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Interview / Archiv | Beitrag vom 27.09.2018

Liegekur für eine RaumfahrtstudieNasa und Esa stecken Probanden zwei Monate ins Bett

Edwin Mulder im Gespräch mit Axel Rahmlow

Raumflug im Liegen: Bei der dürfen die Teilnehmer sich niemals aufrichten.  (Foto: DLR)
Raumflug im Liegen: Bei der Bettruhe-Studie dürfen die Teilnehmer sich niemals aufrichten. (Foto: DLR)

Den ganzen Tag im Bett liegen - das ist ab und zu ganz nett. Die Raumfahrtagenturen Nasa und Esa suchen Freiwillige, die gleich 60 Tage am Stück flach liegen. Forscher wie Edwin Mulder wollen so Mittel gegen die negativen Folgen der Schwerelosigkeit finden.

Die Raumfahrtagenturen Nasa und ESA suchen für die Langzeitstudie AGBRESA in Deutschland 24 Frauen und Männer bis 55 Jahre. An den Probanden sollen die Veränderungen des Körpers in der Schwerelosigkeit nachvollzogen werden, wie sie bei Astronauten im All auftreten.

89 Tage dauert die Studie, 60 Tage davon müssen die Probanden in Einzelzimmern strikt im Liegen verbringen - auch beim Essen, Duschen oder beim Toilettengang. Als besondere Härte dürften einige der Freiwilligen empfinden, dass sie während der Bettruhephase keinen Besuch empfangen dürfen und - anders als bei vorangegangenen ähnlichen Studien - auch kein Kopfkissen bekommen.

Der Projektleiter der Langzeit-Bettruhe-Studie des DLR, Edwin Mulder sitzt am 13.10.2015 in Köln (Nordrhein-Westfalen) vor dem Logo des DLR (Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt. Foto: Oliver Berg/dpa (zu dpa: «Zwei Monate im Bett für die Raumfahrtforschung - «tiefenentspannt» vom 17.10.2015) | Verwendung weltweit (picture alliance/dpa/Oliver Berg)Edwin Mulder, Leiter der Langzeit-Bettruhe-Studie des Deutschen Instituts für Luft- und Raumfahrt. (picture alliance/dpa/Oliver Berg)

Warum das Ganze? "Wir wissen, dass bei Astronauten durch den Aufenthalt im All körperliche Veränderungen stattfinden: Knochen werden abgebaut, Muskeln werden abgebaut das Kreislaufsystem passt sich an", sagt Edwin Mulder, der Leiter der AGBRESA-Studie. 

Strikte Bettruhe ist ein gutes Szenario

Das seien unerwünschte Begleiterscheinungen, für die Gegenmaßnahmen entwickelt werden müssen. Ein gutes Szenario, um das zu erproben, sei die physiologische Inaktivität - und die sei am besten bei strikter Bettruhe gewährleistet.

Die derzeitige Maßnahme der Wahl - während des Aufenthalts im All viel Sport zu treiben - zeige bislang leider nicht die gleiche Wirkung wie ein vergleichbares Pensum Sport auf der Erde. "Warum das so ist, verstehen wir noch nicht. Denn eigentlich müssten die Astronauten durch den regelmäßigen Sport topfit sein", sagt Mulder.

Die Probanden müssen im Bett auch arbeiten

Zudem solle ein integratives Verfahren gefunden werden, mit dem man allen unverwünschten Veränderungen zugleich begegnen könne. Eine mögliche wirksame Methode könne künstliche Schwerkraft sein, die auf die Astronauten einwirke. Dafür müssen die Probanden im Liegen diverse Aufgaben und Trainings nach einem genau festgelegten Plan absolvieren - so wie der deutsche Astronaut Alexander Gerst im All.

16.500 Euro sind die Entlohnung

Warum sie im Bett auf ein Kopfkissen verzichten müssen, erklärt Mulder so:

"In letzter Zeit haben wir festgestellt, dass ein Drittel bis 50 Prozent der Astronauten auch Augenprobleme haben. Und unser Bettruhemodell war bislang nicht so gut dafür geeignet, um herauszufinden, woran das liegt. Bei kleinen Pilotstudien haben wir festgestellt: Wenn man im Bett liegt, in der Kopftieflage, ist ist das so wie die Flüssigkeitsverschiebung im All auch ist - nämlich Richtung Thorax, Richtung Kopf. Wenn wir ein Kopfkissen benutzen, geht diese Verschiebung verloren."

Der Kopfkissenverzicht höre sich dramatischer an, als er wirklich sei. Bei ähnlichen Studien hätten sich die Probanden relativ schnell daran gewöhnt - ebenso schnell wie an die Liegekur von 60 Tagen.

Und immerhin wird den Freiwilligen ihr Einsatz mit je 16.500 Euro versüßt.

(mkn) 

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