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Buchkritik | Beitrag vom 16.01.2020

Lisa Taddeo: "Three Women – Drei Frauen"Wie im Soft-Porno der 50er Jahre

Von Andrea Gerk

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Cover von Lisa Taddeos "Three Women" vor einem orangefarbenen Hintergrund (Piper Verlag/ Deutschlandradio)
Lisa Taddeo schreibt in "Three Women" über das Sexleben dreier Frauen. (Piper Verlag/ Deutschlandradio)

Lisa Taddeos "Three Women - Drei Frauen" wird angepriesen als das Buch der Stunde zur weiblichen Sexualität. Leider aber erzählt Taddeo kaum Erhellendes über heutiges weibliches Begehren. Im Gegenteil: Das Buch ist erschreckend rückständig.

Acht Jahre Arbeit hat sie in dieses Buch gesteckt, schreibt die 40-jährige Lisa Taddeo im Vorwort ihres Debüts, für das sie angeblich sechsmal die USA durchquert und hunderte Menschen, vor allem Frauen, zu ihrem Sexleben befragt hat, um schließlich drei Frauen aus der amerikanischen Provinz auszuwählen: Maggie, Lina und Sloane.

Während Lina und Sloane in Wirklichkeit anders heißen, wurde der Fall "Maggie Wilken" aus North Dakota in den USA bekannt, weil sie als 17-jährige Schülerin ein Verhältnis mit ihrem damals 29-jährigen Englischlehrer gehabt haben soll und ihn sechs Jahre später deshalb verklagte. Taddeo beginnt die Geschichte vor Gericht, wo Maggie ihrem Lehrer erneut gegenübersitzt: Sie fühlt sich von ihm verstoßen und missachtet, ihr Leben ist seit der Affäre zerstört, noch dazu wird sie, seit das Verhältnis bekannt wurde, als "Hure" und "fette Fotze" beschimpft – vor allem von anderen Frauen. Maggie leidet unter Depressionen und bekommt ihr Leben nicht in den Griff.

Erfüllung beschert der Mann

Auch Sloane schleppt eine schwierige Vergangenheit mit sich herum. Die schöne, wohlhabende Restaurantbesitzerin hat als Jugendliche einen schweren Unfall verursacht und leidet seither an Schuldgefühlen und einer latenten Bulimie. Als ihr Mann, der Koch im gemeinsamen Feinschmeckerlokal in Newport auf Rhode Island ist, zu Beginn der Ehe vorschlägt, ihr beim Sex mit anderen Männern zuzusehen, lässt sich Sloane darauf ein und schon bald geht es kaum noch ohne Dritte. Auch wenn Sloane Zweifel an dem Arrangement plagen und die Frage, was andere wohl von ihrem Treiben halten würden.

Die amerikanische Autorin Lisa Taddeo posiert im Verlag Bloomsbury Publishing in London, umrahmt von Zimmerpflanzen. (laif / eyevine / Rii Schroer )Lisa Taddeo erforscht die weibliche Sexualität und das Begehren in ihrem Roman "Drei Frauen". (laif / eyevine / Rii Schroer )

Auch Lina aus South Dakota, die dritte der drei Frauen, leidet vor allem unter den Männern, mit denen sie zu tun hat: An ihrem gefühlskalten Ehemann Ed, der sich seit Jahren weigert, sie zu küssen, aber auch an ihrem verheirateten Liebhaber Aidan, der ihr zwar Lust verschafft, aber keine Liebe schenkt. Alle drei Frauen erfahren also so etwas wie kurzfristige Erfüllung, indem sie sich zu Objekten von Männern machen.

Keine gleichgeschlechtlich liebende Frau

Vom deutschen Verlag wird "Drei Frauen" als "Buch der Stunde zur weiblichen Sexualität" angepriesen und in den USA sorgten üppige Vorschusslorbeeren prominenter Autoren wie Dave Eggers, Jojo Moyes und Elizabeth Gilbert dafür, es ad hoc auf die Bestsellerliste zu katapultierten. Womöglich tragen seitenlange pornografisch genaue Sexszenen ja zum merkantilen Erfolg des Buchs bei – nach dem alten Motto "Sex sells", denn die von Dave Eggers gepriesenen "wunderbaren unerschrockenen Porträts des Begehrens" erzählen tatsächlich wenig Erhellendes über weibliches Begehren heute.

Vielmehr fühlt man sich stellenweise in einen Soft-Porno der prüden 50er Jahre versetzt. Etwa, wenn Lina, Maggie und Sloane – nachdem sie sich Lust von ihren Heroen ergaunert haben – kleine Tode sterben, sich schuldig fühlen oder unvollständig, sobald kein erigierter Penis ihre innere Leere füllt. Dass Frauen nur als Objekt männlicher Begierde Erfüllung erfahren, ist erschütternd rückständig, und man fragt sich, warum Taddeo – wenn sie schon vorhatte, etwas Grundlegendes über weibliches Begehren zu schreiben – keine gleichgeschlechtlich liebende Frau befragt hat oder wenigstens eine, die selbst über ihre Lust bestimmt und ein glückliches Leben führt.

Konventionell leidende Frauen

Noch dazu ist völlig unklar, wessen Stimme wir in dieser literarisierten Reportage eigentlich lesen. Denn Taddeo suggeriert zwar, aus dem Innersten dieser Frauen zu berichten, dennoch wird die Misere ihrer Protagonistinnen nicht wirklich nachvollziehbar (was womöglich auch an all den verrutschten Metaphern liegt, etwa wenn es heißt, dass Männer so verlockend glänzen wie "onkelhafte Austern" oder Lina sich nach dem geglückten Sex wie ein "sanft gehäutetes, brutal ausgeweidetes Kalb" fühlt).

Warum fragen diese Frauen sich nicht einmal, woher ihr Unglück rührt, was die tieferen Ursachen ihrer Abhängigkeit sind, um damit den ersten Schritt in ein selbstbestimmtes Leben gehen zu können? Anders als es die Marketingkampagne zu diesem Buch verspricht, trägt "Drei Frauen" rein gar nichts zu den wichtigen Debatten über das Geschlechterverhältnis (nach MeToo) bei, vielmehr ist es verstörend, warum Taddeo – nach angeblich jahrelangen Recherchen – sich ausgerechnet drei derart konventionell leidende Frauen ausgesucht hat und deren Geschichte auch noch so viel Resonanz erfährt. Wenn das die umfassende Erkenntnis über weibliches Begehren heute sein soll, ist einiges schiefgelaufen.

Lisa Taddeo: "Three Women – Drei Frauen"
Aus dem amerikanischen Englisch von Maria Hummitzsch
Piper Verlag, München 2020
416 Seiten, 22 Euro

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