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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 06.08.2007

Liebesgeschichte jenseits der Klischees

Francoise Dorner: "Die letzte Liebe des Monsieur Armand", Diogenes Verlag, Zürich 2007, 138 Seiten

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Der kurze Roman spielt in Paris. (AP)
Der kurze Roman spielt in Paris. (AP)

Vielleicht, dass der deutsche Titel "Die letzte Liebe des Monsieur Armand" - "La douceur assasine" im französischen Original - ein wenig zu kalkulierte Erinnerungen an den Film "Nelly und Monsieur Arnaud" mit Emmanuelle Béart und Michel Serrault zu wecken versucht. Vielleicht, dass Francoise Dorners Kurzroman selbst nicht ganz ohne den Hintergedanken an eine mögliche Verfilmung geschrieben wurde.

Aber, wie man in Frankreich achselzuckend sagen würde: Tant pis, und wenn schon. Wobei das Achselzucken selbstverständlich eher puristischen Kritikervorwürfen denn der Handlung gelten würde, hinter deren vermeintlicher Eingängigkeit sich nämlich allerlei geschickt gelegte Widerhaken verbergen.

Was geschieht? Alter Mann trifft im Bus auf junge Frau, die ihm auf die Beine beziehungsweise auf den Spazierstock hilft. Anschließendes Verschwinden der jungen Frau in den Straßen von Paris, während unser Protagonist, ein verwitweter ehemaliger Gymnasiumslehrer für Philosophie und Latein, plötzlich einen neuen Sinn in seinem müde dahinschleichenden Leben zu entdecken glaubt: Er muss seine Helferin ausfindig machen!

Und erneut spricht es nicht gegen dieses konzentriert geschriebene und wohltuend arabeskenfreie Buch, dass man all dies beim Lesen wirklich sieht: Den auf dem Küchentisch ausgebreiteten Stadtplan, die Schritte des alten Monsieur Armand, schließlich die Wiederbegegnung mit der jungen Frau, die Pauline heißt, eine patente Verkäuferin ist - und seit dem frühen Unfalltod ihrer notorisch verstrittenen Eltern auf der Suche nach einer so richtigen harmonischen Familie. (In einer möglichen Kino-Version also doch eher "Amélie" alias Audrey Tatou als die kühle Emmanuelle Béart).

Folglich adoptiert sie kurzerhand Monsieur Armand als ihren Wunsch-Großvater - und damit ausgerechnet einem Mann, der seinem eigenen Sohn zeitlebens ein ebenso gerechter wie liebloser Vater gewesen ist. Pauline jedoch - übrigens weit entfernt davon, lediglich sexuelle Projektionsfläche für Altherren-Fantasien zu sein, wie man sie etwa in Gabriel Garcia Marquez´ letzten Roman als Nummern-Revue auftauchen sah - stellt stets die richtigen Fragen im falschen Moment (oder vice versa) und bringt damit ihren "Großvater" nicht nur zum Nachdenken, sondern auch zum Handeln:

"Zwei Einsamkeiten, die zueinander finden, deren eine die Spielregeln kennt, Intelligenz und Bildung über alles stellt, Herz und Güte der moralischen Pflicht opfert, während die andere, instinktiv und empfindsam, spontan Liebe und Aufmerksamkeit zu schenken weiß, ohne dass Missverständnisse aufkommen."

Und das Happy-End? Gibt es weniger für die Figuren als vielmehr für den Leser, der sich hier wunderbar leicht, doch nie leichtfertig unterhalten hat - Unterhaltung wohlverstanden als die hohe Kunst menschlichen Erfahrungsaustauschs. Ein kleiner, ein feiner Roman.

Rezensiert von Marko Martin

Francoise Dorner: Die letzte Liebe des Monsieur Armand
Aus dem Französischen von Christel Gersch.
Diogenes Verlag, Zürich 2007, 138 Seiten 16,90 Euro

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