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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 24.04.2017

Letzte HeimatImmer mehr Menschen sterben im Pflegeheim

Von Marie-Sophie Rudolph

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Pflegerin hält die Hand einer Seniorin. (imago / allOver-MEV)
Pflegerin hält die Hand einer Seniorin. (imago / allOver-MEV)

Zum Sterben ins Heim - das entspricht den Ergebnissen des DAK Pflegereports 2016. Demnach sterben heute 75 Prozent der Menschen in Krankenhäusern oder in Pflegeheimen. Und das, obwohl die meisten Menschen am liebsten zu Hause sterben würden - ein Besuch vor Ort.

Martina Wilke bei der Lesestunde im Leipziger Pflegeheim Johann Hinrich Wichern. In einem kleinen Raum sitzen etwa ein Dutzend aufmerksame Damen um sie herum. Die bodenlangen Gardinen verschleiern den Blick auf die Innenstadt. Einmal pro Woche liest sie hier für die Heimbewohner. Angefangen hat es damit, dass ihre eigene Mutter über Nacht zum Pflegefall wurde. Mit 89 Jahren brach sie zusammen.

"Das stellte sich als Lungenentzündung heraus, war nach einer Woche Krankenhaus nicht mehr ansprechbar. Und das Krankenhaus teilte mit: So, die Lungenentzündung ist behoben, für alles andere sind wir nicht zuständig, morgen wird sie entlassen. Und dann war die Not groß."

Die eigene Mutter ins Pflegeheim bringen. Für Martina Wilke eine traurige Entscheidung – aber eine unvermeidbare.

"Wir waren nur noch mein Sohn und ich, also außer meiner Mutter, sodass wir schon drüber gesprochen hatten, was ist, wenn sie nicht mehr kann. Wir müssen beide arbeiten, also konnten wir es uns auch nicht leisten, sie zu Hause zu pflegen."

Das Bedürfnis der Bewohner, etwas zu erleben

Also kam sie täglich zu Besuch. Als sie kurz darauf in den Ruhestand ging, suchte sie nach neuen Aufgaben. Ein Ehrenamt. Sie sah den Bedarf im Heim. Die fehlende Zeit der Pfleger. Das Bedürfnis der Bewohner, etwas zu erleben. Dann fing sie an vorzulesen. Und sie las weiter, als ihre Mutter im vergangenen Jahr schließlich in diesem Heim verstarb.

"Ich wollte ohnehin was Ehrenamtliches machen, das war gar nicht komisch. Komisch ist ihr Zimmer – wenn da jemand anderes rauskommt. Da habe ich bis heute ein wenig Probleme."

Zwei Pflegerinnen stützen in Heilbronn in einem Pflegeheim einen Bewohner. (picture alliance / dpa / Uwe Ansprach)Zwei Pflegerinnen stützen in einem Pflegeheim einen Bewohner. (picture alliance / dpa / Uwe Ansprach)

Anne-Kristin Kupke ist Pfarrerin und Seelsorgerin in Pflegeheimen der Diakonie Leipzig. Sie begleitet Menschen in ihrer letzten Lebensphase: Da sein, Lieder aus der Kindheit singen, Gebete sprechen – das alles sei enorm wichtig. Aber sie weiß auch, wie schwer das vielen Angehörigen fällt. Denn das Sterben ist bei uns oft genug ein Tabu.

"Man sieht ja auch keine Trauerzüge mehr auf den Straßen. Wie viele Bestattungen finden im kleinen Familienkreis statt. Das heißt, Menschen sind nicht mehr eingebettet in Rituale rund ums Sterben. Man kann ja beobachten, dass in den Kinos, in den Filmen, dass da alltäglich gestorben wird. Aber das hat ja nichts damit zu tun, dass man wirklich existentiell Erfahrungen mit dem Sterben und mit dem Tod gemacht hat. Die Gesellschaft zeigt uns ja, man kann 40, 50 Jahre leben, ohne dass man wirklich mit dem Sterben konfrontiert worden ist."

73 Zimmer sind immer voll belegt

Im Pflegeheim "Albert Schweitzer" im Leipziger Osten gibt es 73 Zimmer. Sie alle sind immer voll belegt, erzählt Heimleiterin Andrea Schüler. Das ist nicht ungewöhnlich, aber:

"Die Bewohner kommen in einem immer schlechteren Zustand, also gesundheitlich eingeschränkteren Zustand zu uns. Das bedeutet auch, dass die nicht so lange bei uns sind, sondern doch relativ schnell dann versterben."

Zum Sterben ins Heim. Das entspricht auch den Ergebnissen des DAK Pflegereports 2016. Demnach sterben 75 Prozent der Menschen in Krankenhäusern oder in Pflegeheimen. Und das, obwohl die meisten Menschen am liebsten zu Hause sterben würden.

Als die Mutter von Martina Wilke ins Heim kam, sahen die Prognosen der Ärzte nicht gut aus. Aber aus wenigen Wochen wurden schließlich noch vier Jahre im Heim. Irgendwann, erzählt sie, wurde es für ihre Mutter schließlich ein neues Zuhause. Eine tröstliche Erfahrung.

"Jetzt ist sie hier zu Hause"

"So nach einem halben, dreiviertel Jahr war das so, dass sie zu uns so war, wie sie immer zu Besuchern oder Nachbarn oder Freunden oder Familienfremden war – zu uns so entzückend war und hier dann die Pfleger rund laufen ließ. Und da wussten wir: Jetzt ist sie hier zu Hause."

Als Martina Wilkes Mutter schließlich verstarb, trauerten auch die Mitarbeiter und Pfleger. Das Sterben im Heim – es wird eben nicht zum Alltag.

"Die zwei Schwestern, die hier auf der Etage waren, haben eine Kerze und ein Kreuz an ihr Bett gestellt und dann haben die offensichtlich im Haus rumtelefoniert. Und dann kamen noch vier Kollegen ins Zimmer und haben uns umarmt und sich von ihr verabschiedet. Und als dann noch drei von den Pflegern bei der Beerdigung auftauchten, da war ich völlig fertig. Da fühlt man sich dann auch einfach irgendwo aufgehoben."

Schwer, jemanden bis zum Schluss zu begleiten

Die Leiterin des Albert Schweitzer Heims, Andrea Schüler, kennt diese emotionale Herausforderung. Für Mitarbeiter in den Pflegeheimen ist es besonders schwer, jemanden bis zum Schluss zu begleiten.

"Eine psychische Belastung. Und die können die Mitarbeiter eigentlich nur verarbeiten, indem sie sich ein bisschen abgrenzen. Sie können nicht mit jedem Bewohner mitsterben. Die meisten schaffen das gut, sich professionell abzugrenzen und trotzdem zugewandt und empathisch zu sein. Nicht alle können das."

 in Frankfurt an der Oder (dpa picture alliance / Patrick Pleul)Eine Seniorin in einem Pflegeheim (dpa picture alliance / Patrick Pleul)

Regelmäßige Schulungen sollen Mitarbeiter darauf vorbereiten. Aber in der Sterbebegleitung sind sie auch auf die Hilfe von Palliativdiensten und Ehrenamtlichen angewiesen. Auch Familienmitglieder spielen eine entscheidende Rolle.

"Die Angehörigen sind da manchmal ängstlich und ein bisschen zurückhaltend, die muss man da manchmal mitnehmen. Die haben davor Angst. Ist auch verständlich."

Professor Immo Fritsche ist Sozialpsychologe an der Uni Leipzig. Er beschäftigt sich mit dem Verhältnis der Gesellschaft zum Thema Tod.

"Ein zentrales Problem des Todes ist ja, dass wir uns als hilflos wahrnehmen. Den eigenen Tod kann niemand vermeiden, irgendwann wird er eintreten."

Wie Menschen mit dieser Hilflosigkeit umgehen, ist ganz unterschiedlich. Aber die Wirkung ist immer gleich, sagt Fritsche.

"Eine Möglichkeit ist natürlich, sich überhaupt nicht Gedanken an den eigenen Tod auszusetzen. Das ist sicherlich eine Strategie, die sehr naheliegend ist. Aber wir kommen natürlich nicht darum herum. Wir sind uns unserer eigenen Sterblichkeit bewusst, und wir werden an verschiedenen Stellen daran erinnert. Und dann kommt es darauf an, wie wir über Sterblichkeit nachdenken. Sehen wir eigenes Handlungspotential, sehen wir eigene Kontrollmöglichkeiten."

Das heißt: Je mehr wir uns auf unseren eigenen Tod einlassen und uns mit ihm beschäftigen, desto weniger Furcht haben wir. Andrea Schüler, Leiterin des Pflegeheims im Leipziger Osten, konnte das während ihrer eigenen Berufslaufbahn auch beobachten.

"Ich habe früher panische Angst gehabt. Ich denke, das habe ich nicht mehr. Durch diese Beschäftigung damit lernt man, dass es wichtig ist, sich darauf vorzubereiten. Nicht nur mental oder seelisch, sondern auch ganz praktisch, dass man Patientenverfügungen macht, dass man Vollmachten macht."  

Gemeinsam eine schöne Zeit verbringen

Für heute ist das wöchentliche Lesen im Pflegeheim vorbei. Auf Wunsch endet der Besuch mit einem Lied. Martina Wilke merkt, wie groß das Bedürfnis nach solchen Aktionen ist. Gemeinsam eine schöne Zeit verbringen, Erinnerungen wecken.

Aber sie weiß auch:

"So viele Pflege und Fürsorge und Zuwendung, wie es sinnvoll und schön und sicher auch wichtig wäre, die kann kein Mensch leisten."

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