Linke Seifenopern

Von Dirk Schneider · 15.12.2010
Jede Woche erscheint in der linken Berliner Zeitung "Jungle World" der Comicstrip "Bigbeatland". Sein Schöpfer ist der Zeichner Andreas Michalke, der in seinen Bildern der linken deutschen Subkultur, oft genug aber auch der deutschen Gesellschaft einen Spiegel vorhält. Jetzt ist der zweite Band mit den gesammelten Geschichten der linken Comic-Seifenoper erschienen.
Die Sonne fällt in die geräumige Altbauwohnung in Berlin-Kreuzberg. Andreas Michalke sitzt am Esstisch, vor sich eine Episode seiner Comicserie "Bigbeatland". Mit geübten Pinselstrichen füllt er die schwarz-weißen Zeichnungen mit Aquarellfarbe. Die Szenerie wirkt gemütlich, aber Michalke ist etwas in Eile. Jede Woche muss er seine Geschichten aus der linken Subkultur für die Zeitung "Jungle World" weiterspinnen:

"Diese zehn Stunden, die könnte ich mir natürlich auch schön einteilen. Über die ganze Woche. Aber ich ziehe es lieber in zwei Tagen durch. Meine Freundin würde immer sagen: Meeein Gott, warum fängste nicht früher an!"

Andreas Michalke ist 44 Jahre alt. Aber er hat etwas Jungenhaftes an sich, in Westernhemd und Jeans, ein paar Strähnen seines vollen braunen Haars im Gesicht. Noch dazu die Tatsache, dass er seine Zeit mit dem Malen von Bildchen verbringt. Es sind allerdings sehr gekonnte Bildchen, die äußerst lustige und hintergründige Geschichten erzählen.

"Bigbeatland" ist eine Comic-Seifenoper, die in der linken deutschen Subkultur spielt. Das Personal besteht aus Linksautonomen und Punks, aus Skatern, Musikfreaks und Politikstudenten.

Andreas Michalke: "Ich mag die alle. Sonst kann man das, glaube ich, gar nicht machen. Jetzt gerade mag ich am liebsten Sandra, weil die so ein Fass aufmacht mit den Antideutschen. Die gründet jetzt ja eine neue Partei, Die Andere Deutsche Partei."

Comicszene:
"Wir sind radikale Antideutsche. Wir wollen Deutschland und die Deutschen wirklich abschaffen! Bis nur noch andere Deutsche übrig sind. Andere als die Bio- und Mehrheitsdeutschen."
- " Ha! Siehste! Ihr WOLLT Deutschland! In Wirklichkeit seid ihr Nationalisten!"
"Quatsch! Aber nur antinational zu sein ist doch pille palle. Sogar Herbert Grönemeyer ist antinational. Deutsch ist keine Nationalität, sondern eine Mentalität. Und DIE wollen wir abschaffen."
- "Ihr seid Rassisten!"
"Wenns so einfach wäre. Aber 'deutsch' ist keine Ethnie, sondern ein Zustand, der scheiße ist. Antideutsch zu sein, ist nicht genug. Wir selbst müssen andere Deutsche werden. Deshalb: ADP - Die Andere Deutsche Partei!"

Andreas Michalke: "Mein Kollege Fil hat ja schon schön zu mir gesagt, vor Jahren: 'Das fand ich ja eine super Idee, als du dir diese Antideutschen ausgedacht hast, das ist eine lustige Idee!' Und ich sag so: 'Das gibt's wirklich!' Wer nicht in dieser Szene drinsteckt, der weiß gar nicht, was das ist."

Andreas Michalke ist in der linken Szene groß geworden. Er kennt die Debatten, die in besetzten Häusern, autonomen Zentren und WGs geführt werden, er hat die ideologischen Grabenkämpfe miterlebt. Und letztendlich sind seine Geschichten ein sehr liebevoller Blick auf die zum Teil skurrilen Auswüchse linken Denkens:

"Ich sehe vieles auch überhaupt gar nicht politisch, obwohl es ja ein politischer Comicstrip ist. Aber ich bin eher so was wie so ein... Ich weiß nicht, mich interessiert in erster Linie das Kulturelle und das Soziale. Das allgemein Menschliche. Und ich bin eher so was wie ein naiver Humanist oder so."

Andreas Michalkes erste Bildergeschichten sind Ende der Achtzigerjahre in Magazinen aus der Punkrockszene erschienen, mit dem Zeichnen angefangen hat er aber viel früher:

"Ich hab als Kind gezeichnet, und dann irgendwann, vielleicht mit 16 angefangen, wieder. Auch, um die Mädchen zu beeindrucken, wahrscheinlich, aus Langeweile, teilweise."

Aufgewachsen ist Andreas Michalke in Hamburg. Dort hat er sein Grafik-Fachabitur gemacht und als Pfleger gejobbt. Vor 13 Jahren dann ist der Sohn eines Seemanns der Liebe wegen nach Berlin gezogen. Seitdem wohnt er mit seiner Freundin zusammen – und führt den Haushalt:

"Das sieht jetzt nicht so aus, ich habe das Buch vorbereitet, deswegen kann man jetzt hier nicht vom Fußboden essen. Meine Freundin hat seit 13 Jahren nicht mehr ihre Wäsche gewaschen, zum Beispiel."

Derweil bringt seine Freundin als Lehrerin den großen Teil des Geldes nach Hause. Sie ist übrigens die Schwester des Berliner Comiczeichners Fil, und eine wichtige Inspirationsquelle für Michalke:

"Die ist die lustigste Person, die ich kenne. Mit Abstand. Eigentlich viel lustiger als ich. Eigentlich sollte die Comiczeichnerin sein. Aber die ist viel zu ... die hat gar keine Geduld dafür."

Ja, zum Comiczeichnen braucht es Ausdauer. Und ein bisschen sonderbar sein muss man auch:

"Na ja, es ist was für Streber, für Nerds. In mir ist auch irgendwo ein Nerd versteckt, der Stunde um Stunde da sitzt und diese Bildchen ausmalt, ja ..."

Und so sitzt Andreas Michalke an seinem großen Esstisch in Berlin Kreuzberg, Stunde um Stunde, Woche um Woche, mit dem Abgabetermin im Nacken. Und fragt sich manchmal, wofür:

"Das ist so ein Irrsinn, für eine so relativ bedeutungslose Angelegenheit so viel Zeit zu investieren."

Aber Andreas Michalke ist mit Tusche und Aquarellfarben souveräner Herrscher einer ganzen Welt, und er freut sich, wenn eine seiner Schöpfungen eine antideutsche Partei gründet. Vielleicht hofft er doch, mit seinen Geschichten dieses Land ein kleines bisschen verändern zu können.

Service:
Der zweite Sammelband von Andreas Michalkes "Bigbeatland"-Comicstrips ist jetzt im Reprodukt-Verlag erschienen.