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Im Gespräch | Beitrag vom 22.07.2020

Linken-Politiker Ferat Kocak"Die Spur des NSU 2.0 führt bis nach Neukölln"

Moderation: Britta Bürger

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Politiker Ferat Kocak (Die Linke) gestikuliert während eines Interviews. (imago images / snapshot / F. Boillot)
Seit der Nacht, in der sein Auto brannte, ist Angst ein Teil seines Lebens, erzählt Ferat Kocak. (imago images / snapshot / F. Boillot)

Im Jahr 2018 setzten Rechtsradikale sein Auto in Brand. Für den Neuköllner Ferat Kocak ein Schock. In seinem Berliner Bezirk engagiert er sich für die Linke und gegen Rassismus – und berichtet auf Instagram über einen Dackel.

Die Debatte um das rechtsextreme Terrornetzwerk NSU 2.0, Brandanschläge auf Autos in Berlin, Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt: Diese Themen bestimmen den Alltag von Ferat Kocak seit langem.

Der Aktivist engagiert sich bei der Partei Die Linke, er lebt in dem Berliner Brennpunkt-Ortsteil Nord-Neukölln. Im Jahr 2018 wurde ein Anschlag auf sein Auto verübt. Die Flammen gingen auf das Haus seiner Eltern über – die Familie konnte sich gerade noch rechtzeitig retten.

"Angst ist Teil meines Lebens"

"Seit dieser Nacht ist Angst ein Teil meines Lebens", erzählt Ferat Kocak. "Ich kann nicht mehr gut schlafen, ich wechsele ständig den Wohnort, ich habe zweimal meinen Job verloren. Und ich habe immer die Hoffnung, dass wieder eine gewisse Normalität in mein Leben zurückkehrt. Aber nichts ist wie vorher. Und so ist es auch bei meinen Eltern. Auch, wenn sie immer versuchen, mir eine Normalität vorzuspielen."

Die Polizei habe zwar eine Sonderkommission eingerichtet, die mittlerweile über 70 rechtsextreme Anschläge und Angriffe in Neukölln aufklären soll. "Der rechte Terror in Neukölln wütet jetzt schon seit elf Jahren mit einer Aufklärungsrate von null Prozent." Seine Befürchtung: "Ich habe Angst, dass ein Hanau und ein Halle auch in Neukölln möglich ist."

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Ferat Kocak fordert seit langem einen unabhängigen parlamentarischen Untersuchungsausschuss zu möglichen rechten Verbindungen der Berliner Polizei. "Wenn wir im Behördenapparat die Menschen, die gegen unsere Demokratie arbeiten, nicht aus dem Dienst entfernen, dann werden wir es immer schwer haben", sagt er und stellt ernüchtert fest: "Die Spur des NSU 2.0 führt bis nach Neukölln."

Bunte Heimat Neukölln

Ferat Kocak ist 1979 in Kreuzberg geboren und im benachbarten Neukölln aufgewachsen. Er habe einen "Kreuzberger Migrationshintergrund", sagt er lachend. Neukölln sei seine Heimat, bunt, vielfältig.

Die Eltern von Ferat Kocak sind kurdischer Herkunft, beide waren in der Türkei politisch aktiv und flohen in den 1970er-Jahren vor der dortigen Militärdiktatur nach Deutschland. Er ist Einzelkind, wächst mit einer deutschen Nenntante auf, einer Nachbarin, die sich um den Jungen kümmert, ihm beibringt, dass auch Leberwurst-Stullen lecker schmecken. Heute ist er Veganer.

Er wird bereits in der Schule politisiert. Eigentlich will er Politikwissenschaften studieren, aber das redet ihm sein Vater aus: Damit habe er nur Probleme. Also studiert er zunächst Volkswirtschaft in Berlin, arbeitet bei einer großen Versicherung und steigt dort bis in eine Leitungsposition auf.

Ein Buch von Thilo Sarrazin und die Folgen

Dann ändert ein Schlüsselerlebnis sein Leben: Das Buch "Deutschland schafft sich ab" von Thilo Sarrazin. Es findet bei seiner Kundschaft großen Anklang.

"Als ich gemerkt habe, in meinem Umfeld gibt es sehr viele Menschen, die diesen rassistischen Thesen zustimmen und eigentlich sehr glücklich darüber sind, dass dieses Buch veröffentlicht wurde, habe ich mich sehr ausgegrenzt gefühlt. Ich war nicht mehr in Berlin zu Hause, sondern war auf einmal fremd in Berlin – und habe mich dann entschieden, auszuwandern", erzählt Ferat Kocak.

Er gibt alles auf, geht in die Türkei und wird auch dort ernüchtert. Er findet eine Arbeit in einem Hotel in Antalya, aber dort wird er gemaßregelt, weil er einen Gärtner auf Kurdisch begrüßt. Das ist unerwünscht. Er erlebt, wie politischer Protest mit Gewalt niedergeschlagen wird. "Und wir in Deutschland tun uns schwer, vom Sofa aufzustehen, um zur nächsten Demo zu gehen", sagt er dazu.

"In der Türkei gemerkt, wie sehr deutsch ich bin"

Der entscheidende Punkt aber für ihn, wieder nach Deutschland zurückzukehren, war ein anderer: "Ich habe in der Türkei gemerkt, wie sehr deutsch ich bin - und wie ordnungsgebunden ich bin." So habe er eine Wartenummer in einer Bank gezogen, und während er brav stundenlang anstand, zogen andere Kunden an ihm vorbei zum Schalter.

"Da habe ich gemerkt: Das funktioniert nicht, ich gehe zurück nach Berlin-Neukölln, da ist mein Zuhause. Ich versuche, die Veränderungen hervorzubringen, die ich möchte, indem ich politisch und sozial aktiv werde." Mittlerweile hat er sich als Marke neu erfunden: "Der Neuköllner".

Unter diesem Namen ist Ferat Kocak auf allen sozialen Kanälen aktiv, auch um jüngere Menschen zu erreichen. Demnächst tritt er einen neuen Job an, bei dem Kampagnenverein Campact. Dort will er Strategien gegen den Rechtsextremismus entwickeln. Und wenn er nicht politisch aktiv ist, dann entspannt er sich gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin und ihrer Dackeldame.

(sus)

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