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Tonart | Beitrag vom 02.02.2017

"Letzte Lieder"Sterbende erzählen von der Musik ihres Lebens

Stefan Weiller im Gespräch mit Haino Rindler

Eine Krankenschwester des Christophorus Hospiz in München versorgt einen sterbenskranken Bewohner (picture-alliance / dpa/Tobias Hase)
Eine Krankenschwester des Christophorus Hospiz in München versorgt einen sterbenskranken Bewohner (picture-alliance / dpa/Tobias Hase)

So manch ein Mensch blickt summend, singend oder gar tanzend auf sein Leben zurück. Der Autor Stefan Weiller hat Hospize besucht und sich mit sterbenskranken Menschen über die Musik ihres Lebens unterhalten. Sein Buch heißt "Letzte Lieder."

Bei Hospiz denkt man an Traurigkeit, Düsternis und eine bedrückende Atmosphäre. Der Journalist Stefan Weiller hat andere Erfahrungen gemacht. Sein Buch "Letzte Lieder – Sterbende erzählen von der Musik ihres Lebens" beschreibt nachdenkliche, aber auch fröhliche und ausgelassene Treffen mit sterbenskranken Menschen.

Da war zum Beispiel ein Mann, für den David Bowies "Space Oddity" eine besonders große Bedeutung hatte. Als er das Lied in den 70ern zum ersten Mal hörte, ahnte er nicht, dass es einmal so viel für ihn bedeuten könnte. Er trug damals Hosen mit Schlag und einen Oberlippenbart zu langen Haaren. Später wurde dem totkranken Menschen klar, dass er selbst so etwas wie ein Astronaut sei. Er sagte, er fühle sich wie eine Kapsel, die den Kontakt verliert.

Autor hat selbst sein Leben verändert

"Er hat sich entschlossen, dass er akzeptiert, dass vielleicht nicht alles gelungen ist und hat daraus auch eine gewisse Leichtigkeit geschöpft", sagte der Buchautor Stefan Weiller im Gespräch mit Deutschlandradio Kultur. Er sei nicht nur der Chronist solcher Begegnungen, die Gespräche hätten ihn auch persönlich geprägt. "Ich habe mein Leben wirklich auf Grundlage dieser Begegnungen dramatisch verändert."

Das Gespräch mit einer ungefähr gleichaltrigen Frau in einem Hospiz habe ihn besonders beeindruckt. Die sterbenskranke Bewohnerin übernahm die Rolle des Journalisten, sie stellte ihm Fragen wie diese und lieferte die Antworten mit:

"Hassen Sie Ihren Job? Dann kündigen Sie ihn. Gibt es Menschen, die Ihnen nicht bekommen? Dann trennen Sie sich von diesen Menschen. Vergeuden Sie keine Zeit. Gibt es Länder, die Sie immer mal bereisen wollten? Dann reisen Sie."

"Im Sterben darf man bleiben, wer man im Leben war"

Anlass der Gespräche war eigentlich die Suche nach den Lieblingsliedern der Sterbenden. Musik sei ein ganz wichtiger Teil der Biografie eines Menschen, sagte Weiller.

"Popstars, die wir anhimmelten, sind mit unserer Persönlichkeit verflochten. Auch im Sterben darf man bleiben, wer man im Leben war. Sterben ist eine Lebensphase."

Bleibt die Frage, welche Songs den Menschen in Erinnerung geblieben sind. Bei vielen Älteren seien es die Schlaflieder, die sie als Kind hörten. Die Melodien und Texte würden den Sterbenden ein Gefühl geben, als sei die eigene Mutter noch am Leben.

Mit Blick auf die Popmusik stellt Weiller fest, "dass der richtige Disco-Stampfer der 90er manchem Menschen auch dann noch in die Beine geht, wenn er gar nicht mehr laufen kann. Das gute Gefühl, nochmal jung zu sein und sich auf der Tanzfläche zu bewegen, ist noch da".

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