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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 06.07.2010

Liebe auf Abstand

Tor Age Bringsværd: "Die Frau, die allein ein ganzer Tisch war", Onkel & Onkel, Berlin 2010, 127 Seiten

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Liebeserinnerungen in der Nervenanstalt. (Deutschlandradio / Bettina Straub)
Liebeserinnerungen in der Nervenanstalt. (Deutschlandradio / Bettina Straub)

Der Norweger Tor Age Bringsværd ist bei uns vor allem als Science-Fiction-Autor bekannt. Aber sein neuester Roman ist eine reichlich eigenwillige Liebesgeschichte über die Macht der Treue und der Illusionen.

Mit diesem Roman hat der studierte Religionswissenschaftler im Grunde eine Variation der Legende des heiligen Antonius geschrieben. Der berühmte Einsiedler hatte ja einst mit Hilfe eines Schweins, das den Höllenbewohnern das Leben zur Hölle machte, dem Teufel das Feuer stehlen und es den frierenden Menschen bringen können. Das Feuer hat seit eh, auch hier, eine zerstörerische, dann aber auch klärende Kraft – eine Prise Prometheus-Mythos gibt Bringsværd also auch dazu.

Der kurze Roman spielt in der Nervenheilanstalt Sankt Antonius. Hier liegt Sigurd, bei einem Unfall hat er ein Bein verloren und Verbrennungen davongetragen. Nun lässt er sich von "der kleinen Pummeligen mit der Hasenscharte" pflegen. Dabei ist er furchtbar schüchtern, zwar liebt er die Frauen, aber nur auf Abstand, vor allem Agnete, der er seine Liebe nicht zu gestehen wagt. Für ihn sprechen seine beiden Bauchrednerpuppen, ein Balder und eine Bodil. Während ab und zu vor ihrer Tür ein Schwein schnüffelt, ein teuflisches Schwein, erzählen sie von Agnete, und jedes Mal etwas Neues: Wie viele Agnetes gibt es eigentlich? Und wie viele Sigurds?

Auf einem Tisch versammelt Sigurd Erinnerungen an Agnete, aber selbst diese Dinge sind nicht die Dinge selbst. Er zeichnet sie auf und schneidet und malt sie aus, "ein Haarband, einen Kugelschreiber, eine Nagelfeile". Dann zeichnet er einen Bogen, "das ist ihr Lächeln, natürlich". Natürlich? Man denkt an Magrittes berühmte Bildunterschrift "Ceci n’est pas uns pipe".

Bringværds Buch ist ein etwas eigenwilliger Liebesroman, er handelt von der Macht der Treue, aber besonders von der Macht der Illusionen und Obsessionen, am Ende gibt es ein überraschendes Happy End: "Und dann schoben sie mich hinaus in die Wirklichkeit." Der kurze Epilog gibt sich als Zitat aus. Dabei ist er die wahre Liebesgeschichte mit der kleinen Pummeligen.

Besprochen von Peter Urban-Halle

Tor Age Bringsværd: Die Frau, die allein ein ganzer Tisch war
Aus dem Norwegischen von Volker Oppmann
Verlag Onkel & Onkel, Berlin 2010
127 Seiten, 16,95 Euro

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