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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 13.07.2016

Linke und RechteWie der spanische Bürgerkrieg das politische Klima bis heute prägt

Von Hans-Günter Kellner

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Einzug der Legion Condor in einer eroberte spanische Stadt. Die auf Seiten Francos eingesetzten deutschen Steitkräfte spielten bei den Kämpfen um Bilbao und Madrid eine entscheidende Rolle. Traurige Berühmtheit erlangte der Luftwaffenverband der Legion Condor durch die Vernichtung der nordspanischen Stadt Guernica. (picture-alliance / dpa)
Einzug der Legion Condor in einer eroberte spanische Stadt. Die auf Seiten Francos eingesetzten deutschen Steitkräfte spielten bei den Kämpfen um Bilbao und Madrid eine entscheidende Rolle. (picture-alliance / dpa)

Ein Teil des Militärs hatte gegen die demokratische Zweite Republik geputscht. In Folge begann im Juli 1936 der spanische Bürgerkrieg: Rechte kämpften gegen Linke - mit unglaublicher Brutalität. Dieser "Bruderkrieg" mit seinen politischen Fronten prägt Spanien bis heute.

Er hat als Krisenreporter für El País über unzählige Kriege geschrieben, aber nie über den Bürgerkrieg im eigenen Land. Jetzt hat Ramon Lobo "Alle Schiffbrüchige" vorgelegt: eine Familiensaga, das Ergebnis einer persönlichen Psychoanalyse und eine Parabel auf Spanien. Sein Vater und dessen beiden Brüder war alle stramme Rechtsaußen, freiwillige Mitglieder der Blauen Division, die während des Zweiten Weltkriegs an der Seite der Wehrmacht an der Ostfront kämpften.

"Das Buch ist für mich wie ein zweiter Übergangsprozess in die Demokratie. Mein erster Demokratisierungsprozess war wie der Spaniens, nach Francos Tod: sehr dogmatisch. Für mich waren alle Anhänger der spanischen Republik die Guten und die Franquisten waren die Bösen, weil sie eben Franco-Anhänger waren."

Erzählt der Journalist in einem Madrider Straßencafé.

"Meine Tante stand dagegen auf der anderen Seite, sie war mit einem Bruder des Präsidenten unserer Republik, Manuel Azaña verheiratet und floh nach dem Bürgerkrieg nach Mexiko. Ihre Schwiegertochter schrieb mir: ‚Deine Tante war ein schlechter Mensch.‘ Da erinnerte ich mich an einen Satz meines Vaters. 'Deine Tante war während des Kriegs eine Denunziantin', sagte er mir. Ich habe das nie akzeptiert. Aber vielleicht hatte er ja doch Recht?"

Suche nach einem "Verständnis jenseits der Schützengräben"

Es ist ein Buch voller Zweifel an zementierten Wahrheiten. Aus Opposition zu seinem Vater wurde Lobo zum spanischen Linken, der die Republik verehrte. So entstehen in Spanien noch heute politische Identitäten, fest verwurzelt, unumstößlich. Sie bestimmen bis heute die komplizierte Politik in einem Land, das nach sechs Monaten und zwei Parlamentswahlen immer noch keine Regierungsmehrheit und keine gewählte Regierung hat.

"Das ist eine Tragödie. Nach den letzten Parlamentswahlen vom 20. Dezember hätte ich es begrüßt, wenn Podemos sich der Stimme enthalten hätte und Sozialisten und die liberalen Ciudadanos regieren könnten. Wir wären Rajoy los geworden, politische Reformen wären möglich gewesen. Aber vor allem: Zum ersten Mal hätte es in der spanischen Politik ein Verständnis jenseits der Schützengräben gegeben. Diese Schützengräben stören mich sehr."

Wie die beiden alten Volksparteien, die Konservativen und die Sozialisten, haben sich auch die neuen Kräfte längst in das traditionelle Rechts-Links-Schema eingefügt, wollen unter keinen Umständen miteinander zusammenarbeiten. Dass die Vergangenheit letztlich Spaniens Politik bis heute blockiert, nehmen viele Spanier allerdings eher mit einem Achselzucken hin. So etwa der Historiker Julio Gil Pecharromán von der Uned-Universität:

"Unsere politische Kultur macht den Dialog schwer. Es ist dennoch eine demokratische Kultur. Spanien ist schon seit Beginn des 19. Jahrhunderts stark gespalten zwischen traditionellen und fortschrittlichen Kräften. Der Bürgerkrieg von 1936 bis 39 war da nur eine von vielen Episoden. Was nach Francos Tod geschehen ist, war ein Wunder. Rechts und Links fanden zusammen, definierten einen neuen politischen Raum, das rechte und das linke Zentrum. Dieses System hat uns sehr weit gebracht. Wenn wir uns wieder spalten würden, wäre das ein großer Rückschritt."

Rechte und Linke können nicht koalieren

Diese Gefahr sieht der Historiker allerdings nicht. Spanien sei aber nicht Deutschland, wo Rechts und Links koalieren könnten. Die Konfrontation in der Tagespolitik sei hart. So wirft die Linke den Rechten immer wieder ihre Verwurzelung im Franco-Regime vor. Pecharromán gibt zu bedenken: Die konservative Volkspartei ist in Spanien auch der Garant dafür, dass es keine nennenswerten rechtsextremen Kräfte gibt:

"Eine rechtsextreme Partei müsste sich mit der Diktatur identifizieren. Aber kaum jemand sieht die Diktatur als positiv. In 40 Jahren hatten wir im Parlament einen einzigen rechtsextremen Kandidaten. Wir haben ein Dutzend solche Splittergruppen. Die Volkspartei hat zwar ihre Wurzeln im Machtapparat des Francoregimes, ist aber eine demokratische Partei, sie steht für konservative und religiöse Werte, mit denen sich jeder identifizieren kann, der politisch rechts steht. Wir haben zudem keine ausländerfeindlichen Strömungen. So lange die Volkspartei den gesamten rechten Bereich abdeckt, werden wir in Spanien keine Rechtsextremen haben."

Was den politischen Diskurs allerdings auch radikalisiert. Der Ton vor den letzten Parlamentswahlen im Juni, als die Umfragen Podemos ein gutes Ergebnis voraussagten, erinnerte an die Zeiten des Kalten Krieg. Mirta Nuñez, Historikerin an der Madrider Complutense-Universität, sieht das nicht so gelassen wie ihr Kollege:

"Im letzten Wahlkampf war der lange Schatten des Regimes klar zu erkennen. Die Rechte hat immer wieder an die Angst davor appelliert, was alles passieren würde, wenn Pablo Iglesias regiert. Der konservative Block weiß ganz genau, was er mit solchen Kampagnen erreicht. Er rührt an die Angst vor Unordnung, gewalttätigen Konflikten."

Mythen mischen sich mit Tatsachen

So interpretiert in Spanien jeder die Vergangenheit auf seine Weise, Rechte wie Linke, Mythen vermischen sich mit Tatsachen. Auch in Katalonien, warnt Nuñez:

"Der katalonische Nationalismus und Separatismus interpretiert die Geschichte auf seine eigene Weise. So als sei der Bürgerkrieg ein Krieg zwischen Spaniern und Katalanen gewesen. Das ist eine Manipulation der Geschichte, die man nicht akzeptieren kann. Man darf aber auch nicht übersehen, dass die spanische Regierung nie etwas gegen diese nebulöse Interpretation der Geschichte unternommen hat."

Das Nationaltheater in Madrid führt diese Tage das Magische Labyrinth von Max Aub auf, eines der bedrückendsten literarischen Werke über den spanischen Bürgerkrieg. Journalist Ramón Lobo hat die Aufführung beeindruckt. Sein Buch erinnert ein wenig daran, lässt aber, anders als Werk Aubs, Platz für Hoffnung:

"Am Ende habe ich mit meiner Partnerin das Grab meines Vaters aufgesucht. Wir begannen es zu säubern, erst nur sie, dann nahm auch ich einen Lappen. Das war eine echte Versöhnung. Wir hatten beide Pech. Er ist seit mehr als 30 Jahren tot, durch unsere Konfrontation hat er einen Sohn und ich habe einen Vater verloren. So ist es ganz Spanien ergangen. Diese neuen Parteien stehen in der Pflicht, für ein anderes Klima zu sorgen. Wir haben uns alle in den Schützengräben verloren."

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