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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 18.03.2014

LiebesromanDer alte Adel hat keine Chance mehr

Herman Bang: "Ludwigshöhe"

Von Manuela Reichart

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Das Herrenhaus von Lüskow im Winter (pitcture alliance / dpa / Stefan Sauer)
Herman Bang beginnt seine Geschichte auf einem Herrenhaus und lässt sie dort auch enden. (pitcture alliance / dpa / Stefan Sauer)

Ein gutgläubiges Mädchen wird von einem gewissenlosen Mann sitzen gelassen. Eine bekannte Geschichte, aber wie der große dänische Autor sie erzählt, das ist fesselnd und einzigartig.

Einmal sagt er zu ihr "Du bist so angenehm, wenn du schweigst", dabei streichelt er ihr Haar, - "sanft, aber seine Liebkosungen wirkten doch immer so, als liebkoste er seinen Jagdhund." In dieser innigen Liebesszene wird die große Kunst von Herman Bang deutlich. Er erklärt nicht, bemüht keine Psychologie, stattdessen entwirft er einen Augenblick, das Verhältnis zwischen zwei Menschen wie ein Maler. Man sieht den arroganten Schnösel vor sich, der die Geliebte verlassen wird, weil eine andere mit mehr Geld des Wegs kommt, - sieht ihn in all seiner Selbstgerechtigkeit im Sessel sitzen, während er der jungen Frau den Kopf krault.

So ist es ihm angenehm, sie ist da, wenn und wo er sie braucht. Sagen soll sie nichts, schwierig werden schon gar nicht. Plötzlich fühlt man sich in dieser Geschichte aus dem Ende des 19. Jahrhunderts durchaus an gerne karikierte, moderne Paar-Probleme erinnert: Sie will reden, er will das nicht. Oder - wie Bang seine liebende Heldin sagen lässt - "und für einmal hatte ich doch viel zu erzählen."

Alte Bekannte

Das ist jedoch nur eine flüchtige Assoziation, vor allem geht es in diesem Roman um die junge Ida, die nach dem Tod ihrer Mutter eine ansehnliche Erbschaft gemacht hat und trotzdem arbeiten will. Sie tut das in einer psychiatrischen Klinik in Kopenhagen, wo sie einen Bekannten aus Kindertagen wieder trifft, einen adligen gescheiterten Studenten. Ihr Vater war Verwalter auf dem Gutshof gewesen, das dem Buch den Titel gibt, auf dem der junge Mann damals mit seiner Mutter die Ferien verbrachte.

Ihr Vater starb früh, Ida musste mit ihrer Mutter fortan unter bescheidenen Umständen leben. Nun ist sie frei und hat ein Sparbuch, geht in die Stadt und trifft auf ihn, der das Vermögen seiner Familie schon durchgebracht hat, einen Taugennichts, der untergeordnete Büroarbeit annehmen musste, sich deklassiert fühlt, und der hübschen Provinzlern den Kopf verdreht. Sie wird ihn umstandslos lieben, und er wird sich ebenso umstandslos von ihr aushalten lassen, denn sie hat praktischerweise das Geld, das ihm fehlt.

Herman Bang wollte - erfährt man in dem kenntnisreichen Nachwort - den Roman eigentlich den Pflegerinnen in der (damals modernsten) psychiatrischen Abteilung des Gemeindekrankenhauses in Kopenhagen widmen. Er kannte die Station, die als Vorbild dient für Idas Arbeitsstätte, gut. 1891 wurde er dort wegen Depressionen und Schlaflosigkeit behandelt. Der Klinikalltag spielt aber nur eine nebengeordnete Rolle in dieser Geschichte einer liebenden Frau, die nur an andere denkt, sich nie um sich selbst sorgt. Sie altert in der Affäre mit dem seine Vorteile selbstverständlich nehmenden Mann und ist mit Ende 20 eine alte Jungfer, für die diese unglückliche Liebe die einzige bleiben wird.

Drei Frauenschicksale

Es geht - wie so oft bei Bang - um das Elend empfindsamer Frauen, um die Ungerechtigkeit und Ungleichheit, die sie unglücklich werden lässt. Hier sind es gleich drei Frauenschicksale, an denen das Motiv deutlich wird, denn neben Ida spielt auch eine Dame der Gesellschaft eine Rolle, die Mann und Kinder wegen einer heftigen Liebe aufgegeben hat und dann verlassen wird. Ein Schicksal, das sie mit einem Dienstmädchen teilt, das man zum Entbinden ihres unehelichen Kindes in ein dafür eingerichtetes Heim schickt.

Alles beginnt in diesem Gesellschaftsroman aus dem Jahr 1896 auf dem Herrenhof und wird dann auch wieder dort enden, die reiche Erbin lässt ihn umbauen, der treulose Geliebte wird dort einziehen und aller Sorgen ledig sein. Fin de Siècle in Dänemark: Die finanzschwache alte Gesellschaft passt sich neureichen Emporkömmlingen an, und die finden es auch nicht unter ihrem Niveau, Gewerkschaftszeitungen zu lesen, weil man ja wissen muss, was der Feind denkt.

Die alten adligen Familien haben keine Chance mehr. Und so liegt auch Abschied und Wehmut über dieser traurigen Liebesgeschichte, denn auch in Dänemark sollte im neuen Jahrhundert nichts mehr sein wie es war.

Herman Bang: Ludwigshöhe
Aus dem Dänischen von Ingeborg und Aldo Keel 
Manesse Verlag, Zürich, 2014
22,95 Euro

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