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Zeitfragen | Beitrag vom 01.10.2018

Lisa Jaspers Eine Modeaktivistin kämpft für bessere Arbeitsbedingungen

Von Katja Bigalke

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Porträt von Lisa Jaspers vor hellem Hintergund. (Catherine Schroeder)
Lisa Jaspers, die Gründerin von Folkdays. (Catherine Schroeder)

Im April 2013 stürzte das Rana Plaza in Bangladesch ein, mehr als 1.100 Menschen starben. In dem Gebäude ließen auch deutsche Modefirmen ihre Kleidung nähen. Weil sich seit dem wenig verbessert hat, ist die Unternehmerin Lisa Jaspers aktiv geworden.

"Das da sind Teppiche aus Bangladesch aus Jute, und die werden in Dakah verarbeitet. Das ist alles aus dem Norden aus Thailand, dann haben wir hier ein schönes Produkt. Ein Kaftan, der ist in Indien in Kerala gewebt."

Ein Besuch in dem Lager von Lisa Jaspers Label Folkdays gleicht einer Reise um die Welt. Die Kisten und Kleiderstangen im Kellergeschoss unter dem Berliner Laden sind vollgepackt mit Handarbeiten aus Asien, Afrika und Südamerika.

Hier die bunten Teppiche, die Frauen in einem Kollektiv in Ostanatolien nach eigenen Mustern zusammengeknüpft haben.

"Die sind alle unterschiedlich, die dürfen machen was sie sie wollen."

Dort die irrsinnig fein gewebten Seiden-Schals, Hosen und Kimonos aus Kambodscha.

"Das ist ein Netzwerk von Weberinnen, die Zuhause weben. Das ist das erste Mal, dass die ein eigenes Einkommen generieren."

Und eine Kleiderstange weiter die minimalistischen Ledertaschen aus Äthiopien.

"Auch super simpel. Ist ein totaler Verkaufsschlager."

"Wir sind ein nachhaltiges Label"

Ein Erfolg, der der 35-jährigen Unternehmerin wichtig ist. Denn sie verkauft die Produkte, die sie bei Kunsthandwerken auf der ganzen Welt bestellt, ganz bewusst nicht nur, weil sie einen guten Zweck erfüllen:

"Wir sind ein nachhaltiges Label. Aber uns ist wichtig, dass wir Menschen ansprechen, die nicht in erster Linie faire Trade kaufen wollen, sondern Sachen, die schön sind, die sie unbedingt haben wollen. 2809 Das Business ist entstanden aus der Erkenntnis, dass es im nachhaltigen Bekleidungsbereich wenig gibt, was ich schön finde. Und in diese Nische wollen wir treffen."

Aufnahme aus dem Ladengeschäft. Vorne Glaskrug und Gläser, hintern Schmuck und Textilien. (Zoe Spawton)Der Folkdays Store in Berlin. (Zoe Spawton)
Keine Folklore, sondern Kleider und Accessoires, die auch im Großstadtkontext der westlichen Welt funktionieren. Damit das Rezept aufgeht, fädelt Jaspers oft Kooperationen zwischen hiesigen Designern und regionalen Kunsthandwerkern ein. So entstand zum Beispiel das knielange Cua-Kleid. Der Schnitt stammt aus Hamburg, der Webstoff und die traditionellen Stickereien am Kragen von den Frauen des Hmong Volks im Norden Thailands.

"Wir haben schnell gemerkt: Die kennen unseren Markt nicht, die sitzen am anderen Ende der Welt und haben dann angefangen, selber ins Design zu gehen. 70 Prozent der Produkte sind designed oder co-designed."

Und das Rezept scheint aufzugehen. Zum einen, weil Jaspers ihre Aufgabe in erster Linie als Hilfe zur Selbsthilfe versteht:

"Um Menschen maximal zu fördern, brauchen die keine Hilfe, sondern eine Möglichkeit."

Zum anderen, weil sich Jaspers Label den üblichen Regeln des Fashionmarktes entzieht. Statt Geld in Werbung zu investieren, setzt Jaspers Team auf soziale Medien und kollaboratives Marketing. Mit anderen Labels mal einen Pop-Up Store eröffnen oder zu Weihachten einen gemeinsamen Gift-Guide entwerfen, ist für Folkdays, das sich bewusst gegen ständig wechselnde Kollektionen entschieden hat, der nachhaltigere Weg.

"Wir entwickeln Produkte, die langlebig sind. Die man immer haben kann. Schlichte Stücke, die nicht aus der Mode gehen. Wir haben auch keinen Sale. Wir machen faire Preise, drunter können wir nicht gehen, sonst gibt es uns nicht mehr. Fair heißt ja auch unseren Mitarbeitern gegenüber fair."

Keine Kinderarbeit, kurze und transparente Lieferketten

Fair Trade – das heißt auch: keine Kinderarbeit, kurze und transparente Lieferketten, Sicherheit am Arbeitsplatz, geregelte Arbeitszeiten, ein existenzsichernder Arbeitslohn, für alle, die an der Herstellung und dem Verkauf der Produkte beteiligt sind. Im Textilsektor stellen solche Arbeitsbedingungen trotz Green oder Ethical Fashion Showrooms nach wie vor die große Ausnahme dar. Laut Lisa Jaspers, die nicht Modedesign sondern Entwicklungsökonomie studiert hat, liegt das an einer dem Fashion-Markt zugrundeliegenden kaputten Struktur.

"Das Risiko liegt bei den kleinen Labels. Der Markt funktioniert schnell, und nur ein paar wenige, Große schaffen es. Und die anderen gehen Pleite."

Schneller und billiger. Dass die Arbeitsbedingungen an den Produktionsstätten in der Fashionwelt kaum eine Rolle spielen, bewies vor fünf Jahren die Tragödie im Rana Plaza in Bangladesch, als eine baufällige Textilfabrik zusammenbrach und 1.100 Menschen in den Tod riss. In Deutschland tat sich in Folge das Bündnis für nachhaltige Textilien zusammen, dem neben der Bundesregierung rund 150 Unternehmen, Verbände, Nichtregierungsorganisationen und Gewerkschaften angehören. Gemeinsam wollte man an der Verbesserung der Arbeitsbedingungen auch im Ausland arbeiten. Freiwillig und auf Basis der Selbstverpflichtung.

"Ich hab mit Leuten gesprochen, die beteiligt sind und die geglaubt haben, dass das Bündnis ein richtiger Schritt war, weil es einen Diskurs hergestellt hat, die aber mittlerweile sagen, dass die Ziele zum Teil enttäuschend und wahllos waren. Das Ganze läuft bis 2020. Dann wird man sehen, was da raus kommt. Die Rückmeldungen sind aber pessimistisch."

"Ich hatte die Schnauze ein bisschen voll"

Zumal das Textilbündnis – gemessen am Gesamtumsatz in Deutschland – nur für knapp 50 Prozent der Branche steht. Lisa Jaspers reicht das nicht. Geht es nach ihr, muss ein Gesetz her, das dafür sorgt, dass Unternehmen dafür verantwortlich gemacht werden können, wenn ihre Zulieferer Sozialstandards und Menschenrechte nicht beachten.

(picture alliance / dpa)Die Näh-Fabrik Rana Plaza, die am 24. April 2013 eingestürzt ist. (picture alliance / dpa)
"Ich hab zum fünften Jahrestag von Rana Plaza eine Petition aufgestellt, weil ich ein bisschen die Schnauze voll hatte von dem Diskurs. Wir müssen den Konsumenten dazu bringen, nur noch bestimmte Produkte zu konsumieren. Warum sollte das nicht der Grundsatz von wirtschaftlichem Handeln sein. In Frankreich zum Beispiel gibt es ein Gesetz zur Haftbarmachung von Unternehmen. Da haben auch alle gesagt – das geht nicht. Aber es ging. Und ich will, dass da auch in Deutschland was passiert. Und das passiert nicht, wenn da kein Druck entsteht."

Knapp 100.000 Menschen haben die Petition für ein Gesetz für eine unternehmerische Sorgfaltspflicht auf Change.org bereits unterschrieben. Auch im Ausland. Das sei bereits ein Erfolg, findet Lisa Jaspers.

"Je mehr Leute unterschreiben, je mehr Gewicht hat das. Es gibt kein Quorum, keine Deadline. Der Gedanke soll sich verbreiten. Wenn wir es schaffen, 200, 300.000 Stimmen zu erhalten, dann kann man auch in den Diskurs gehen."

Und das wird Lisa Jaspers tun. In der Modewelt und vielleicht auch in der Politik.

"Ich bin sehr schlecht darin, mich unterzuordnen, wenn ich das Gefühl habe, etwas geht mir gegen den Strich. Es kommt auf den Ton an, da arbeite ich daran, dass ich das nicht so radikal mache. Manchmal muss man aber auch sagen können: Das sehe ich nicht so. Das tue ich mit Folkdays, und da sehe ich mich in der Rolle des Störenfrieds."

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