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Sein und Streit | Beitrag vom 23.08.2020

Lisa Herzog: "Die Erfindung des Marktes"Der Markt als Mängelwesen

Von Philipp Schnee

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Markttag, Lithografie nach einer Zeichnung von Carl Heinrich Wilke. (bpk / Museum Europäischer Kulturen, SMB / Ute Franz. )
Märkte sind eingebettet in gesellschaftliche Praktiken, argumentiert die Philosophin Lisa Herzog. (bpk / Museum Europäischer Kulturen, SMB / Ute Franz. )

Der Markt als anderes der Gesellschaft: Diese Auffassung prägt seit Langem die Wirtschaftswissenschaften. Lisa Herzog zeigt, dass wichtige Theoretiker diesem Dualismus widersprechen. Zeit, Hegel und Adam Smith mit ihr neu zu entdecken.

Hegel steht für eine anspruchsvolle Staats- und Gesellschaftstheorie. Deshalb erscheint es erst einmal ungewöhnlich, dass er für ein Buch über den Markt herangezogen wird. Markt vs. Staat, das klingt ja fast wie Adam Smith vs. Hegel. Das ist aber nicht das Anliegen der Philosophin Lisa Herzog.

Kein Markt ohne gesellschaftliche Institutionen

Ihr Anliegen ist: zu zeigen, wie sowohl Smith als auch Hegel von ganz unterschiedlichen Seiten Markt und Staat als bedingt ansehen. Kein Markt ohne ihn umgebende gesellschaftliche Institutionen.

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"Die Grundthese dieses Buches ist, dass unser Verständnis des Marktes, ob wir ihn als ein Monster oder eine Maschine, als einen Dschungel oder eine Rennbahn sehen, nicht nur ein Randthema der politischen Philosophie, sondern von zentraler Bedeutung für sie ist", schreibt Herzog.

"Um diese Bedeutung sichtbar zu machen, bedarf es nicht einer weiteren technischen Erörterung von Märkten. Was wir brauchen, ist vielmehr eine philosophische Betrachtung (...). Zu erörtern sind Themen wie die Bedeutung der Märkte für unsere Identität, für unser Verständnis von Gerechtigkeit und für die Frage, auf welche Weise wir frei oder unfrei sind."

Die Fehler einer verkürzten Smith-Lektüre überwinden

Es ist wichtig, sich klar zu machen, gegen wen Lisa Herzog anschreibt. Sie schrieb ursprünglich für den angelsächsischen Diskurs. Dort muss Hegel, verschrien als obskurer deutscher Metaphysiker, pardon: marktfähig gemacht werden. Zugleich schreibt Herzog gegen eine sehr verkürzte Smith-Rezeption in den Wirtschaftswissenschaften an. Adam Smith stehe dort nur noch für seine Metapher der "unsichtbaren Hand" und einen optimistischen Blick auf den Markt:

Der Markt ist der Ausgleich individueller Bedürfnisse zum gegenseitigen Nutzen. Jeder profitiert. Insgesamt wird der Wohlstand gefördert. Alles per Zauberhand paletti, so die Quintessenz einer verkürzten Smith-Lektüre. Nur nicht eingreifen. Das ist immer noch weit verbreitet, wenn auch schon wissenschaftlich durch die Analysen des Marktversagens und der Marktbedingungen widerlegt.

Lösen Märkte Probleme oder schaffen sie welche?

Herzog schreibt also eine Geschichte des Marktes und bezieht sich dabei aus ihrer Perspektive auf "Außenseiter": Smith als ernst zu nehmender Philosoph, nicht als Wirtschaftswissenschaftler, Hegel als ernst zu nehmender Analytiker des Wirtschaftslebens. Mit Hegel und Smith für eine liberale Wirtschaftsdemokratie.

Marx als natürlicher Gegenspieler von Smith, wie Herzog schreibt, wird ausgeschlossen. Stattdessen wählt sie Hegel. Ganz einfach, weil Herzog zwei Protagonisten sucht, die für die Funktionsweise des Marktes stehen, ihn nicht grundsätzlich ablehnen. Allerdings mit einem entscheidenden Unterschied: Smith sehe den Markt als Probleme lösend, Hegel, so Herzog, sehe ihn als Probleme schaffend. Der Markt als wundersamer Verteilmechanismus, der aber nicht für alle gesellschaftlichen Sphären gleichermaßen geeignet ist.

Der gesellschaftlich eingebettete Markt

Manchmal fragt man sich, warum man für diese Erkenntnis den weiten, historischen Weg über Smith und Hegel nehmen muss. Aber genau das ist Herzogs Anliegen: die Geschichte des Marktes, der Markttheorie neu zu verorten, den Ausgangspunkt neu zu bestimmen. Sie möchte zeigen, dass am Anfang dieses Denkens nicht der reine Markt, das simple Wunder der "unsichtbaren Hand" steht, sondern eben der in gesellschaftliche Bedingungen eingebettete, von der Gesellschaft beeinflusste, von ihr notwendig eingehegte Markt.

"Die Berücksichtigung der historischen Narrative von Smith und Hegel kann (...) als Inspiration für die Frage dienen, wie Märkte das emanzipatorische Potenzial, das Smith und Hegel in ihnen sahen, in größerem Maße, als dies heute der Fall ist, freisetzen könnten", so Herzog. "Sie können jedoch auch als Erinnerung daran dienen, dass Märkte diese Rolle nie allein erfüllen können und dass ihre Konsequenzen entscheidend von den politischen, sozialen und kulturellen Institutionen abhängen, in die sie eingebettet sind."

Die Veränderbarkeit von Märkten sichtbar machen

Das ist Herzogs kleiner Trick: Mit Smith und Hegel, weil sie vom heutigen Finanzkapitalismus keine Ahnung haben konnten, die Zeitbedingtheit von Märkten herauszustreichen, um dann wiederum theoretisch mit Smith und Hegel für das "Werden von Märkten" zu plädieren. Märkte "sind" nicht einfach, sie sind nicht natürlich gegeben, sondern "werden" im jeweiligen gesellschaftlichen Kontext.

"Kurz gesagt, wir sollten die Hoffnung nicht aufgeben, dass Märkte etwas anderes sein könnten als das, was sie gegenwärtig sind", schreibt Herzog.

Das wirkt bisweilen wie ein Buch für all die, die den Glauben an eine Marktgesellschaft mit menschlichem Antlitz nicht verlieren wollen. Und wartet bisweilen gar mit Powersätzen für die Gläubigen der alles heilenden Chancengleichheit auf: "Was zählt, ist, dass jeder Einzelne die Chance hat, seinen Weg zu erfolgreicher Teilnahme an Märkten zu finden, und dass Märkte, insbesondere Arbeitsmärkte, allen die Chance bieten, sich zu entwickeln."

Märkte sollten Gemeinwesen dienen, nicht andersherum

Allerdings, Herzog bleibt hier nicht stehen: "Wir haben uns so sehr an bestimmte Bilder des Marktes gewöhnt, dass wir dazu neigen, zu vergessen, dass die Dinge in der Vergangenheit anders waren." Das ist Herzogs stärkste Leistung. Zu zeigen, was im Verborgenen für unausgesprochene, oft unerkannte Annahmen über den Markt liegen, die prägen, judizieren, beeinflussen – die ganze Marktgesellschaft.

Herzog zeigt, indem sie die verschütteten Vorannahmen Smiths und Hegels freilegt, wie wenig "natürlich", vielmehr "ideologisch" oder "vorgeprägt" unsere heutige Sicht des Marktes, jede Sicht des Marktes ist. Sei es die Smithsche optimistische, sei es die Hegelsche pessimistischere:

"Warum erinnern wir uns nicht daran, dass diejenigen, die die Bilder des Marktes, wie wir ihn kennen, erfunden haben, dabei nicht an eine entfesselte, allumfassende Wirklichkeit gedacht haben, die allen Institutionen, Prinzipien und Ideen, die seinem Diktat nicht gehorchen, den Boden unter den Füßen wegzuziehen droht?"

Herzog erinnert da etwas an "ihren Hegel", so wie sie ihn darstellt: Der Markt als Mängelwesen ist erkannt, die Finger davon lassen wollen und können Sie beide nicht.

Lisa Herzog: "Die Erfindung des Marktes"
WBG ACADEMIC, Darmstadt 2020
288 Seiten, 50 Euro

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