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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 15.05.2019

Lewis Dartnell: "Ursprünge"Die Menschheit ist das Ergebnis geologischer Zufälle

Von Volkart Wildermuth

"Ursprünge. Wie die Erde uns erschaffen hat" von Lewis Dartnell (Hanser Berlin/imago/Ikon Images/Ian Cuming)
Dem Astrobiologen Lewis Dartnell gelingt es, überraschende Verbindungen zwischen Geologie, Geographie und jüngerer Geschichte herzustellen. (Hanser Berlin/imago/Ikon Images/Ian Cuming)

"Wir sind Kinder der Plattentektonik", schreibt Lewis Dartnell in "Ursprünge". Ohne das Zusammendriften von Erdplatten wären unsere Vorfahren nicht in andere Regionen vorgedrungen - und es hätte auch nicht die Evolution gegeben, die wir kennen.

Wer bestimmt den Verlauf der Geschichte: Könige, Erfindungen, das Kapital? Sie alle spielen eine Rolle, klar, aber ein gewichtiger Akteur wird oft übersehen, sagt der englische Astrobiologe Lewis Dartnell: "Die Erde selbst!" – mit ihren unverwechselbaren Gesichtszügen und Stimmungsschwankungen.

"Wir sind Kinder der Plattentektonik", heißt es folglich weiter, und das schon seit den tiefen Anfängen der Menschheit. Als sich die Indische Platte in Asien hineinbohrte und das Himalaja aufschob und gleichzeitig in Ostafrika die Erde aufbrach, drängten starke Klimaschwankungen eine Affenart in eine neue Evolutionsrichtung.

"Intelligenz ist die evolutionäre Lösung für das Problem, dass sich ein Lebensraum schneller verändert, als die natürliche Selektion den Körper ummodellieren kann."

Demokratie als Konsequenz der Küstenlinie

Dieser Affe breitete sich schnell rund um die Erde aus. Vor allem Eurasien mit seinem dank Ost-Westausrichtung recht einheitlichen Klima ermöglichte den Austausch von Pflanzen und Kulturen und damit eine ertragreiche Landwirtschaft. Ein klarerer Startvorteil gegenüber den Bewohnern der Nord-Süd orientierten Kontinente Afrika und Amerika.

Solche Zusammenhänge hat vor 20 Jahren schon Jared Diamond herausgearbeitet. Inzwischen gibt es natürlich mehr Daten, vor allem aber gelingt es Lewis Dartnell, überraschende Verbindungen zwischen Geologie, Geographie und jüngerer Geschichte herzustellen. Die Demokratie ist demnach "eine Konsequenz" der aufgefalteten Küstenlinie Griechenlands.

Der Kapitalismus wurde in Holland wegen der ständigen Bedrohung durch das Meer entwickelt. Die Wolkenkratzer in Manhattan stehen auf längst abgeschliffenen Bergen, die U-Bahn Karte Londons zeichnet stabile Tonschichten nach. Und auch das aktuelle Wahlverhalten in den USA und in England folgt uralten Meeresarmen.

"Es hat den Anschein, als würden sich die geologischen Strukturen tief unter der Erde auch heute noch im Leben der Menschen wiederspiegeln."

Die Warmphase, in der die Affen entstanden

Mit "Ursprünge" eröffnet Lewis Dartnell einen überraschenden Blick auf unsere Geschichte, macht sehr unterhaltsam klar, wie viel wir alle dem geologischen Zufall zu verdanken haben.

"Ohne die mächtigen Kohleflöze aus dem Karbon wäre der technische Fortschritt der Menschheit vor 300 Jahren vielleicht zum Erliegen gekommen."

Dabei schreibt der Engländer sehr bildreich: "Granit ist der Schweiß der Plattentektonik", die Warmphase, in der die Affen entstanden, wurde durch "eine große Methanflatulenz" ermöglicht.

Einziger Wermutstropfen: Der Autor springt häufig innerhalb der Kapitel in Zeit und Raum hin und her. Da fällt es manchmal schwer, den Überblick zu behalten. Das Ende des Buches bildet ein Foto der nächtlichen Erde. Die Lichtpunkte zeigen an, wo sich die Menschheit konzentriert: "Wir haben die Erde tiefgreifend verändert", schreibt Lewis Dartnell, aber "die Erde und ihre Landschaften und Ressourcen bestimmen auch weiterhin den Gang der menschlichen Zivilisation."

Lewis Dartnell: "Ursprünge. Wie die Erde uns erschaffen hat"
Übersetzung von Thorsten Schmidt
Hanser Berlin, Berlin 2019
384 Seiten, 25,00 Euro

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