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Literatur / Archiv | Beitrag vom 16.11.2014

Lesen22. Open Mike 2014

Wettbewerb junger deutschsprachiger Bücher in der Literaturwerkstatt Berlin

Von Irene Binal

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Die Gewinner des Open-Mike-Wettbewerbs 2014: Robert Stripling, Doris Anselm, Gerasimos Bekas und Mareike Schneider (v.l.n.r.) (Deutschlandradio - Andreas Buron)
Die Gewinner des Open-Mike-Wettbewerbs 2014: Robert Stripling, Doris Anselm, Gerasimos Bekas und Mareike Schneider (v.l.n.r.) (Deutschlandradio - Andreas Buron)

Der Open Mike ist das Sprungbrett in den Literaturbetrieb für diejenigen, die schreiben, aber noch kein Buch veröffentlicht haben.

Simone Kanter: "Alex hat Dreck am Stecken und deswegen ist er zu mir gekommen. Vielleicht möchte er etwas vom Dreck loswerden..."

Walter Fabian Schmidt: "Wo gravitierst du denn wieder? Die Hacktivisten steuern längst den Virenmarsch. Sorry, my awareness ist erst 80 Prozent geladen..."

Alexandra Riedel: "Deine Tochter hat wieder einmal irgend etwas gemacht oder wieder einmal irgendetwas nicht gemacht, sagte der Vater, wenn er fand, ihre Tochter habe oder habe eben nicht..."

Michael Wolf: "Das Ausrufezeichen ist nötig, damit ein Text weitergehen kann, obwohl er eigentlich aufhören müsste. Also ein Fluch zum Beispiel reißt alles Folgende mit sich..."

Özlem Özgül Dündar: "Wenn die Moleküle flimmern in den Zellen die meine Gedanken machen sollen wenn zwischen Synapsen Kurzschlüsse funken flackern machen..."

Pascal Richmann: "Ist das etwa der Fahrlehrer? Der auf der Bank da? - Das ist korrekt, und jetzt nehmen Sie bitte den Arm wieder runter..."

Kathrin Bach: "Ich habe aus deinen Augen Teigtaschen geformt, die Augäpfel eingebacken in einen dünnen Teig, der - während du hier liegst - abkühlt..."

Worte, Texte, Gedichte und Prosa... Es ist wieder Open-Mike-Zeit in Berlin. Im Heimathafen Neukölln treffen sich interessierte Insider, lobende Lektoren, neugierige Newcomer, feiernde Fans, kritische Kenner, progressive Poeten - und nicht zuletzt aufgeregte Autoren: Zwei Tage lang wird gelauscht und gelacht, beurteilt und bestaunt, diskutiert und kommentiert. Der Open Mike ist für alle ein ganz besonderer Anlass und die Erwartungen beim Publikum sind hoch:

"Für mich ist es Premiere, ich war noch nie beim Open Mike und wollte das endlich mal mir anhören."

"Mal schauen, was so alle schreiben. Auf alle Fälle ist es interessant, was ich im Vorfeld gelesen habe."

"Ich bin auch das erste Mal hier und habe kaum Erfahrungen machen können."

"Man ist sehr gespannt, was die Kandidaten vorbereitet haben, womit die ihre fünfzehn Minuten füllen und - ja, wir sind auf jeden Fall sehr vorfreudig und gespannt."

"Ich bin Teilnehmerin gewesen, vor fünf Jahren, und insofern fühle ich mich so ein bisschen zugehörig und das ist wie so eine Art Pflichttermin, weil wir so eine Familie, so eine Community sind und eigentlich alte Bekannte treffen und - ja, vielleicht auch wieder so ein bisschen motiviert zu werden, weiterzumachen."

Ein wenig wie nach Hause kommen 

Tatsächlich: Der Open Mike ist inzwischen nicht mehr nur der wichtigste Literaturwettbewerb in Deutschland, sondern auch eine Art Familientreffen. Viele Finalisten und Preisträger der vergangenen Jahre sind dabei, neugierig auf das, was die jungen Autoren präsentieren. Dmitrij Gawrisch etwa, der Sieger des Vorjahres:

Dmitrij Gawrisch: "Na, es ist ein bisschen wie nach Hause kommen, so eine Heimkehr, die Leute wiedersehen, es ist auch ein bisschen ein Klassentreffen. Sind einige der Leute, der Teilnehmer, der Autoren, Autorinnen vom letzten Jahr sind dabei und man sieht sich wieder, plaudert, was gelaufen ist, was es Neues gibt, wie es mit dem Schreiben läuft..."

Oder auch Martin Piekar, der 2012 den Lyrikpreis gewann:

"Für die Freunde fiebert man natürlich mit. Man wünscht ihnen alles Beste. Aber man ist auch gespannt auf die anderen Sachen, auf Leute, die man nicht kennt, aber die können einen eben wahrscheinlich mehr überraschen als Freunde. Ich bin gespannt, ob es passiert."

Martin Piekar ist eine auffallende Erscheinung: Groß und breit, mit langen Haaren und khajalumrandeten Augen, gekleidet in einen langen, schwarzen Mantel. Sein erster Gedichtband mit dem Titel "Bastard Echo" ist im Frühjahr erschienen, aus ihm las er bei der Eröffnungsveranstaltung am Freitag:

Lesung Martin Piekar: "Ich suche im Bett/ wie die Nadel eines Kompasses/wie die Nadel eines Kompasses, der einfach vergisst, wo sein Norden ist/Ich fühle mich so Funkturm/Ein Sog aus dem Hörer/Mein Atem zeigt, dass ich erreichbar bin/Mein Funktionieren ist erwünscht/Die Zeit wetzt die Stille ab/wie wir auch verschweigen, wir erodieren alle".

Tatsächlich beginnt der Open Mike schon am Freitagabend - mit einer Diskussionsrunde, bestehend aus Lektoren und ehemaligen Teilnehmern. Mitveranstalter dieser Runde ist die Crespo Foundation, die sich der Förderung junger Menschen verschrieben hat und seit 2006 den Open Mike unterstützt. Eine Bereicherung - inzwischen beschränkt sich der Wettbewerb nicht bloß auf ein Wochenende, sondern beinhaltet auch eine Lesereise im Anschluss für die Gewinner und verschiedene Veranstaltungen für die jungen Autoren, die teilgenommen haben. Die Ehemaligen wissen das zu schätzen. Martin Piekar freut sich auf das, was ihn erwartet:

"Der Open Mike ist ein lustiger Cocktail. Wenn man vorher nicht unbedingt weiß, was man kriegt und wie es einem schmecken wird, aber hinterher die Zutaten alle einzeln kennt."

Die Zutaten: das sind die Texte der 22 Finalisten. Aus rund 600 Einsendungen haben sechs Lektoren die Beiträge für das Finale ausgewählt. Jörg Sundermeier vom Verbrecher Verlag war überrascht von der Qualität der Einsendungen:

"Ich mit mehr Schund gerechnet, natürlich war auch Schund dabei, aber es war relativ wenig, sehr viel gutes Mittelmaß, sehr viele Texte, die ich jetzt nicht auswählen wollte oder so, aber die schon sehr ok waren..."

Susanne Krones, Lektorin bei Luchterhand, und Gunnar Cynybulk, Verlagsleiter des Aufbau-Verlags, empfanden das Auswählen sogar als erfrischend:

Krones: "...wie so ein kleiner Urlaub von dem Tagesgeschäft und so eine reine Konzentration auf Ausschnitte, auf Sprache, und auch durch die Anonymität von diesem Bewerbungsverfahren, auch wegzuschauen von all diesen Markern, die uns immer gesetzt werden in den Bewerbungen die uns sonst erreichen, wo dann eben schon drinsteht: LCB-Workshop, Open-Mike-Teilnahme, MDR-Literaturpreis, kleine Förderpreise."

Cynybulk: "Ich habe es regelrecht als wohltuend empfunden, mal einen Text nicht auf seine Verwertbarkeit oder Marktchancen hin bewerten zu müssen, sondern wirklich die Sprache zur Geltung kommen zu lassen und mich zu erfreuen an sensationellen Texten, ich habe immer so gelesen, dass ich auf den sensationellen Satz gewartet habe und wenn er kam, dann habe ich auf den Fehler gewartet. Und bei den Texten, die ich nicht verworfen habe, kam kein Fehler."

Alle pünktlich trotz Streik

Etwas angespannt ist die Organisatorin, Jutta Büchter, von der Literaturwerkstatt in Berlin. Vor wenigen Tagen noch hat sie ihre schlimmsten Befürchtungen formuliert:

Jutta Büchters: "Also meine Horrorvorstellung ist tatsächlich immer, dass ein großes Verkehrsmittel streikt und die Hälfte der Leute nicht anreisen kann oder nicht pünktlich anreisen kann, das würde schon alles über den Haufen werfen..."

Und tatsächlich: Kurz vor dem Open Mike haben die Lokführer für dieses Wochenende einen bundesweiten Streik ausgerufen. Aber irgendwie geht trotzdem alles gut, alle Teilnehmer sind pünktlich da.

"Also, als ich vom Streik am Mittwoch erfahren habe, habe ich gedacht, das kann nicht wahr sein, dass jetzt meine ewige Angst tatsächlich eintritt, aber alle Leute haben sich total gut darauf eingestellt, sofort, haben entweder Fernbusse gebucht oder - viele sind dann doch Zug gefahren und habe alle gesagt, die Züge sind total leer, keiner wagt, es, Zug zu fahren, deswegen war es gar kein Problem, nur die Straßen waren relativ voll, also die mit den Autos hatten noch die größten Schwierigkeiten, aber letztlich ist überhaupt niemand zu spät oder gar nicht gekommen."

Bevor es aber richtig losgehen kann mit den Lesungen müssen noch die Startplätze festgelegt werden. Am Samstagmorgen warten die Finalisten im Hof auf die Auslosung, bei der jeder verdeckt seine Startnummer ziehen muss. Die Stimmung ist angespannt:

Nora Linnemann: "Also wir sind auf jeden Fall aufgeregt oder ich bin zumindest aufgeregt, nervös, bin sehr gespannt jetzt auf die Auslosung, wir warten alle ein bisschen darauf, wann wir denn genau dran sind, damit wir auch unserer Familie und unseren Freunden Bescheid sagen können..."

Walter Fabian Schmidt: "Nee, ich gehe da jetzt locker rein und im Endeffekt ist es eigentlich egal, wann man liest, würde ich sagen."

Özlem Özgür Dündar: "Mir geht es glaube ich ganz gut, ich bin irgendwie froh, dass es jetzt soweit ist und es wäre irgendwie ganz gut zu wissen, wann man drankommt ..."

Kathrin Bach: "Ich habe zum Glück die ganze Zeit so eine Dauermüdigkeit, die die Aufregung so ein bisschen dämmt, aber ab und zu ist so ein kleiner Ausbruch und es kommt so innerlich so ein Kick und es ist so eine Mischung aus sehr müde und sehr aufgeregt."

Lara Hampe: "Klar, gerne würde ich wissen, wann und was und wie und - ja, wir sind alle gespannt, glaube ich."

Dann ist es endlich soweit - die Auslosung beginnt. Streng alphabetisch werden die Kandidaten und Kandidatinnen aufgerufen, ziehen ihre Nummer und ihren Lektoren zugeteilt:

Kaum mehr als eine halbe Stunde bleibt den Jungautoren jetzt noch, um sich mit ihren Lektoren zu besprechen, während sich der Saal unten füllt. Das Publikumsinteresse ist wie immer groß, da versammeln sich Leser und Literaturagenten und Lektoren, Fachleute und Laien und natürlich die Ehemaligen. Martin Piekar sichert sich einen guten Platz und erinnert sich an seine eigene Lesung, damals, im Jahr 2012:

Martin Piekar erinnert sich an Aufregung: 

"Ich war furchtbar aufgeregt! Ich war so furchtbar aufgeregt damals, aber das Positive ist, dass immer, wenn ich aufgeregt bin, ich mich mehr konzentriere, gut zu lesen. Und je aufgeregter ich bin, desto besser wird eigentlich die Lesung."

Und das, so scheint es, gilt auch für die Finalisten dieses Jahres. Recht professionell klingt das, was man zu hören bekommt, unaufgeregt und klar, was die Form und auch den Inhalt betrifft, von Jenifer Johanna Becker etwa, der studierten Journalistin, die von einem letzten Schultag erzählt, oder von der Lyrikerin Kathrin Bach, die, wenn sie nicht gerade schreibt, in Berlin als Buchhändlerin arbeitet:

Auszug aus Lesung von Jenifer Johanna Becker:

"Ich pustete dünnen Qualm in die Luft, der sich sofort verflüchtigte. Es sah immer noch etwas unbeholfen aus, wenn ich am Filter zog und meine Lippen zu einem weißen Strich zusammenpresste, anstatt es irgendwie lässig zu machen, wie diese Frauen in Filmen, die auf Brückenpfeilern saßen und ihre feucht schimmernden Lippen um den Filter legten. Aber den anderen war es bisher nicht aufgefallen, sie hatten noch keinen blöden Spruch gebracht und verhielten sich normal. Normal bedeutete, dass sie mich nicht beachteten. Ich war ein Anhängsel, eine Fickmaschine, wie Tobster die anderen Mädchen nannte, und ich wusste, dass er es hinter meinem Rücken genauso machte. Und wenn ich ehrlich war, war es mir egal."

Auszug aus Lesung von Kathrin Bach: 

"ich nehm die abkürzung zu deinem schlaf
dort bellen die hunde dieses atmen wie unwetter
ich decke zu mache dich zum gebirge
der zweite hund am regen verschluckt wir
unter dach und fächern den wind durch schlitze
die höhenlinien dein hals pulsiert ein zwei
dreimal unsere eigenen vier hände
bergstraßen deine haut eine schneedecke
das bellen leiser als heizkörper
wir sind niederschlag hunde".

Selbst Pascal Richmann, der in der Vorwoche krank war und Sorge hatte, dass seine Stimme nicht halten würde, kommt ohne Husten über die Runden:

Auszug aus Lesung von Pascal Richmann:

"Und Sie bestehen darauf, dass Sie einen Schuss gehört haben?"

"Zwei Schüsse, Dottore"

"Giuliano, Herr Weber, bitte."

"Schuld ist die Schonzeit. Da vermehren sich die Viecher das ganze Jahr lang, als gäbe es nichts, und dann springen sie einem wie wild geworden vor den Kühler. Das sind dumme Tiere, Dottore."

"Giuliano. Oder meinethalben Fabrizio. Aber tun Sie mir den Gefallen und hören mit diesem Dottore auf."
(...)

"Ein Jäger hat also, Sie verzeihen, in Ihren Augen den Startschuss für diese Verkettung unglücklicher Umstände gegeben?"

"Er hat es sogar zugegeben."

"Natürlich, Sie haben Recht. Ich erinnere mich, die Protokolle, sehr ausführlich, sehr plastisch das alles."

"Ein Streifschuss, halb so wild. Aber trotzdem muss das Vieh eine Scheißangst gepackt haben."

"Instinkte, Herr Weber. Instinkte."

Nur manchmal stolpert der eine oder andere über ein Wort - Lara Hampe etwa, bei ihrem Text mit dem kurzen Titel "Sic":

Auszug aus Lesung von Lara Hampe: 

"Bevor ich mich auf meine Matratze lege: Süß, wie die eine heute einen Laut ausgestoßen hat wie ein Elefant.

Eisenbahnmädchen liest manchmal zu schnell, Konymädchen manchmal zu laut, Engelmädchen nuschelt."

...aber so richtig tragisch ist das dann auch nicht, weder für Lara Hampe, noch für ihren Lektor Gunnar Cynybulk:

Lara Hampe über das Nuscheln: "Ich habe mich witzigerweise bei einem Wort verhaspelt, das glaube ich haspeln hieß... nuscheln, es war luscheln, ja... Aber sonst glaube ich habe ich es ganz gut hinbekommen, ja..."

Cynybulk ist zufrieden: "Ja, ich bin total zufrieden, es hat mir Spaß gemacht, ihr zuzuhören und dass sie nicht so aufgeregt war, eigentlich gar nicht aufgeregt war und sehr gut gelesen hat."

Liebesgeschichten kommen beim Publikum an

Einige sind schon geübter. Nora Linnemann zum Beispiel, groß und schlank mit langen Haaren und Brille, ausgebildete Schauspielerin und Sprecherin, die in ihrem Beitrag mit dem Titel "Jackie Olé" eine Liebesgeschichte erzählt:

Auszug aus Lesung von Nora Linnemann:

"Dass sie Tangas trägt, er hat es sich vorgestellt, obwohl es nicht zu ihr passt, dem knochigen Körper und der kratzigen Stimme, die mal aus der Tiefe kommt, mal weit oben in ihrem Hals sitzt, wie bei einem Jungen im Stimmbruch. Nur beim Singen wandert die Stimme nicht, beim Singen ist sie fest und klar, Jackie könnte ein Star werden mit ihrer Stimme, das sagen alle. Aber sie lacht nur darüber, mein Vater, brüllt sie, der killt mich. Ole möchte seine Hand unter den roten Spitzenstoff schieben, das Dreieck abheben von der Haut, mit den Fingerspitzen weiter wandern, die herausstehenden Wirbelknochen entlangfahren, er will sich auf sie legen, schwer und hart, Bauch auf Rücken, und sie unter sich bergen, wie ein Schildkrötenpanzer, Do I Blow You Away. Aber er hockt nur da, hinter der Sporthalle, starrt und raucht und nickt."

Das klingt schon sehr professionell. Auch wenn Nora Linnemann selbst Zweifel hat...

Nora Linnemann über ihre Lesung:

"Also ich war super-aufgeregt vorher, muss ich echt sagen, und dann ging es alles ganz, ganz schnell rum. Und ich hatte Angst, dass ich zu schnell lese, weil es mir so schnell vorkam."

...ihr Lektor Jörg Sundermeier ist höchst angetan:

"Man merkt, dass sie Schauspielerin ist, sie hat das sehr gut gemacht. Also Chapeau!"

Auch inhaltlich kann Nora Linnemann überzeugen. Ihre Liebesgeschichte kommt beim Publikum an - auch bei Martin Piekar, der die Beiträge kritisch verfolgt:

"Der von Nora Linnemann eben hat mich ziemlich vom Hocker gehauen, also das ist schon mal eine meiner Favoritinnen. Ich mag zwar auch abgedrehte Texte und Experimentelleres, aber manchmal - es ist immer die Frage, wie es gemacht ist und dieser Text hat ein überraschendes Ende. Wen überrascht's - aber: die Art und Weise, wie es zu dieser Überraschung kommt, ist das Wichtige bei diesem Text und das hat sie hervorragend ausgearbeitet."

Wenn er nicht gerade im Saal sitzt, ist Martin Piekar draußen unterwegs, trifft alte Bekannte und neue Freunde:

Martin Piekar: "Natürlich, die Leute vom Open Mike kennt man immer noch, man hat Kontakt mit denen, man freut sich, die mal wiederzusehen, es ist eine Scene, ja, es ist eine Szene, also man trifft wieder Bekannte und das ist eigentlich auch schön, weil es Leute sind, die man nicht jeden Tag sieht, die aus Leipzig oder aus Hildesheim kommen oder eben aus Berlin, ich komme aus Frankfurt, man sieht sich nicht immer und es ist schön, sich mal wiederzusehen."

Eine solche alte Bekannte ist Maren Kames, die im vergangenen Jahr nicht nur den Lyrikpreis, sondern auch noch den Publikumspreis der taz erhielt - und deren Leben sich seither zwischen Lesungen, Einladungen und Stipendien abspielt:

"Ehrlich gesagt habe ich manchmal ein bisschen Angst, dass ich mit dem Schreiben nicht hinterherkomme. Und der Betriebsanteil zu hoch wird. Aber das sind, glaube ich, Dinge, mit denen man sich arrangieren muss. Und die man schon immer wieder überprüfen muss, aber bisher fand ich es noch nie so schlimm, dass ich gesagt habe, ich muss da raus."

Mit Maren Kames diskutiert Martin Piekar die Frage nach der Abgrenzung von Lyrik zur Prosa:

"Es wurde irgendwann mal zu Maren gesagt, dass es ja keine Lyrik sei, nicht beim Open Mike sondern bei einem anderen Wettbewerb, und man sollte keinen Lyrikpreis an Prosa vergeben. Und dann hat sie den Lyrikpreis hier abgeräumt. Diese Kategorisierung - sie ist ein Bewertungskriterium, aber es gibt einen Text, nicht mehr und nicht weniger, wenn der Text schlecht ist, wird er schlechte Lyrik oder Prosa sein, wenn der Text gut ist, wird er gute Lyrik oder Prosa sein."

Einer, der die Grenze zwischen Prosa und Lyrik bewusst überschreitet, ist Robert Stripling, der mit der Startnummer Eins ins Rennen ging, ein kleiner Mann mit blondem Pferdeschwanz und einer Brille, die ihn sehr intellektuell aussehen lässt. Prosagedichte hat er eingereicht, Texte, die zwischen den Genres changieren:

Auszug aus Lesung von Robert Stripling:

"Die Glaskugeln, die Mobiles; diese klingelnde Tür; provisorisch, wie Windfänge; kracht in den Angeln, sanft. Diese Schnüre müssten mit einem Mal reißen. Wie auch der schwüle, leicht zerbrechliche Tag, sich hinter die Schaufenster gedrängt hat - knisternde Papiere. In den Händen der Verkäuferin. Wird gewickelt, geknickt. Die Frische hinzu, die vom Ventilator oder von oben, vom Deckenputz, abfällt. Von dort wie aus Pirouetten gezogen, die Hände durchfährt. Spüre ich, dass alles in Bewegung ist?"

Und der berühmte Wecker, der läutet, sobald ein Finalist die 15-Minuten-Grenze überschritten hat? Der kommt am ersten Wettbewerbstag nur ein einziges Mal zum Einsatz, ausgerechnet beim letzten Kandidaten, Felix Schiller, einem Lyriker, der Wissenschaft und Poesie verbindet, sich mit Darwins Kollegen auseinandersetzt - und der seinen Gedichten jeweils eine kurze Erklärung voranstellt:

Auszug aus Lesung von Felix Schiller: 

"Das letzte Gedicht handelt von Robert Chambers, Robert Chambers wurde mit sechs Fingern und sechs Zehen geboren, ist ein bisschen ein Außenseiter geworden, hat sich dann zurückgezogen, hat versucht, den Menschen über Bücher zu verstehen und ist darauf gekommen, dass der Ursprung des Menschen in der Wüste gelegen haben muss, ist dann in die Wüste aufgebrochen und ist da verdurstet.

Chambers, liest du darin den codelaut von darwins kollegen?

in den enzyklopädien, studien und den sich darauf befindlichen organismen?
nach lähmenden operationen ist den spuren der naturgeschichte, ihren schismen,
an den wunden nachzufühlen: (Wecker läutet)

Darf ich noch zu Ende machen? - Den Satz, ok, schade

ringsum mit feinen borsten, nur wenige linien genpool lang...

käme noch was, aber jetzt ist es vorbei..."

Die Erläuterungen im Vorfeld waren dann doch zu lang - aber Felix Schiller sieht es sportlich:

"Ja, ist blöd gelaufen, ich hatte eigentlich nicht vor, vor den Gedichten noch was Kleines zu sagen, habe mich dann doch dafür entschieden, und das hat mir jetzt dann beim letzten Gedicht das halbe Gedicht gekostet. Jeder hat ja 15 Minuten Zeit und wenn man das nicht einhält, ist es natürlich sein eigenes Problem."

Martin Piekar ist trotzdem begeistert von den Gedichten seines Lyrikerkollegen:

"Krass, dann bist du jetzt einer meiner Favoriten. Das ist eine sehr gute Arbeit! - Felix: Danke - Martin: Und nebenbei sind die Gedichte auch nicht schlecht. - Felix: Danke, freut mich! - Also ich rechne ihm große Chancen ein. Dem lieben Herrn Schiller."

Ein spannender erster Tag geht zu Ende. Allerdings - so hundertprozentig zufrieden ist Martin Piekar nicht:

"In der Prosa war es mir ein bisschen zu langweilig, damit möchte ich nicht die Autoren kritisieren, sondern es waren einfach keine Texte, die auf mich gepasst haben, es hat mich nicht vom Hocker gerissen, der Tag wurde aber besser, als ich Nora Linnemann hörte, Kathrin Bach hörte, Felix Schiller war sehr aufregend, genauso wie Doris Anselm..."

Genau, Doris Anselm, eine hübsche junge Dame mit feuerrotem Haar! Sie hat mit einem Text geglänzt, in dem es um Jugendliche in einem Einkaufszentrum geht - einem Text, in dem sie die Sprache türkischer Jugendlicher zur Kunstform erhebt:

Auszug aus Lesung von Doris Anselm:

"Wir gehen für rauchen nach draußen. Nicht oft. Es stinkt da und meistens regnet oder ist heiß. Meistens keiner hat Zigaretten. Die Penner warten vor der Tür und wollen unsere aufrauchen. Wir können wieder rein. Jetzt noch, ein Monat. Aber deshalb wir machen den Brief und deshalb ist Streit. Wer muss den Brief schreiben? Ich. Die anderen sagen mir wie.
- Mach nicht so. So denken die, kann keiner richtig schreiben hier.
- Denken sie eh.
- Kann ja auch keiner.
- Wir machen so Volksbegehren, Dicker. Mit Demokratie.
- Demokratie deine Mutter.
- Fick dich.
- Schreib das mal mit Natur."

Doris Anselm ist Radioredakteurin, man hört es an ihrem Vortrag, ihre Stimme ist klar und geschult. Aber wieviel Einfluss hat überhaupt die Performance auf die Bewertung? Keinen, antwortet der Hamburger Schriftsteller Andreas Maier, der in der Jury sitzt:

"Wir haben ja immer den Text vor uns und ich kann währenddessen mitlesen, ich kann mir währenddessen auch manchmal die Ohren zuhalten was auch ganz gut ist, nicht weil die Leute schlecht lesen, überhaupt nicht, aber weil man dann seinen eigenen Lesesound im Kopf projizieren kann auf den Text, mit dem man normalerweise liest. Aber dass die Performance die Juryentscheidung mitbeeinflusst, kann ich mir überhaupt nicht vorstellen."

Die Frage der Performance wurde schon einmal diskutiert, am Freitag nämlich, bei der Eröffnungsveranstaltung des Open Mike: Drei ehemalige Teilnehmer und ihre Lektoren sprachen über das Leben nach dem Open Mike, über die Anforderungen der Verlagswelt und die Frage, inwieweit Autoren eigentlich lesen können müssen. Müssen sie? Jens Eisel, Vorjahresgewinner des Open-Mike-Prosapreises, sagt nein:

"Also ich bin in erster Linie Autor, weil ich gerne schreibe. Ich mag das auch, wenn Autoren nicht gut lesen. Ich finde das hat schon auch was. Ich kann aber auch verstehen, wenn es Leute gibt, die damit ein Problem haben, aber eigentlich - also für mich ist auch der Text einfach das Wichtigste."

Eine Meinung, die von der Verlagswelt nicht unbedingt geteilt wird. Der Berliner Verleger Johannes Frank und Lektor Thomas Tebbe vom Piper Verlag halten eine gute Performance für unabdingbar:

"Performance als Kunstform ist etwas, das einfach wahnsinnig spannend ist, und sich da Elemente rauszusuchen für die eigene Lesung ist etwas, das zum Glück immer weiter zunimmt.

Es ist natürlich hilfreich, wenn der Autor, die Autorin, ihren eigenen Text ordentlich interpretieren kann. Das ist überhaupt keine Frage und natürlich ist die erste Frage, wenn wir mit einem Debütanten daherkommen, vom ganzen Haus, kann man den präsentieren? Also wie sieht die aus, wie sieht der aus, liest die anständig - ja, das ist leider so..."

Nur Lektor Olaf Petersenn von Kiepenheuer & Witsch zeigt Verständnis und sogar eine gewisse Sympathie für schlechte Lesungen:

"Eigentlich waren ja Autorenlesungen tatsächlich Veranstaltungen, an denen der Autor möglichst authentisch aufgetreten ist. Und es gibt ja historisch gesehen wahnsinnig viele sehr gute Schlechtleser. Bei denen einfach gerade diese eigenwillige Art, unverständlich, nuschelnd oder irgendwie nicht besonders professionell zu lesen gerade den Charme der ganzen Sache ausmacht, und wenn jetzt die Tendenz dahin geht, alle Leser quasi professionell rhetorisch auszubilden, dann kann das natürlich auch dazu führen, dass Originalität flöten geht."

Ein Problem, das Martin Piekar nicht kennt: Er liebt es, aufzutreten und sieht in der Lyrik auch eine Art Performancekunst:

"Ich habe da lange daran gearbeitet, ich habe viele Lesungen auch schon vor dem Open Mike gehabt und gemacht und das waren ganz amateurhafte, von ganz schlechten bis zu so halbprofessionellen und es ist für mich eben ganz wichtig, das zu können, ich mag das. Ich kann es verstehen, wenn es Leute nicht tun, ich kann es verstehen, wenn Leute nicht gerne lesen vor Publikum, es gibt auch Leute, die lesen gern und lesen schlecht, manchmal wirkt das authentisch und ist schön, manchmal nicht."

Zurück zum Open Mike, zum Finaltag. Das Publikum ist bestens gelaunt, der erste Tag hat bereits für gute Stimmung gesorgt:

Publikum am Sonntag: 

"Super. Ich finde es sehr schön."

"Ich habe ausgedruckt kein Text in der Hand gehabt, ich habe nur zugehört und ich fand es alles spannend da was gelesen worden sind, ja."

"Allerdings haben manche Autoren vielleicht zu viel Text in ihre Lesung gepackt. Zum Beispiel gestern die letzte Gedichtlesung, das war wahrscheinlich gut gemacht, aber es war dann schon so viel Input vorher, dass ich mir gewünscht hätte, der Dichter hätte sich auf acht Gedichte beschränkt und da nicht noch so viele gelesen. Zum Beispiel."

Bei den Finalisten steigt die Spannung - jedenfalls bei denen, die erst heute an der Reihe sind. Jene, die ihren Auftritt bereits absolviert haben, bleiben gelassen. Robert Stripling kaut an einem Frankfurter Würstchen und plaudert mit Martin Piekar:

Martin: "Du bist jetzt durch. Genieße die anderen Lesungen."

Robert: "Ja sowieso. Ich esse gerade Würstchen, deswegen, rede ich so unadäquat."

Martin: "Genieße die Lesungen, hab Spaß mit den Leuten, die du hier kennenlernst, lerne Leute kenne und hab Freude - was soll ich dir noch sagen, du kennst das."

Robert: "Der Vorteil daran, als erster zu lesen, ist wirklich die Entspannung fürs komplette Wochenende."

Martin: "Ich war damals auch noch am ersten Tag dran, ich glaube im dritten Block, aber es war auch noch gut, am ersten Tag durch zu sein, also der erste Tag finde ich auch noch sehr entspannend, aber sich erst alle anzuhören, am zweiten Tag dann noch fit genug zu sein, das finde ich schwer. Ich glaube, die Aufregung würde mich da ein bisschen mürbe machen."

Der Saal füllt sich, Hunderte Menschen suchen einen Platz. Und natürlich sind auch die Literaturagenten schon wieder auf dem Posten, immer auf der Jagd nach frischen Texten, neuen Stimmen. Der Open Mike ist für sie ein Pflichttermin, für Michael Gaeb zum Beispiel:

"Das ist ja sozusagen Literatur im ersten Zustand sozusagen, so ganz unplugged, und vieles dabei, was einem vielleicht nicht gefällt, aber man muss halt was finden. Das ist ja das Spannende daran."

Michael Gaeb findet immer wieder etwas - oder besser: jemanden. Kristine Bilkau etwa, die 2008 Finalistin beim Open Mike war und deren erster Roman im kommenden Frühjahr bei Luchterhand erscheinen wird. Auch dieses Mal ist Michael Gaeb von den Beiträgen sehr angetan:

"Insgesamt sehr gute Texte! Ich fand auch die Lyrik sehr interessant, erstaunlich, nicht traditionell, aber sage ich mal weniger experimentell bisher als das in den letzten Jahren der Fall war, also die Lyrik fand ich auch mit das Interessanteste bisher, was ich gehört habe."

Auch Ulrika Rinke von der Literaturagentur Graf & Graf ist auf der Jagd und entsprechend fokussiert. Für sie ist vor allem die Tendenz der Texte interessant. Während in vergangenen Jahren oft kritisiert wurde, die Beiträge seien zu selbstbezogen, kreisten zu sehr um das eigene Ich, sieht sie diesmal eine andere Stoßrichtung:

"Die Leute haben wieder mehr über die Gesellschaft oder über soziale Situationen zu sagen. Und das heißt aber nicht, dass sie weniger Formbewusstsein hätten, es drängt sich nur nicht so in den Vordergrund. Es ist nicht mehr nur Selbstzweck."

Eine Einschätzung, die die Lektoren Susanne Krones von Luchterhand und Jörg Sundermeier vom Verbrecher-Verlag bestätigen:

"Die Texte, also die ich in meiner Auswahl hatte, waren überraschend politisch, sozialkritisch und auch sehr hart in den Themen, wenn es um Familie oder Beziehungen ging, also schon ein sehr realistischer Blick auf eine relativ düstere Welt. Und wenig verspielte Formexperimente oder so."

Jörg Sundermeier: "Es gibt mehr so gesellschaftspolitische Themen und weniger Selbstbespiegelung. So. Aber natürlich ist es so, dass man auch nicht die Politik über das Knie brechen kann, und wer besser selbstbespiegeln kann, soll das auch tun. Das ist jetzt nichts, was ich verlange, das ist nichts, wo ich sage, das muss jetzt unbedingt so gemacht werden, alles andere ist Kack."

Und was ist mit der Lyrik? Lektor Hans Jürgen Balmes vom S. Fischer Verlag, der sich in diesem Jahr mit der Lyrikauswahl befasst hat, ist zufrieden - mit den Auftritten seiner Kandidaten wie auch mit der allgemeinen Qualität der eingesandten Beiträge:

"Im Frühjahr hatte ich das gleiche Verfahren gehabt wie jetzt, ich bekam einen Stapel anonymisierter Gedichte, das waren alles Einreichungen für den Meraner Lyrikpreis und das waren alles Autoren, die schon mindestens ein Buch veröffentlicht hatten. Und was mich am meisten überrascht hatte war, dass das Niveau der Einsendungen hier für den Open Mike, obwohl die Leute noch keine Bücher veröffentlicht haben, höher war als das, was ich im Frühjahr habe lesen dürfen oder müssen. Gesagt: der Open Mike ist inzwischen so eine Institution, dass er Leute anzieht, die ganz genau wissen, was sie hier tun."

Sie wissen es, weil sie es gelernt haben: Rund ein Drittel der Finalisten dieses Jahres kommt aus Schreibschulen, aus Leipzig etwa oder aus Hildesheim. Manche Institute bieten mittlerweile sogar Vorbereitungskurse auf den Open Mike an. Das gefällt nicht jedem. Wird der Open Mike zu einer reinen Schreibschulveranstaltung? Hans Jürgen Balmes hat sich darüber auch schon Gedanken gemacht:

"Ich sehe das auch ein bisschen skeptisch, auf der anderen Seite glaube ich ist es genau das, was die Studenten sonst nicht im Seminar gemacht hätten sondern was sie abends in der Kneipe gemacht hätten, dass sie sich halt irgendwie austauschen über Erfahrungen mit dem Open Mike und wie kommt man da hin und warst du schon mal da und so weiter. Ich glaube das ist eher Ausdruck von dieser Selbstthematisierung des Betriebs, die ich manchmal ein bisschen übertrieben finde."

Jung und Jung-Lektor Günther Eisenhuber, sein Kollege vom Aufbau-Verlag Gunnar Cynybulk und Rowohlt-Lektorin Diana Stübs aber haben an solchen Kursen nichts auszusetzen:

Eisenhuber: "Das ist ja auch legitim, dass die so einen Vorbereitungskurs anbieten, das sagt ja noch nichts darüber, was dort unterrichtet wird. Und für eine Sprachschule finde ich das legitim, weil natürlich der Open Mike ein zentrales Datum im Jahreszyklus ist und weil sich die meisten ohnehin hier einmal bewerben wollen."

Stübs: "Ich finde es respektlos, einen Autor auf seinen akademischen Hintergrund zu reduzieren."

Cynybulk: "Im übrigen ist es nie verkehrt, trainierte Athleten zu haben, die vorher geübt haben, wie es geht."

Am zweiten Tag geht es wieder los mit den Lesungen. Der erste ist René Weisel. Er wie auch sein Lektor Günther Eisenhuber sind mit dem Startplatz durchaus zufrieden:

Rene Weisel: "Ach, ich finde das ist ein ganz dankbarer Startplatz. Also dann sind noch alle halbwegs dabei und - ja, also ich bin dann auch froh, dass es vorbei ist und dann hat man den Tag noch so."

Günther Eisenhuber: "Es ist gut, es ist gut, wie haben es dann hinter uns und können bei den anderen einfach unbeschwert zuhören. Im Hinblick auf den Preis und den Wettbewerb weiß ich nicht. Gut, schlecht, das sieht man dann. Das sieht man dann am Schluss."

Aber es ist nicht ganz so einfach, an einem Sonntag schon um 12 Uhr fit zu sein - hin und wieder stolpert man da schon mal über die eigene Zunge.

Auszug aus Lesung von René Weisel: "Sie hat den Giovanni in der Hand und sie guckt ihn ganz kalt und komisch an, klar, hat ja viel gesehen in ihrem Gewerbe. Und jetzt liegt da der Giovanni mit seiner ganzen Wüsteneinsamkeit, in seinem Staub, der da unten am Boden klebt, und der sich den Weg bahnt, hustend und stotternd an den Tumbleweeds und den Knochen der Büffel, der ausgerotteten, vorbei. Und sie hat nur ein kaltes Lächeln übrig für ihn, hier in ihrem literarischen Saloon, in dem sie ihren Whiskey trinkt und sich das Strumpfband hochschiebt und ihre Zigaretten raucht und die Fliegen verscheucht und an die Zukunft denkt."

Temporeich und ein bisschen holprig geht es also los - aber Günther Eisenhuber findet das nicht so tragisch:

"Der Text braucht das Tempo und er ist halt dreimal über seine Beine gestolpert, aber das hat nichts geschadet, finde ich."

Inhaltlich sind die Texte breit gestreut. Es geht zum Beispiel um den Tod des Großvaters, nämlich bei Mareike Schneider, einer jungen Dame mit schwarzer Mähne, die in Hildesheim Kreatives Schreiben studiert:

Auszug aus Lesung von Mareike Schneider: "Opa starb knapp zwei Stunden nach seinem fünfundsiebzigsten Geburtstag und ziemlich genau zwei Wochen vor seiner goldenen Hochzeit an seinem zweiten Herzinfarkt. Den ersten hatte er knapp überstanden, lange Zeit im Krankenhaus zugebracht und seinerseits die Herzen der Krankenschwestern mit charmanten Kumpeleien schnell erweicht, um bitte nicht die Bettpfanne benützen zu müssen, sondern entgegen ärztlicher Anordnung und mittels ihrer heimlichen Hilfe auf die Toilette gehen zu dürfen. Er war entlassen worden mit absolutem Schonungsgebot und dem ärztlichen Hinweis, dass er einen zweiten Infarkt nicht überleben werde. Letzteres erfuhren wir allerdings erst sehr viel später. Er hatte den Weg vom Krankenhaus bis nach Hause sehr bedächtig zu Fuß zurückgelegt und unterwegs jeden Bekannten namentlich angesprochen, ein kurzes, aber herzliches Gespräch geführt und sich sichtbar darüber gefreut, dass er am Leben war."

Im Netz von ratternden Zahlen

Oder es geht um eine Beziehung zwischen Halbgeschwistern, wie bei Simon Kalus, Student des deutschen Literaturinstituts, der sich mit diversen Brotjobs über Wasser hält:

Auszug aus Lesung von Simon Kalus: 

"Maria will Stefan heiraten.
Stefan träumt davon, in den Dschungel zu den Affen zu ziehen. Vielleicht fände er da wahre Freunde. Und da könnte er auch mit Maria rummachen, Halbschwester hin, Halbschwester her. Die Affen fänden das sicher i. O.
Jedenfalls wäre alles leichter, denkt Stefan, wenn da nicht das Kinderthema wäre. Das Mutantendamoklesschwert, das über ihnen schwebt, das Inzeststigma."

Oder auch um einen Afghanistan-Heimkehrer, wie bei Simone Kanter, einer quirligen jungen Dame mit flottem, kurzen Lockenkopf:

Auszug aus Lesung von Simone Kanter:

"Der aus Afghanistan mit dem Dreck am Stecken sitzt hier, und ich weiß nicht, wie lange er sitzen bleiben wird. Er sitzt auf meinem Kissen. Auf dieses Kissen legte ich oft den Kopf, aber nun werde ich den Kopf nicht mehr auf dieses Kissen legen können, denn auf diesem Kissen sitzt er. Und wo jemand drauf saß, da lege ich meinen Kopf nicht mehr hin. Sitzt da und krault sich mit den langen Fingern im dichten Barthaar. Ohne Bart hätte er mehr Gesicht. Und ich betrauere mein Kissen, das unter dem Gewicht knautscht und seine Kopfkissigkeit verliert, schon verloren hat. Bedauern kommt vor betrauern, denke ich und tue nichts weiter dagegen."

Simone Kanter kann erst nach ihrer Lesung richtig durchatmen - denn da war das ständige Problem mit dem Wasserglas:

"Ich hatte vor Aufregung einen sehr trockenen Mund und habe mir gedacht: scheiße, man hört es, hab mmm gemacht, die ganze Zeit und habe dann wirklich das Wasserglas immer so gehalten und dann habe ich gedacht: nee, bei dem Absatz kannst du jetzt nicht trinken, du kannst da keine Pause machen, das gehört aneinander. Da ging es mir kurz schlecht beim Lesen ja. Diese Überlegung: wann baue ich diesen Schluck ein.

Martin Piekar hat seinen Favoriten unter den Prosaautoren bereits ausgemacht:

"Gerasimos Bekas, weil er Dialoge hat, die funktionieren, die authentisch und realistisch wirken, er hat eine tolle Geschichte, die facettenreich ist und tolle Charaktere aufweist."

Auszug aus Lesung von Gerasimos Bekas: 

"Derya zieht an dem Stummel, der von ihrer Zigarette übrig geblieben ist. Sie hält ihn zwischen Daumen und Zeigefinger geklemmt, wie sie es sich mit dreizehn angewöhnt hat. Die Sonne ist kaum noch zu sehen. Der Himmel über ihr leuchtet rot.
"Morgen wird ein schöner Tag", seufzt Derya, "und ich habe zwei Klausuren."
"Es gibt Leute, die arbeiten", raunt Boss.
"Das sagt der Richtige. Als ob du schon mal gearbeitet hättest, Mister Beamtenkind. Geh Kuchen backen, ich werde hungrig sein."
Der Proletarier in Boss, der eigentlich Charalambos heißt, lässt seine leere grüne Bierflasche hinter sich an der Wand zersplittern und geht.
"Da ist Pfand drauf, du Depp. Der Günni sammelt doch!", ruft Derya ihm hinterher. Boss steckt die Hände in die Hosentaschen und schlendert, ohne sich noch einmal umzudrehen, Richtung Brücke."

Dabei war Gerasimos Bekas, der kleine Deutsch-Grieche, mit seinem Startplatz am zweiten Tag eigentlich gar nicht so glücklich:

"Für die eigene psychische Verfassung ist es schon eine Herausforderung, also obwohl ich das vorher nicht so gedacht hätte, glaube ich wäre es schon einfacher gewesen, gestern einfach das gleich weg zu haben und dann heute entspannt dann irgendwie den Tag ausklingen zu lassen..."

Und die Lyriker? Auch sie sind wieder am Start, mit Walter Fabian Schmidt etwa, der mit Baskenmütze auftritt und eine kuriose Melange aus Netzwelt und realer Existenz in Gedichte gepackt hat:

Auszug aus Lesung mit Walter Fabian Schmidt: 

"Du zappelst im Netz von ratternden Zahlen. Chiffrenflut im galaktischen Nebel. ONCE YOU'LL BE SOFTWARE, NOT HARDWARE. Die ID ist eh nur eine IP. Beware of TURING's MAN. The most complete cross of artificer and artifact. YOU'RE JUST CONCEPT ART. Präzis präskribiert. Ich hab dich vor Jahren berechnet. Bis zum Tod. Dasein ist ein leichtes Entscheidungsproblem. True or false? Auch Nichtexistenz existiert. Was tust du für 100%-ige Wahrheit? Schau mir tief ins Interface. Unsere Spannung elektrisiert den Gedankenstrom."

Walter Fabian Schmidt ist ein Kandidat, dem Martin Piekar ganz fest die Daumen drückt - nicht nur, weil die beiden befreundet sind:

"Weil er mich am meisten zum Nachdenken gebracht hat, weil er Bilder hatte, die ich neu fand, weil er so viele Wortfelder hatte, die er miteinander verbunden hat, die man sonst nicht in Verbindung sieht, und es hat funktioniert für mich."

Und dann sind die Lesungen vorbei, die Jury zieht sich zur Beratung zurück - und für die Finalisten heißt es: warten. Das tun sie geduldig oder weniger geduldig, im Gespräch mit Freunden und Familie oder bei einer Zigarette.

Finalisten vor der Preisverleihung:

Walter Fabian Schmidt: "Es ist schön, weil man jetzt schon ein bisschen resümiert, mit den anderen ins Gespräch kommt - nee, wir freuen uns eigentlich gemeinsam drauf."

Felix Schiller: "Wir Lyriker unter uns waren jetzt eigentlich alle einig, dass eigentlich alle den Preis verdient hätten so, und dass an der Güte der Texte, die dabei waren im Endeffekt die Lyrik gewonnen hat, so, und das ist dann auch gut."

Özlem Özgür Dündar: "Es waren halt sehr viele sehr gute Texte dabei, und ich bin also gespannt, aber auch irgendwie ganz ruhig, seltsamerweise."

Simon Kalus: "Na ja, so indifferent bis leichtes Magengrummeln oder so."

Mareike Schneider: "Ich glaube, wir sind alle völlig verängstigt und haben Angst vor der Enttäuschung, aber tun so, als wär's dann nicht enttäuschend."

Simone Kanter: "Ja, jetzt kommt so ein bisschen Nervosität wieder, aber es ist auch ok. Wäre auch glaube ich komisch, wenn es nicht so wäre."

Pascal Richmann freilich hat ganz andere Sorgen als die Frage, wer denn nun den Hauptpreis mit nach Hause nehmen darf:

"Ich will, dass Borussia Dortmund heute gewinnt, weil die auf dem letzten Tabellenplatz gerade stehen und um 17.30 Uhr, wenn das hier vorbei ist, wird das Spiel Borussia gegen Mönchengladbach angepfiffen, und tatsächlich ist das meine größere Sorge heute. Ist wirklich kein Scheiß! Ist so!"

Die gute Nachricht für Pascal: Borussia Dortmund wird an diesem Abend tatsächlich gewinnen, mit 1 zu 0, immerhin. Warten müssen auch die Lektoren, aber sie tragen's mit Fassung:

Lektoren vor Preisverleihung: 

Eisenhuber: "Es wird schon den Richtigen treffen, das war doch noch nie so."

Cynybulk: "Wir sind total gespannt, wir sind überhaupt nicht in der Lage, abzusehen, wer es dann wird, wir sind total gespannt auf die Juryentscheidung."

Susanne Krones: "Weniger aufgeregt als neugierig, weil ich gespannt bin, was sie für Kriterien anlegen, wie sie sich entscheiden. Ob sie einen Lyrikpreisträger machen oder mehrere, all diese Fragen..."

Jörg Sundermeier: "Ich will drei Preise für meine drei Mädels; das kriegen wir leider nicht, aber ich will sie haben."

Die Ehemaligen sind ebenfalls ein wenig angespannt, Maren Kames etwa, die Lyrikpreisträgerin des vergangenen Jahres:

"Ich glaube, ich krieg gleich auch Herzklopfen. Und dann mischt sich wahrscheinlich auch die Erinnerung ans letzte Jahr mit rein, da bin ich echt mal gespannt drauf. Ob ich so einen Flashback kriege."

Bei Martin Piekar kommen Erinnerungen an den Open Mike 2012 hoch, an jenen Moment, als der Lyrikpreisträger bekannt gegeben wurde:

"Ich glaube das markanteste Wort - das zweitmarkanteste Wort, "Bastard" wurde nicht erwähnt in der Laudatio, aber "Kirschblüten", und als das erwähnt wurde, hat's plötzlich im Raum zu jubeln angefangen. Weil jeder wusste, dass ich es war und es war Jubel für mich, es war nicht nur ich, und das hat mich sehr gefreut, ich glaube, das war die schönste Erinnerung an dieses Wochenende. Dass Leute für mich gejubelt haben. es bereitet mir heute noch Gänsehaut, wenn ich daran denke, weil es einfach ein sehr berührender und sehr schöner Moment war."

Der Open Mike nähert sich seinem Höhepunkt: Das Publikum kehrt langsam in den Saal zurück, die Finalisten und ihre Fans nehmen ihre Plätze ein. Und dann geht es endlich los, mit dem von der taz ausgelobten Publikumspreis, der eine Veröffentlichung des ausgewählten Textes in einer Ausgabe der Zeitung beinhaltet:

"Wir verleihen den taz-Publikumspreis an den Autor des Textes "Feierabend", an Gerasimos Bekas"

Wer erhält den zweiten Prosapreis?

Fast kann er es nicht glauben, der junge Mann, der schon ein deutsch-griechisches Theaterensemble auf die Beine gestellt hat, und der jetzt zuallererst, noch bevor er einen kurzen Auszug aus seinem Text liest, eine Entschuldigung an seinen Sohn richtet:

Gerasimos Bekas: "... ich habe ihn nämlich eben gefragt, er ist drei Jahre alt, wie ihm das gefallen hat, wie ich eben gelesen habe, und er hat gesagt, es war nicht so toll, ich hätte eine Geschichte mit einem Auto und einem Kind erzählen sollen. Und ich hole das heute Abend nach, wollte ich nur sagen."

Lesung von Bekas: 

"Manche Leben haben Überlänge. Besser werden sie dadurch nicht. Nur teurer." Günni zieht den roten Faden der Klospülung und beobachtet, wie Lev seinen Kulturbeutel ordnet.
"Du meinst wie Kinofilme?", fragt Lev, geht auf ihn zu und hebt Günni von der Kloschüssel.
"Ja, Kurt Cobain zum Beispiel. Er hat es richtig gemacht und einen grandiosen Kurzfilm abgeliefert. Kawumm mit siebenundzwanzig. Ich werde zweiundsiebzig."
"Hast dich gut gehalten."
"Halt die Fresse."

Bei der Aufteilung der weiteren Preise hat die Jury mehr oder weniger freie Hand. Und deshalb hat sie sich, wie schon in den vergangenen Jahren, dafür entschieden, drei Preise zu vergeben:

Andreas Maier: "Wir haben neben dem für uns völlig klaren Favoriten also noch einen Preis an Lyrik und einen weiteren an Prosa vergeben."

Und wer erhält diesen zweiten Prosapreis? Andreas Maier macht es kurz:

"Das ist der Text von Mareike Schneider, "Holzmieten", Dank und herzlichen Glückwunsch."

Das kommt recht unerwartet für die Preisträgerin, die sich als ziemlich abergläubisch erweist:

Mareike Schneider: "Ich habe das jetzt nicht vorbereitet, weil es Unglück bringt, dachte ich, wenn man sich vorbereitet..."

Lesung von Schneider: "Mein Opa, den ich also nur Opa nenne, weil ich es immer so getan habe, starb knapp zwei Stunden nach seinem fünfundsiebzigsten Geburtstag und ziemlich genau zwei Wochen vor seiner goldenen Hochzeit. Abgesehen von der tragischen Existenz der immensen Klopapierrollentorte und den lustigen Reimen, die wir für die goldene Feier bereits zu basteln begonnen hatten, wurde sein Tod von der Ironie überschattet, die sich daraus ergab, dass wir lange geglaubt hatten, eine Jubiläumsfeier wie diese würde er wegen seiner TBC-Lunge ohnehin niemals erleben, weshalb knapp fünfundzwanzig Jahre zuvor eine silberne Hochzeit gefeiert wurde, wie sie sich nur Staatsbeamte leisten würden."

Der Lyrikpreis interessiert Martin Piekar ganz besonders. Schließlich kennt er viele Teilnehmer persönlich und hat einige Favoriten. Und dann verkündet die Berliner Schriftstellerin Marion Poschmann den glücklichen Gewinner...

"In der Tradition solcher Wettbewerbe – wie diesem - gilt es als unmöglich, mit der Startnummer 1 einen Preis zu gewinnen. Wir möchten diese Regel durchbrechen und vergeben den Lyrikpreis an Robert Stripling für seine Prosagedichte."

...und Martin Piekar ist ganz aus dem Häuschen:

"Ich freu mich sehr für ihn, das ist super, er ist mit der Nummer eins gestartet, das ist fast eine Unmöglichkeit und ich freue mich so, er hat alle weggeblasen, er war der beste Anfang, den ich seit langem gesehen habe, bei einem Wettbewerb, es ist großartig, es ist toll, es ist super!"

Robert Stripling selbst bleibt ganz gelassen, findet nur die Blumen etwas lästig...

Robert Stripling: "Dieser Blumengeruch - brrrr!"

Lesung von Stripling: "Die Geschichte geht folgendermaßen: jeder, der sie anders erleben wird. Auch müssen wir nah herantreten; müssen tasten, bis sich sämtliche Nähe auflöst & abhanden geht - ein Bindfaden, in der Mittagshitze gerollt; draußen verhangen, im Geäst. Die Geschichte, die ich meine, scheint wie auf engem Steg zugeflüsterte, zischend, bevor man abspringt, auf die andere Seite. Den Absturz vermeidend. Vermieden wird auch, dass jemand kaputtgeht, dass jemand kippelt auf glitschigem Stamm."

Fehlt noch der Hauptpreis. Den verkündet ein ehemaliger Open-Mike Preisträger, nämlich Juror Björn Kuhligk, der 1997 selbst den Wettbewerb gewonnen hatte:

"Den mit 3.500 Euro dotierten Hauptpreis erhält Doris "Demokratie deine Mutter" Anselm."

Martin Piekar: "Yeah, Doris, ich habe sie am Freitag kennengelernt, ich freue mich sehr für sie, ist ein großartiger Text, yeah, ist toll, sie hat gerockt, es war super!"

Doris Anselm bleibt ganz cool - wenigstens nach außen:

"Danke!"

Lesung von Anselm: "Wir sitzen Springbrunnen. Ich sage: Wir müssen jetzt alles geben. Wenn du was willst, musst du alles geben. Deshalb die Chicks lassen sich die teuersten Nägel machen, Metallic mit Stein. Alle essen ein Softwitch. Wer schafft, zwei. Oder mit Getränk. Wir gehen Sanipay und werfen die Gutscheine in den Müll. Unser ganzes Geld bleibt bei Center. Aber die Krieger sind dann trotzdem weg weil nur noch zwei Wochen. (Die Museumstafeln sind noch da. Ich schreibe was ab, weil keiner redet: Aufrecht und in Reihen standen Figuren verschiedenster Dienstgrade in der Grube. Generäle, aber auch einfache Soldaten. Ein Fußsoldat in der Armee Ying Zhengs hatte nicht die Möglichkeit, sich zu ergeben."

Da stehen sie also jetzt, die glücklichen Gewinner, und sind noch ein bisschen verwirrt. Gerasimos Bekas droht, hinter dem großen Blumenstrauß fast zu verschwinden:

"Krass. Ich habe nicht damit gerechnet, freue mich sehr, die taz hat noch niemanden reich gemacht, von daher ist es ganz lustig, zumindest eine breitere Leserschaft zu finden."

Mareike Schneider weiß nicht, ob sie feiern oder einfach schlafen gehen soll:

"Ich habe nicht geplant für den Abend, ich dachte, ich lasse es so auf mich zukommen. Wahrscheinlich feiere ich jetzt irgendwie. Also vermute ich mal, aber ich - vielleicht gehe ich auch einfach nur schlafen. Ich weiß es nicht."

Robert Stripling hat noch gar nicht richtig begriffen, was da passiert ist:

"Noch bin ich überfordert. Also vollkommen. Das werde ich irgendwann vielleicht ein bisschen mehr realisieren als jetzt."

Martin Piekar: "Robert ich gratuliere dir ganz herzlich, es freut mich sehr, dass du diesen Preis bekommen hast, es ist großartig!"

Robert Stripling: "Martin ist überall da, wo ein Mikrophon ist..."

Und Doris Anselm? Sie fürchtet für ihre Gesundheit:

"Das Herzklopfen wird glaube ich noch ein paar Tage anhalten, ich schätze, ich muss dann zum Arzt."

und nimmt Gratulationen entgegen, auch von Martin Piekar:

"Doris, ich freue mich für dich, dein Text hat super gewirkt auf das Publikum, super auf die Jury gewirkt, dein Text ist super. Ich freue mich, dass du diesen Preis bekommen hast, das ist großartig!"

Doris: "Danke!"

Martin: "Doris Demokratie deine Mutter Anselm - das ist so cool, wie er das gesagt hat!"

Doris: "Ich fürchte, dieses Label habe ich jetzt weg und werde die nächsten drei Jahre meines Schreibens wahrscheinlich nur damit verbringen, das wieder loszuwerden, dieses Demokratie deine Mutter..."

Martin: "Du musst nichts loswerden, musst nur weitermachen!"

Doris: "Mach ich!"

Erst später, in einer ruhigen Ecke, kann sie anfangen, sich richtig zu freuen.

Doris Anselm: "Wenn man sich mit seinem Schreiben verstanden fühlt, von vielen Menschen, oder von Menschen, dann ist das ein unglaubliches Gefühl, das ist so - es ist so als ob man plötzlich neue Freunde hat, nicht im Sinne von: mit denen unternimmt man was, sondern Menschen, die einen auf einer ganz tiefen Ebene verstanden haben. Und dass man das selber geschafft hat, mit einem Text, den man geschrieben hat, das ist mit keinem anderen Gefühl vergleichbar."

Und was ist mit jenen, die leer ausgegangen sind? Sie tragen es mit Fassung:

Simone: "Ich freue mich, dass morgen ein ganz normaler Arbeitstag ist. Ehrlich gesagt freue ich mich da drauf. Morgen einfach wieder in einem anderen Alltag anzukommen. Ich habe mir vorher schon so ein Trostkonstrukt zurechtgebaut, allein die nächsten zwei Wochen nicht auf die Lesereise gehen zu müssen, kommt mir sehr recht, ich habe zur Zeit ein größeres Projekt in Angriff und da ist - jede Sekunde ist da wertvoll, deswegen."

Nora Linnemann: "Es war auch sehr anstrengend, muss ich auch ganz ehrlich sagen, einfach viele Leute treffen, quatschen, die ganze Zeit hier draußen stehen, viel zu viel zu rauchen..."

Felix Schiller: "Ich bin nicht enttäuscht, ich freu mich über das Wochenende. Weil es doch ziemlich toll war."

Glücklich sind hingegen die Lektoren. Gunnar Cynybulk freut sich über den Publikumspreis für Gerasimos Bekas:

"Ja, ich freue mich auch, dass dieser Text, dieser sozial engagierte Text so gut angekommen ist bei der taz. Besser geht's nicht. Ich bin glücklich."

Jörg Sundermeier ist stolz auf den Hauptpreis für Doris Anselm

"Super! Finde ich schön, mein Team! Ich hätte die beiden anderen auch gerne auf dem Siegertreppchen gesehen, das nächste Mal."

Und Rowohlt-Lektorin Diana Stübs amüsiert sich über Mareikes Umgang mit dem Champagner:

"Ich hatte auch einen Champagner für sie dabei, den hat sie da unten verschüttet, also es gibt eine Champagnerpfütze im Raum (lacht). Aber immerhin hat sie heute schon Kontakt mit Champagner gehabt, das ist doch schön."

"Man fiebert mit, man hofft, man wünscht"

Auch für die Juroren geht ein anstrengendes Wochenende zu Ende, ein Wochenende mit vielen Eindrücken und Entscheidungen. Andreas Maier räsoniert über seine Verantwortung als Juror:

"Es bereitet eigentlich nur Schmerzen, Es gab viele Texte, die waren wirklich gut, und wer bin ich überhaupt, urteilen zu dürfen über Texte und eigentlich auch Karrierebeginne anderer Leute, wir haben das schon sehr ernst gemeint und sehr ernst gemacht, was wir hier machen, aber eigentlich - eigentlich ist die Verantwortung zu groß, ich meine, so läuft der Betrieb und ich habe vor 15 Jahren von sowas auch sehr profitiert, aber mir tut es eigentlich immer sehr sehr weh."

Für Björn Kuhligk war die Aufgabe als Juror etwas Besonderes - immerhin hat er mit dem Open Mike vor mehr als 15 Jahren seine Karriere begonnen:

"Fühlt sich geradezu erwachsen an und ja, auch in irgendeiner Form groß geworden in der - Literaturbetrieb vielleicht oder in dieser ganzen Open Mike Sache. Ich spüre ich bin älter geworden."

Und wie war es jetzt für ihn, in der Jury zu sitzen und die Texte der Jungautoren zu bewerten? Irgendwie hat es Spaß gemacht, meint er, meistens jedenfalls:

Björn Kuhligk: "Es waren natürlich Texte auch darunter, die mir nicht so zugesagt haben, auch der eine oder andere Text, den ich geradezu langweilig fand, aber so der Spaß überwog, weil eben auch Texte darunter waren, die ich sehr spannend fand und - ja."

Glücklich ist auch Organisatorin Jutta Büchter von der Literaturwerkstatt, glücklich darüber, dass alles gut gegangen ist:

"Die Preisverleihung war ganz toll, tolle Preisträger, wie ich finde, organisatorisch alles wunderbar gelaufen, trotz der ganzen erschwerten Bedingungen wie Streik, 25 Jahre Mauerfall; ich bin eigentlich total zufrieden, auch damit, dass es jetzt dann für ein Jahr rum ist, obwohl es jetzt noch weitergeht, wir haben eine Lesereise, wir haben einen Workshop im Februar, und wenn der rum ist, dann haben wir die neue Ausschreibung. Deswegen gilt auch jetzt der Satz: nach dem Open Mike ist vor dem nächsten Open Mike 2015."

Und schließlich ist auch Martin Piekar rundum zufrieden - zufrieden, seine Freunde und Kollegen wieder getroffen zu haben und zufrieden mit den Preisträgern, die er noch einmal Revue passieren lässt:

"Ich freue mich sehr für Gerasimos Bekas, es ist ein großartiger Text, die Dialoge sind so gut ausgearbeitet, wie ich lange in der Literatur keine guten Dialoge mehr gesehen habe. Robert Stripling, ich hatte Bedenken, ich habe immer Bedenken bei ihm, weil er sehr verkopft ist und die Gedichte sehr, sehr nachdenklich und sie erfordern einen genauen Blick. Doris Anselm, tolle Person, man hat nett gequatscht, dann habe ich sie lesen hören, dann wusste ich, wow, da steckt was dahinter, interessanter Text, interessanter Aufbau, Demokratie deine Mutter, das wird jetzt hoffentlich ihr Kampfname: Doris Demokratie deine Mutter Anselm..."

Im kommenden Jahr wird Martin Piekar auf jeden Fall wieder mit dabei sein, schließlich fühlt er sich dem Open Mike verbunden, ist Teil der großen Open-Mike-Familie. Und auch wenn er das Wochenende als durchaus anstrengend empfunden hat, so war es das schließlich auf eine gute Art und Weise.

"Man ist als Gast auch aufgeregt, angespannt, man fiebert mit, man hofft, man wünscht, man quatscht, man ist dauernd unterwegs und das ist gar nicht so entspannt wie man denkt, aber ich würde jedem empfehlen, das mitzumachen."

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