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Literatur | Beitrag vom 06.12.2020

Liebeserklärung an die literarische Figur Der Zauber der Fiktion

Von Andreas Schäfer

Flavio Bucci als Settembrini und Charles Aznavour als Jesuit Naphta. (picture alliance / United Archives | United Archives / kpa)
Duellanten mit Worten, später mit Pistolen: Flavio Bucci als Settembrini und Naphta, hier in der "Zauberberg"-Verfilmung von 1982. (picture alliance / United Archives | United Archives / kpa)

Odysseus, Macbeth, Emma Bovary, Harry Potter – manche fiktiven Figuren scheinen lebendiger als real existierende Menschen, obwohl sie nur aus 26 Buchstaben gezeugt worden sind. Sie leben sogar nach ihrem Tod weiter. Erdachte Figuren sind ein Wunder.

Punkt, Punkt, Komma, Strich, fertig ist das Mondgesicht. Oder ein wenig alphabetischer und für unsere Zwecke passender: Buchstabe, Buchstabe, Komma, Punkt, fertig ist die fiktive Figur. Viele Worte braucht es nämlich nicht, um Figuren ins Leben zu rufen. Manchmal genügen zwei Details: "Er war ein Herr mit einem rötlichen Backenbart, der stets als erster durch die Tür ging." Ein einziger Hinweis zum Aussehen, ein weiterer zum Verhalten, mehr benötigt Guy de Maupassant nicht, und die Figur entfaltet im Kopf der Leserin ein Eigenleben. Ökonomischer geht es nicht.

Die Befreiung von den Niederungen des Alltags

Denn das Leben der fiktiven Figur verdankt sich uns, unserem Leben. Dennoch ist die Figur nicht parasitär, sie raubt uns keine Energie – nein, sie bereichert uns. Denn durch sie sehen wir uns von außen und zumindest zum Teil in ungewohnter Beleuchtung. Oft erscheint eine Figur gerade deshalb lebendig, weil sie Nichtbewusstes oder Unbewusstes ausagiert. Unsere Vorstellungskraft ist freier als wir, und fiktive Figuren sind es mit und dank ihr.

Auch deshalb erscheint einem das fiktive Leben nicht selten viel reicher als das reale. Dort ist man deutlich weniger mit den Niederungen des Alltags befasst, öfter dagegen mit den Gipfelmomenten, mit dem Ungewöhnlichen, Seltenen, Intensiven. Mit Glück und Sinn und den existenziellen Fragen, die vom alle paar Stunden wiederkehrenden Verlangen nach Nahrung und Verdauung in den Hintergrund gedrückt werden. Wie oft geht Anna Karenina in Tolstois gleichnamigem Roman* auf die Toilette? Eben.

"Ich werde nicht töten!"

Eine gelungene Charakterisierung, lässt der Schriftsteller Andreas Schäfer eine der beiden Stimmen sagen, die er für sein Feature zum Leben erweckt hat, sei freilich nur "die halbe Miete". "Der erste Eindruck ist nicht mehr als eine Charakterisierung – der Charakter einer Figur tritt später hervor: durch das, was sie sagt, tut oder eben bleiben lässt." Ludovico Settembrini, der leidenschaftliche Aufklärer und Humanist in Thomas Manns "Zauberberg", zeige seinen Humanismus in ganzer Größe, als er beim Pistolenduell mit dem fanatischen Jesuiten Leo Naphta die Überzeugung über das Leben stellt – und mit dem Satz "Ich werde nicht töten!" in die Luft schießt.

Die Rebellion der Figuren

Erst die Handlung zeigt die ganze Figur? Sie soll entfaltet werden? Davon hielt Aristoteles wenig. Dem Antiken traten Götter zu Menschen, Halbgöttern und Tierwesen, und das Ziel der Tragödie war der Mythos, das Geschehen. Nicht Figurenentfaltung also, sondern Themenentfaltung. Freilich kannte Aristoteles keinen bürgerlichen Roman, der die Figuren aufwertete, ihnen ein Innenleben verlieh und sogleich daran ging, es zu formen.

Kein Wunder, dass die Figuren irgendwann aufbegehrten, gegen ihren Schöpfer protestierten und sich davonmachten. So anders als wir Zeitgenossen sind sie dann doch nicht. Aber doch so frei, dass Autoren in neuerer Zeit des öfteren an ihnen zu verzweifeln scheinen. Denn dass sie es waren, die die Figuren gezeugt hatten, gilt seit einiger Zeit nichts mehr. Die Sprache, die an der Wiege der Figuren steht, kommt ihnen in die Quere, und die Figuren nutzen die Gelegenheit zur Verselbständigung. Ein rötlicher Backenbart, das selbstverständliche Vordrängeln an jeder Tür – und schon ist er weg! Nur im Kopf mancher Leserin und manches Lesers, da ist er immer noch und wird dort wohl bleiben.

(pla)

Das Manuskript der Sendung können Sie hier herunterladen.

Es sprechen: Nina Weniger, Alexander Ebeert, Katja Hensel, Toni Jessen
Ton: Martin Eichberg
Regie: Giuseppe Maio
Redaktion: Jörg Plath


*) Wir haben an dieser Stelle eine falsche Zuordnung korrigiert.

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