberger, 1968 bei einer Veranstaltung gegen die Notstandsgesetzgebung.  (picture alliance / dpa / Manfred Rehm)
Hans Magnus Enzensberger, 1968 bei einer Veranstaltung gegen die Notstandsgesetzgebung. (picture alliance / dpa / Manfred Rehm)

Sie rief den "Tod der Literatur" aus, war ein zentrales Forum der 68er-Bewegung und wird schon in den 70ern Kult: Heute ist die Zeitschrift "Kursbuch" beinahe Legende. Henning Marmulla entzerrt dieses Mythen-Knäuel, das sich vor allem um Herausgeber Hans Magnus Enzensberger dreht.

Über die ersten Jahre der Zeitschrift "Kursbuch" sind mittlerweile viele Legenden im Umlauf: 1965 vom als "Chefideologen" der Gruppe 47 und der Außerparlamentarischen Opposition bezeichneten Hans Magnus Enzensberger gegründet, entwickelte sie sich zu einem zentralen Forum für die 68er-Bewegung. Literatur und Politik konnten dort zusammengedacht werden.

Spätestens als der "Zweitausendeins"-Versand 1976 einen billigen Reprint der ersten Jahre herausbrachte, war diese Zeitschrift schon zur zeitgeschichtlichen Quelle geworden. Mit der Nummer 15 vom Jahre 1968, in dem viele den "Tod der Literatur" begründet sehen wollten, wurde sogar ein wie auch immer gearteter Kultstatus erreicht.

Henning Marmulla geht in seiner an der Universität Bielefeld entstandenen Studie den mythenbildenden ersten Jahren des "Kursbuchs" nach – der Phase, bis sich die Herausgeber 1970 mit dem Suhrkamp Verlag überwarfen und sich dem linken Verlag Klaus Wagenbach in Westberlin zuwandten. Er hat dieses Feld als erster Wissenschaftler betreten und eine Fülle von Material ausgewertet. Allein durch die Quellen verschiedenster Art, die hier dokumentiert werden, aber auch durch die fundierte Analyse ist dieses Buch für jeden Interessierten eine Pflichtlektüre.

Allerdings: der soziologische Duktus, also hier "Das Politische als Kommunikationsraum in der Geschichte", ist für diese Veröffentlichung in einem Publikumsverlag leider nicht gemildert worden. Vor allem die verschiedenen Kategorien des "Kapitals" in der Definition des Gesellschaftsdenkers Pierre Bourdieu purzeln kunterbunt durch viele Haupt- und Nebensätze; ökonomisches, kulturelles und soziales Kapital werden dabei gelegentlich auch durch das "Konsekrationskapital" erhöht, also durch die Macht, Personen wichtig zu machen.

Der Mann, der dabei im Mittelpunkt steht, ist Hans Magnus Enzensberger: Als "angry young man" in den fünfziger Jahren angetreten, war er unter den deutschen Schriftstellern in den sechziger Jahren der führende politische Kopf, der offensiv die Massenmedien nutzen wollte. Er erkannte sie, im Gegensatz zur "Kritischen Theorie" Adornos, als Chance und wollte nicht kulturpessimistisch ihre Möglichkeiten verschmähen. Nach dem gescheiterten Projekt einer internationalen Zeitschrift Anfang der sechziger Jahre schaffte es Enzensberger mit dem "Kursbuch", konsequent selbst eine gewisse Medienmacht aufzubauen.

Dem Höhepunkt um 1968 widmet Marmulla eingehende Detailstudien, wobei er einige Klischees, die sich festgesetzt haben, entlarvt. Gerade im Heft mit dem sogenannten "Tod der Literatur" lieferte das "Kursbuch" interessante Aspekte einer neuen Literaturtheorie, veröffentlichte eindrucksvolle literarische Texte (unter anderem die vier letzten Gedichte von Ingeborg Bachmann) und zeigte sich keineswegs ideologisch verhärtet, sondern vor allem als Spielwiese.

Das "Kursbuch" erprobte neue Formen. Dass darunter auch verrückte, polit-dadaistische oder dogmatisch-erstarrte waren, steigerte nur noch den exemplarischen Charakter. Enzensbergers Kuba-Erfahrung am Ende der sechziger Jahre setzt fast organisch den Schlusspunkt und führt zu einer jener neuen Weichenstellungen, für die er berühmt ist.

Besprochen von Helmut Böttiger

Henning Marmulla: Enzensbergers Kursbuch. Eine Zeitschrift um 68.
Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2012
383 Seiten, 29,90 Euro

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