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Tonart | Beitrag vom 19.07.2018

Lieblingsinstrument KanunDer Klang meiner inneren Stimme

Von Amy Zayed

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Das Kanun ist ein orientalisches Instrument: Es besteht aus einem trapezförmigen Brett, über das 63 bis 84 Saiten gespannt sind. (picture alliance / Lisa Krassuski/dpa)
Das Kanun ist ein orientalisches Instrument: Es besteht aus einem trapezförmigen Brett, über das 63 bis 84 Saiten gespannt sind. (picture alliance / Lisa Krassuski/dpa)

Trauer, Verspieltheit, Freude. Die orientalische Zitter ist das emotionalste Musikinstrument, das unsere Autorin kennt. Wenn mein Herz ein Instrument wäre, dann wäre es wohl das Kanun, sagt Amy Zayed, die im Kanun den Klang ihrer inneren Stimme erkennt.

Zum ersten Mal gehört habe ich den Kanun bestimmt schon im Mutterleib. Nicht abwegig bei Eltern, die aus Ägypten stammen, und einer musikbegeisterten Mutter, die von internationaler Popkultur fasziniert war.

Als sie Anfang der 70er-Jahre nach Deutschland kam, war es ihr ein Rätsel, wie man in Kairo ihre heiß geliebten Beatles kennen und verehren konnte, und es im kleinen Örtchen Hövelhof tatsächlich junge Frauen geben konnte, die die Beatles nicht kannten. Also veranstaltete sie Kaffeekränzchen und spielte ihren neuen Freundinnen Musik vor. Arabische Musik, Musik aus Schweden, England, was sie fand! Und ich war immer dabei. Irgendwann fragte sie in einer dieser Runden: Was bedeutet euch Musik? Ich dachte nach, und immer wieder klangen die Saiten des Kanun in mir nach.

Wenn mein Herz ein Instrument wäre, dann wäre es wohl der Kanun. Er drückt alles aus, was ich fühle. Trauer, Verspieltheit, Freude! Er klingt wie meine innere Stimme! Gut, sagte meine Mutter, dann hast du dein Kommunikationsmittel gefunden. Es drückt aus, wer du bist.

Der Kanun begleitete mich durch Liebeskummer

Verwirrt dich das denn gar nicht? Meldete sich eine der anderen Frauen. Deine achtjährige Tochter kauft seit Jahren Pop- und Rockplatten, aber gleichzeitig feiert sie den klassischen arabischen Kanun ab. Das passt doch nicht zusammen. Doch, antwortete meine Mutter. Wenn die Musik, die unser Leben und unsere Emotionen beeinflusst, sowohl der Kanun ist, als auch die Beatles, dann entsteht Popkultur! Ich würde es verdammt gern sehen, wenn irgendwann mal ein Beatles-Song mit dem Kanun interpretiert werden würde!

34 Jahre später. Der Kanun begleitete mich durch Liebeskummer, bestandenes Abi, Stress in der Uni, meinen ersten bezahlten Job! Ein ständiger Weggefährte, eine Musik, die ich immer brauchte und hörte, wenn es um Emotionen ging. Und plötzlich saß ich für die BBC und die ARD in einem Proberaum in Amsterdam, zusammen mit einem 50-köpfigen syrischen Orchester und Gorillaz- und Blur-Frontmann Damon Albarn und schaute bei den Proben für einen spektakulären Auftritt beim Hollandfestival 2016 zu.

Von Kairo über Hövelhof nach London 

Und dann geht Albarn auf die Bühne und singt "Blackbird" von den Beatles, zusammen mit Jam-Frontmann Paul Weller, begleitet von einem klassischen Arabischen Orchester und hell und klar im Mittelpunkt kann ich ihn hören, meinen Freund und Wegbegleiter, meine emotionale Stimme, und mir fällt das Gespräch von damals im ostwestfälischen Hövelhof ein. Es stimmt! Die Beatles und der Kanun klingen wunderbar zusammen! Es ist kein Klischee. Zugegebenermaßen, ich hatte Tränen in den Augen, und mir wurde klar: Musik kennt keine Grenzen, von Kairo über Hövelhof, von London nach Amsterdam wanderte der Kanun, drang zu mir durch, begleitete mich, und führte mich zu Gleichgesinnten, half mir andere Gleichgesinnte zu finden: Tatsächlich mein ganz persönliches Kommunikationsmittel.

Tonart

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