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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 31.07.2013

Liebe in Zeiten der Militärdiktatur

Inés Garland: "Wie ein unsichtbares Band", Fischer KJB, Frankfurt 2013, 256 Seiten

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Eine Liebesgeschichte vor dem Hintergrund der aufkommenden Militärdiktatur in Argentinien. (AP)
Eine Liebesgeschichte vor dem Hintergrund der aufkommenden Militärdiktatur in Argentinien. (AP)

Kaum begann die argentinische Journalistin Inés Garland ihre Romane zu veröffentlichen, bekam sie auch Literaturpreise. Ihr Roman "Wie ein unsichtbares Band" wurde 2010 als bestes Jugendbuch Argentiniens ausgezeichnet. Nun ist die Liebesgeschichte auf Deutsch erschienen.

Viele Jahre lang schlummerten die Romanmanuskripte der argentinischen Journalistin und Übersetzerin Inés Garland in der berühmten Schublade. Bis sie sich entschloss, diese zu veröffentlichen und gleich mehrere argentinische Literaturpreise gewann. Im Jahr 2010 wurde ihr Roman "Wie ein unsichtbares Band" als bestes Jugendbuch Argentiniens ausgezeichnet. Nun ist die packende Liebesgeschichte auf Deutsch erschienen.

Argentinien in den 60er-Jahren: Alma, die Icherzählerin, verbringt alle Wochenenden und Ferien mit ihren Eltern im Holzhaus auf einer Insel im Flussdelta. Die innige Nähe zu den Nachbarskindern Carmen und Marito, mit denen sie Boot fährt, schwimmt und herumstreunt, wächst im Laufe der Jahre zu einer guten Freundschaft mit Carmen und einer großen Liebe zu Marito. Doch je älter die drei werden, desto breiter wird auch die soziale Kluft. Alma, aus gut situiertem Elternhaus stammend, geht in Buenos Aires aufs Gymnasium, Carmen lebt früh ihr eigenes Leben und Marito schließt sich der Opposition gegen die Militärjunta an. Von Anfang an liegt das Wissen, dass Almas Liebe auf Dauer unmöglich ist, wie ein wehmütiger Schleier über der Erzählung.

Tiefe Gefühle in einfachen Bildern

Unaufhaltsam beginnen Privates und Politisches sich zu verweben. Alma begreift erst dreißig Jahre später, wie schwierig es für Marito war, sein politisches Engagement mit seiner Liebe zu einer "naiven Reichen" in Einklang zu bringen. Welche Risiken er einging und warum er sterben musste. Alma erzählt ihre Geschichte im Rückblick, aus der Distanz, und kann so "erwachsen", ohne Sentimentalität und abgegriffene Floskeln von ihrer idyllischen Kindheit und komplizierten Jugend berichten. Die Erinnerung, die das Erlebte häufig verklärt, ist für sie "einer der sieben Schlüssel, die dem menschlichen Herzen helfen, seinen Weg zu gehen", heißt es im Epilog.

Klar ist Inés Garlands Sprache, frisch und zupackend. So einfühlsam, intelligent und genau beobachtend wie Alma selbst. Tiefe Gefühle drückt sie in einfachen Bildern aus, Almas Eltern und Schulkameraden werden behutsam durch ihre Gesten, Mimik und Sprache charakterisiert. Konflikte, Folter und Mord erspart die Autorin uns nicht, gerade die Zurückhaltung ihrer Schilderungen aber steigert deren Wucht. Umso sinnlicher erzählt sie von der Freiheit am Fluss. Von den Gerüchen des Waldes, den Geräuschen der Tiere, von schwüler Hitze und herrlichen Sternennächten. Vom Zauber der Natur und vom Glück, das so lange anhält, bis Alma die Liebe kennenlernt und die soziale und politische Wirklichkeit.

Der Fluss - schon immer Sinnbild des Lebens - ist Almas "Heimat". Schaute sie anfangs seinem Fließen nur zu, wird sie im Laufe ihrer Geschichte hineingerissen und immer schneller weiter getrieben. Ständig steigert der Roman sein Tempo, von der behaglichen Kindheit über die dramatischen Ereignisse in Buenos Aires bis zum spannenden Schluss. Der Epilog - eine Szene dreißig Jahre später - macht noch einmal die große Stärke des Romans deutlich: Er weist weit über die eigentliche Handlung hinaus und öffnet damit neue Räume für die Fantasie und die Emotionen des Lesers.

Besprochen von Sylvia Schwab

Inés Garland: Wie ein unsichtbares Band
Aus dem argentinischen Spanisch von Ilse Layer
Fischer Jugendbuch, Frankfurt 2013
248 Seiten, 14,95 Euro, ab 14 Jahren

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