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Musikfeuilleton | Beitrag vom 18.06.2021

Liedermacher im Exil Mit Sorge aus der Ferne

Von Marika Lapauri-Burk

Blick auf das Grabmal von Wladimir Wyssozki, das den Sänger mit kräftigen Flügeln zeigt. (picture alliance / dpa / TASS | Mikhail Japaridze)
Wladimir Wyssozki ist einer der bekanntesten "Barden" des Landes - sein Grabmal in Moskau zeigt deutlich, mit welchem Freigeist er durch das Leben ging. (picture alliance / dpa / TASS | Mikhail Japaridze)

Das politische Lied hat in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion eine lange Tradition. Dabei wurden die bekanntesten Künstler damals wegen ihrer anspielungsreichen Texte mit Auftrittsverboten belegt. Daraufhin gingen sie ins Exil - das ist bis heute so.

"Vostok" war im Dezember 1961 als einer der ältesten, bis heute existierenden Autorenlied-Klubs im damaligen Leningrad gegründet worden. Seinen Namen erhielt der Klub in Anlehnung an das Raumschiff "Vostok", das Juri Gagarin als ersten Menschen ins All gebracht hatte.

"Klub des Amateurlieds" nannte man solche Einrichtungen ideologiekonform, denn das Autorenlied ordnete man offiziell der Laienkunst zu. Am 4. März 1963 fand in der Sowjetunion die erste offizielle Veranstaltung für Autorenlieder statt.

Der "Barde" - ein Liedermacher mit Gitarre 

Das Genre "Autorenlied" wird in Russland auch "Bardenmusik" genannt. Als die "singenden Dichter" in dem 1957 gegründeten Radiosender "Junost" an einer Jugendsendung teilnahmen, wurde das Programm halb ironisch "Barden und Ménestrele" genannt.

Aus diesen beiden mittelalterlichen Begriffen hat sich die Bezeichnung "Barde" fest im russischen Sprachraum verankert. Mit "Autorenlied" oder "Bardenlied" meint man in etwa das Gleiche.

Die Lieder wurden zuerst bei kleineren privaten Zusammenkünften oder auf Höfen in Großstädten aufgeführt. Oft waren diese Lieder Echo unmittelbarer Erlebnisse und übten dadurch eine einzigartige vertrauensbildende Wirkung auf die Zuhörer aus.

Reportagen in Liedform

Eine Unterströmung des Autorenlieds, die sogenannte Reportageform, ist verbunden mit dem Namen Juri Visbor. Seine Familie litt unter stalinistischer Verfolgung. Seine Lieder, poetische Momentaufnahmen aus dem weiten Norden, aus den Bergen und von Expeditionen, faszinieren die Menschen trotz des konkreten Erzählens bis heute.

Manche Lieder wurden dabei als Aufruhr missverstanden und der Autor als "Andersdenkender" verleumdet. 

Heimlich verbreitet 

Schreibmaschinen, und ab den 1980er-Jahren auch Kopierer, waren nicht nur Mangelware, sondern sie mussten offiziell gemeldet werden. Phantasie und handwerkliche Geschicklichkeit des technisch begabten Sowjetbürgers kannten beim Zusammenbau von Schreibmaschinen Marke 'Eigenbau' keine Grenzen. 

Die 1977 bis 1978 in Paris erstmals verlegten vier Bände mit "Liedern russischer Barden" und die 1981 in New York verlegten "Lieder und Gedichte" von Wladimir Wyssozki wurden ins Land geschmuggelt und dann heimlich weiterverbreitet.

In Schrift und Ton

Die inoffizielle Verbreitung der Tonbänder wurde durch "Magnitisdat" – Magnetbänder oder später Kassetten - abgedeckt, oder durch die so genannte "Musik auf Knochen" – mangels Vinyls wurden "Schallplatten" auf alte Röntgenbilder gepresst.

Während die abgetippten oder handschriftlich vervielfältigten literarischen Texte innerhalb der Intellektuellen-Kreise verblieben, erklangen die Autorenlieder in jedem Gebäude aus mehreren Fenstern gleichzeitig.

Wichtige Vertreter 

Aleksandr Galitsch hatte den Beinamen "die sowjetische Enzyklopädie". Mit seinen Helden, den Betrunkenen, Verrückten, ehemaligen Gefangenen, Wächtern und Kleinbürgern, reanimierte er die sowjetische Satire.

Oder Wladimir Wyssozkis. Seine Lieder bildeten einen semantischen Hintergrund zur offiziellen Wirklichkeit–, sie offenbarten das wahre Leben im Falschen. Bei Umfragen rangiert Wyssozki bis heute an der Spitze der bekanntesten Personen in Russland.

Die neue Generation 

Ab den 1990er-Jahren bekam das Autorenlied eine neue Qualität. Mehrere Zentren und Klubs waren entstanden. Bis dato inoffizielle Festivals erreichten Rekordzahlen.

So ist der Barde Aleksandr Gorodnitsky, renommierter Geophysiker, Autor von über 2000 Publikationen. Er war Mitglied mehrerer Polarforschungs-Expeditionen, arbeitete an Bord der legendären Unterwasserkapsel "MIR-1", der ersten Expedition in die Tiefen des Ozeans. Nach Gorodnitsky ist sogar ein Asteroid genannt. Er ist Überlebender der Leningrader Blockade und musste Antisemitismus am eigenen Leib erfahren.

Alexandr Gorodnitsky, ein alter Mann, steht mit einem Mikrophon in Alltagskleidung auf einer Bühne. (imago / ITAR-TASS / Vladimir Gerdo)Alexandr Gorodnitsky gehört wie viele "Barden" zur intellektuellen, naturwissenschaftlichen Garde. (imago / ITAR-TASS / Vladimir Gerdo)

Oder die Wahlhamburgerin Anna Vishnevska. Sie versucht, mit ihrer Gitarre die politischen Aktivisten in Russland zu unterstützt

Treffpunkt: Zoom

Im Digitalzeitalter und unter Corona-Bedingungen schafft das Autorenlied für viele Auswanderer neue Communities. Ein solcher Ort ist der in New York ansässige Klub "Blauer Trolleybus", genannt nach Okudschawas Lied-Gedicht, der weltweite Zoom-Treffen organisiert, moderiert von Alexandr Gorodnizki aus Hamburg.

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