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Interview | Beitrag vom 14.05.2020

"Liberale Eliten" und Populismus"Die da oben" als Problem

Yascha Mounk im Gespräch mit Liane von Billerbeck

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Der Politologe Yascha Mounk   (picture-alliance/NurPhoto/Michal Fludra)
Der Politologe und Populismusforscher Yascha Mounk sieht die Rolle von Eliten in der Demokratie kritisch. (picture-alliance/NurPhoto/Michal Fludra)

Hat die "liberale Elite" einen Anteil am Aufstieg des Populismus, wie Verfassungsrichter Andreas Voßkuhle meint? Für den Populismusforscher Yascha Mounk ist die Formulierung falsch: Er findet, alle gesellschaftlichen Eliten seien hier ein Problem.

Der scheidende Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Andreas Voßkuhle, nennt die "liberale Elite" mitverantwortlich für den Aufstieg des Populismus. In zahlreichen Gesprächen habe er wahrgenommen, dass die Menschen sich im Stich gelassen fühlten, sagte Voßkuhle der Wochenzeitung "Die Zeit". Viele Menschen hätten das Gefühl, mit ihren Problemen alleingelassen zu werden. Sie hätten den Eindruck, dass ihre Interessen nicht hinreichend berücksichtigt würden.

Falsche Floskel 

Als er diese Floskel von der "liberalen Elite" aus dem Interview gehört habe, habe er sich etwas erschrocken, sagt der Politologe und Populismusforscher Yascha Mounk. "Das klingt mir ein bisschen in die Richtung eines AfD-Spruchs über die 'links-grün versifften Eliten' oder so etwas." Aber als er das Interview in Ruhe gelesen habe, sei ihm der Kontext ein wenig klarer geworden. Was Herr Voßkuhle letztlich zu sagen versuche, sei seiner eigenen Einschätzung ähnlich, dass es relativ viele Menschen in der Mitte der Gesellschaft gebe, die das Gefühl hätten, dass "die da oben" ihre Sorgen nicht sehr ernst nähmen. Er hätte dabei allerdings die "Floskel liberale Elite" nicht verwenden sollen.   

Er würde aus Voßkuhles Aussagen das Wort "liberal" streichen, sagt Mounk. Es gebe eine "gesellschaftliche Elite", also Menschen, die Entscheidungen träfen, an der Universität gewesen seien, in Großstädten lebten, vermutlich besser verdienten als der größte Teil der Bevölkerung und in ihrem eigenen Milieu lebten. Sie hätten vermutlich mit Durchschnittsbürgern immer weniger Kontakt und verstünden deshalb deren zum Teil berechtigte Sorgen oft nicht wirklich. "Das halte ich durchaus für ein Problem", so der Politologe. "Das ist bei konservativen Eliten genauso wie bei liberalen Eliten, genauso wie bei sehr weit linken Eliten und sehr weit rechten Eliten. Aber das sollten wir als Gesellschaft durchaus ernst nehmen."

Entzauberung der Populisten 

Die Protagonisten des Populismus kämen oft nicht aus vernachlässigten Gruppen, sondern selber aus der Elite, sagt Mounk. "Das war beim Populismus schon immer so." Heute könne man das an US-Präsident Donald Trump ebenso sehen wie an dem britischen Premierminister Boris Johnson. Aber es wäre falsch zu sagen, dass sie deshalb nicht die Sorgen aufgriffen, die viele Mitbürger bewegten.

Die Coronakrise bringe derzeit aber eine "Entzauberung vieler Populisten" mit sich. Gerade in den USA könne man derzeit beobachten, dass ein Populist wie Trump kaum dazu fähig sei, seine eigene Bevölkerung vor dem Virus zu schützen. "Ich denke, das entzaubert ihn viel besser als jedes Argument der Opposition."

(gem) 

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