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Fazit / Archiv | Beitrag vom 07.10.2009

Licht und Geometrie

Große László Moholy-Nagy-Retrospektive in der Frankfurter Schirn

Von Volkhard App

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László Moholy-Nagy ist als großer Bauhaus-Meister und Experimentator der Kunst in Erinnerung geblieben. Die Frankfurter Schirn zeigt jetzt in einer Retrospektive, wie wegweisend Moholy-Nagys Ideen und Entwürfe für die moderne Kunst waren. Er war seiner Zeit voraus und ist beinahe so etwas wie der erste Multimedia-Künstler.

Anruf genügt, so einfach kann Kunst sein: an dem einen Ende der Leitung László Moholy-Nagy mit seinen Bildentwürfen vor Augen, am anderen Ende der Abteilungsleiter einer Schilderfabrik, der genaue Anweisungen erhält - und bald darauf werden die Werke mit den konstruktivistischen Formen auf Emaille ins Haus geliefert. Als "Telefonbilder" sind sie in die Kunstgeschichte eingegangen - das war 1922.

Im Jahr darauf wurde Moholy-Nagy von Walter Gropius ans Bauhaus berufen, dass er wegen seines künstlerisch-medialen Spektrums wie kein anderer geprägt hat. Und eben diese Bandbreite wird von der Frankfurter Retrospektive entfaltet. Zwar fehlt es hier nicht an Malerei, nicht an dem herrlich-dynamischen Zusammenspiel der Linien und Flächen, der sich teilweise überlagernden Rechtecke und Kreise, aber als "Königsdisziplin" tritt die Malerei nicht auf.

Mindestens ebenso wichtig ist Moholy-Nagy als Fotograf mit seinen ungewöhnlichen Perspektiven und als moderner Typograf, als Filmemacher, innovativer Bühnenbildner, Theoretiker und als Mitherausgeber der Bauhaus-Bücher. Max Hollein, Direktor der Schirn:

"Was bei ihm am stärksten wirkt, ist sicher die Multimedialität. Er war ein großer Grenzüberschreiter und Experimentator. Natürlich arbeitete er in einer Zeit, der utopische Gesamtentwürfe nicht fremd waren. Das Besondere bei Moholy aber ist diese Multidisziplinarität, die mit Ernsthaftigkeit, aber auch mit einer spielerischen Attitüde eingeleitet wurde - und das macht sein Werk nicht nur so facettenreich, sondern auch so ungemein spannend."

Diese vielen Facetten wurden auch früher schon gewürdigt - die Retrospektive von 1991 im Fridericianum ist da noch in guter Erinnerung. Aber seither hat es auch viele Ausstellungen mit Ausschnitten seines Ouevres gegeben - und so scheint es mal wieder geboten, das Gesamtbild des Künstlers kräftig zu konturieren.

Ein Hans Dampf in allen Gassen. Moholy-Nagy knüpfte Künstlerkontakte, initiierte vielerlei Projekte, war ständig in Aktion. Tagsüber lehrte er am Bauhaus, des abends malte er, in der Nacht stellte er seine kameralosen Bilder her, die Fotogramme. Die Gegenstände, die hier ihre geheimnisvollen Spuren hinterlassen haben, sind nicht mehr zu identifizieren, alles ist aufgelöst in ein faszinierendes Spiel aus Licht und Raum. Moholy-Nagy war von der Ausdruckskraft seiner Fotogramme überzeugt, schwärmte vom "schwärzesten Schwarz", dem "lichtesten Weiß" und dem "feinsten Grau".

Das Spiel mit Licht und Raum kam zur Vollendung in einer vielgerühmten kinetischen Skulptur: auf einer kreisenden Scheibe sind perforierte Metallteile, Kunststoff- und Spiegelelemente angebracht, die in wechselndes farbiges Licht getaucht werden und so an den Wänden ein magisches Licht- und Schattenspiel hinterlassen. Die Kuratorin Ingrid Pfeiffer über das zentrale künstlerische Interesse von Moholy-Nagy:

"Das Licht ist der rote Faden in seinem Werk. Das ging schon 1920 los, als er nach Berlin kam. Schon seine ersten Texte behandeln das Licht. Es ist eigentlich auch immer im übertragenen Sinne gemeint: Das Licht symbolisiert die Vernunft, den Geist und Charakter seines Werkes. Es ist eben nie nur eine Spielerei mit Plexiglas und Schattenwurf, sondern es geht immer darum, dass das Licht unser Bewusstsein erhellt und die Menschheit verbessert. Das kann man nur nachvollziehen, wenn man daran denkt, welche Generation es war. Sie hatte den Ersten Weltkrieg erlebt und die Revolution. Licht ist ein zentrales Thema in den Texten der Zwanziger Jahre - nicht nur bei Moholy-Nagy, es ist ein Zeitphänomen."

Als "Humanist" und "Aufklärer" wird Moholy-Nagy mehrfach im Katalog gepriesen, als Multimedia-Künstler vor unserer Zeit - die offenbar in all ihrer Unübersichtlichkeit dringend ein Vorbild, wenn nicht gar einen Helden braucht, und der kommt hier aus der Vergangenheit. Moholy-Nagy habe mit Blick auf eine humane Zukunft den "ganzen Menschen" im Sinn gehabt, heißt es in der Schirn:

"Einen Menschen mit all seinen Sinnen. Moholy-Nagy kreiert Gegenstände, die sich bewegen und Kunst, die uns in Bewegung versetzt. Wir nehmen die Welt im Ganzen wahr. Es geht um eine geistige, humanistische und formale Ausbildung. Ein Künstler, der uns zum Experimentieren anregen will - der Betrachter ist immer auch aktiv gefordert."

Ein komplexes Werk darf besichtigt werden. Die Ausstellungs-Architektur lässt vielerlei Korrespondenzen, Ein- und Durchblicke zu - und hat einen überraschenden Fluchtpunkt. Denn man hat in Frankfurt nach nicht ausgeführten Entwürfen des Künstlers einen "Raum der Gegenwart" eingerichtet, den Moholy-Nagy 1930 fürs Provinzialmuseum in Hannover konzipiert hatte - als Gegenstück zu El Lissitzkys "Kabinett der Abstrakten" am selben Ort. Wobei Moholy-Nagy in seinem "Raum der Gegenwart" nicht ohne didaktischen Hintersinn das geistige Panorama seiner Zeit veranschaulichen wollte - mit Filmen, Kunst-Reproduktionen und mit Fotos von "Bauhaus" - Objekten.

In seinem US-amerikanischen Exil arbeitete der Künstler dann führend an einem "New Bauhaus" und gründete 1939 in Chicago seine "School of Design". Künstlerisch ist bei seinen Gemälden und Skulpturen im Umgang mit der Geometrie zwar hier und da noch Kontinuität erkennbar, und die Farbfotos sind experimentell geprägt wie einst die Fotogramme - aber nicht wenige Bilder scheinen doch schwächer zu sein als die Werke aus den zwanziger Jahren.

1945 und 46 malte er eine erdballähnliche Kugel - und setzte sich so mit den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki auseinander, kurz vor seinem Tod. Vielleicht ist die Neubewertung des Exilwerks ja die wichtigste noch anstehende Aufgabe in der Beschäftigung mit seinem Ouevre.

Im ganzen eine beeindruckende Ausstellung - auch im Urteil der Tochter Hatulla, die im übrigen nicht erstaunt ist, dass der enorm produktive Vater noch immer auf reges Interesse stößt:

"Er war gut! Er hatte wunderbare Ideen, die immer noch gültig sind. Er war ein klassischer Workaholic. Vielleicht hat er gewusst, dass er nicht viel Zeit haben würde. Aber er hat sie genutzt."

Info:
Die László Moholy-Nagy-Retrospektive ist vom 8. Oktober 2009 bis zum 7. Februar 2010 in der Schirn Kunsthalle Frankfurt zu sehen.

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