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Lesart | Beitrag vom 24.10.2018

Lesekreise im Wandel#TwitLektüre – digitale Lesekreise

Claudia Dürr im Gespräch mit Joachim Scholl

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Eine Frau betrachtet eine Welt aus Büchern. Bücher fliegen umher, dazwischen Hashtags. (imago / Ikon Images / Montage: DLF Kultur)
Auch Lesekreise werden digital. (imago / Ikon Images / Montage: DLF Kultur)

In Lesekreisen wird manchmal heftig gestritten, mitunter entstehen aber auch Freundschaften, sagt die Literaturwissenschaftlerin Claudia Dürr. Auch in sozialen Netzwerken wie Twitter gibt es inzwischen Lesekreise.

Joachim Scholl: Ich war mal in einem über 20 Jahre lang, und von mehreren Kollegen weiß ich, dass sie einen haben, einen Lesekreis nämlich. Man kommt zusammen, hat ein Buch vorher gelesen und tauscht sich jetzt darüber aus. Über dieses spezielle und auch, wie ich finde, wunderschöne Lesen weiß Claudia Dürr ganz viel. Sie ist Literaturwissenschaftlerin, kommt aus Österreich, und sie erforscht solche Lesekreise. Jetzt sind wir mit Claudia Dürr verbunden in Wien. Willkommen im Deutschlandfunk Kultur, guten Tag, Frau Dürr!

Claudia Dürr: Guten Tag, Herr Scholl!

Scholl: Wie kamen Sie denn zu diesem Forschungsgebiet Lesekreis, Lesezirkel? Waren Sie selber in einem?

Dürr: Ich habe selber keine persönlichen Erfahrungen mit Lesekreisen, allerdings ist das tatsächlich immer die erste Reaktion, wenn man darüber spricht, dass das Gegenüber so reagiert und selber erzählt, an einem Lesekreis teilgenommen zu haben. Uns Germanistinnen interessiert im Grunde eine Leerstelle der Germanistik, nämlich wie sprechen konkrete Leserinnen und Leser, die nicht beruflich mit Literatur zu tun haben, über Belletristik, und dafür sind solche Lesekreise natürlich der geeignete Ort.

Scholl: Dazu ist ein Forschungsprojekt gegründet worden, und da haben Sie neun Monate lang einen Lesekreis beobachtet. Wer hat denn da dazugehört?

Dürr: Richtig. Also wir haben uns für eine teilnehmende Beobachtung solcher privater Lesekreise entschieden als Forschungsdesign. Ich habe einen Wiener Lesekreis mittels Tonbandaufnahmen begleitet, die Diskussionen aufgezeichnet. Und das war ein in vielerlei Hinsicht, würde ich sagen, typischer Lesekreis, weil er nur aus Frauen besteht, bestanden hat.

Scholl: Frauen lesen Romane, wie immer.

Dürr: Sie lesen nicht nur, sondern sie sind auch in Lesekreisen, würde ich sagen, überwiegend. Der Kreis besteht seit zehn Jahren, das heißt, wenn hier jetzt immer von Trend gesprochen wird, dann würde ich ein bisschen vorsichtig sein und würde sagen, Lesekreise sind sichtbarer geworden, aber es gibt sehr, sehr viele Lesekreise, die im Privaten bestehen und eben seit sehr vielen Jahren bestehen.

Verlage entdecken Lesezirkel für sich

Scholl: Also das Thema hat in letzter Zeit größere Kreise gezogen, die Lesekreise, die Lesezirkel. Vor einigen Monaten ist ein erstes großes Lesekreishandbuch erschienen, Verlage und Institutionen arbeiten mit Lese-Onlineportalen zusammen, man will auch verstärkt eine Leserbindung durch dieses Engagement. Es ist eine interessante Entwicklung, Frau Dürr. Was geht da vor sich, Ihrer Meinung nach?

Dürr: Ja, das ist sehr auffällig. Also seit ich mich mit dem Thema beschäftige, seit etwa drei Jahren, würde ich sagen, hat das Thema enorme Aufmerksamkeit erfahren. Ich finde das auffällig. Allerdings auch nicht so verwunderlich, denn natürlich findet die Branche jetzt in solchen Kreisen Leserinnen und Leser. Man muss auch nicht befürchten, wie bei dem Trend zu Literaturveranstaltungen oder Lesungen, den man ja auch schon x-fach ausgerufen hat, dass hier das soziale Erlebnis die vermeintlich einsame Lektüre ersetzt. Nein, im Gegenteil, gerade die "Selbstverpflichtung", regelmäßig zu lesen, ist eben für viele Mitglieder das zentrale Motiv, einem solchen Kreis beizutreten.

Scholl: Das ist ja jetzt schon so ein Ergebnis Ihrer neunmonatigen teilnehmenden Beobachtung. Das heißt, Sie haben auch mit den Teilnehmern da in dem Lesekreis ja gesprochen wahrscheinlich über diese Art des Lesens.

Dürr: Selbstverständlich. Also wir haben auch Fragebogen verteilt, eine Fragebogenerhebung durchgeführt, wir haben die Leselisten analysiert.

Scholl: Was wurde denn da gelesen, erzählen Sie mal.

Die zentrale Frage: Welches Buch soll gelesen werden?

Dürr: Also die Buchauswahl ist natürlich ein zentrales Thema bei allen Lesekreisen. Bei unseren wurde das mittels Ritualen sehr ausführlich diskutiert, jeweils am Ende. Das ist ein interessanter Abschnitt bei jeder Diskussion, weil hier natürlich unterschiedliche Einflüsse deutlich werden. Persönliche Vorlieben, aber auch sowas wie Literaturpreise spielen eine Rolle, ob ein Buch gewählt wird. Es wird gelesen von zeitgenössischer österreichischer Belletristik bis zu kanonisierter Literatur. Literaturpreise spielen, wie gesagt, keine so untergeordnete Rolle, aber – und das ist jetzt vielleicht die Enttäuschung für alle Verlage und Ratgeber – es gibt nicht das Lesekreisbuch.

Scholl: Aber sagen Sie doch mal vielleicht einen Titel. Was wurde denn da so vorgeschlagen in dem Kreis, in dem Sie waren?

Dürr: Also in meinem Kreis wurde zum Beispiel Angelika Reitzer gelesen, "Wir Erben", oder es wurde auch Jelinek, "Die Liebhaberinnen", gelesen. Dann ist oftmals bei solch kanonisierter Literatur sehr auffällig, dass man sich doch an Experten orientiert, also gerade was die Bewertung von Sprache und Stil betrifft. Da zitieren diese Gruppen auch gerne jene, die sie dann doch als Expertinnen und Experten wahrnehmen, und selber versteht man sich doch sehr stark als Leserinnen und Leser und nicht als Kritiker.

Lesen und Streiten

Scholl: Damals war unsere Grundlage, dass wir sagten, wir wollen alle Bücher lesen, die man immer schon mal lesen wollte, aber nie die Zeit dazu hatte, sie zu lesen. Wir haben dann, glaube ich, angefangen mit "Tristram Shandy" und dann so Denis Diderot, "Jacques le fataliste", und dann durch die große Weltliteratur. Das war natürlich einfacher, aber es war auch irgendwie toll.

Was würden Sie denn jetzt nach diesen neuen Monaten, also wo Sie praktisch da mitgemacht haben oder dabeigesessen haben bei diesem Lesekreis, was würden Sie denn für ein Fazit ziehen? Was ist das denn für eine soziale Funktion, Komponente, dieses gemeinsame Lesen?

Dürr: Also wir haben ja drei Fallstudien durchgeführt mit sehr unterschiedlichen Kreisen. Meine Kolleginnen an der Klagenfurter Uni haben eben dort zwei Kreise beobachtet, und ich würde sagen, dass Lesekreise vielerlei Funktionen erfüllen, aber eben die perfekte Kombination sind aus sozialem Erlebnis und eben das verstärkte Lesen wieder zu praktizieren.

Es ist hat auch sehr stark identitätsstiftende Momente, also das heißt, die Teilnehmer profitieren nicht nur hinsichtlich der Literatur, sondern auch sehr stark für das eigene Leben. Also das ist sehr stark rausgekommen, dass man Texte oft auch als Sprungbrett nimmt, um tatsächlich auch über eigene Lebenserfahrungen zu sprechen.

Scholl: Gab es da auch mal Krach?

Dürr: Ja, häufig. Also meine Gruppe ist eine sehr kritische Gruppe, und die hat ordentlich ausgeteilt auch gegen manche Autorinnen und Autoren, und die eigene Meinung wird stets sehr vehement verteidigt. Allerdings ist das Spannende ja, dass man sich einen Lesekreis nicht so vorstellen sollte, dass man mit einer vorgefertigten Meinung reingeht und mit dieser wieder rausgeht, sondern dass eben gerade das Gespräch sehr großen Einfluss darauf hat, wie man die Texte sieht.

Lesezirkel auf Twitter

Scholl: Bei uns flogen wirklich Leute raus, weil die dann manchmal so arrogant waren gegenüber den anderen, dass man dann irgendwie sagte: Du, das hat keinen Zweck mit uns. Lassen Sie uns jetzt mal den Kreis erweitern sozusagen. Diese traditionellen Kreise, also wir treffen uns, diskutieren von Angesicht zu Angesicht, haben ja durch das Internet auch eine ganz neue moderne Form angenommen, auch die Popularität der Lesekreise ist dadurch gewachsen. Diese digitalen Lesegruppen, die haben auch Kolleginnen von Ihnen, glaube ich, in diesem Forschungsprojekt verfolgt?

Dürr: Genau. Wir hatten das auch als ein Forschungsinteresse, uns diese Gruppen – beziehungsweise teilweise sind es ja Plattformen – anzuschauen, und auch hier gibt es natürlich unterschiedliche Formen, also entweder kommerziell angebunden, Goodreads beispielsweise stellt solche Foren zur Verfügung, aber es gibt auch natürlich private Gruppen in sozialen Medien.

Was diese Diskussionen unterscheidet, ist schon häufig, dass eben keine langjährigen freundschaftlichen Beziehungen dahinterstecken, daher die Fluktuation durchaus größer sein kann. Das heißt, man macht mit, man gibt ein Statement ab und man ist auch wieder weg. Die Gesprächsinhalte bleiben eher beim Text, weil man ja privat weniger Gemeinsamkeiten womöglich teilt.

Dennoch ist es eine sehr spannende Möglichkeit, Lektüreeindrücke auszutauschen, gerade durch dieses asynchrone Diskutieren und Lesen. Also ich habe selber kürzlich jetzt doch auch bei einem Twitter-Lesekreis mitgemacht, weil es mich als Versuch interessiert hat.

Scholl: Aha, erzählen Sie mal. Twitter ist ja dann 280 Zeichen.Was wurde da gelesen?

Dürr: Es war ein theoretischer – den gibt es auch noch unter #TwitLektüre –, da wird Theoretisches gelesen, keine Belletristik, und wir haben zum Beispiel von Beard "Women and Power" gelesen oder von Goldsmith "Uncreative Writing". Ich fand das sehr spannend, so kurz und knapp seine Eindrücke mitzuteilen, und ich kann nur sagen, die Motivation wirkt. Ich habe beim dritten Mal dann keine Zeit gehabt mitzumachen und hatte ein irrsinnig schlechtes Gewissen, und jetzt für Oktober muss ich auch Gas geben.

Scholl: Ja, aber da kann man doch flunkern. Da kann man doch auf 100 Zeichen schreiben: Fand ich ganz gut, die Argumentation schlüssig, prima Buch.

Dürr: Das ist sehr viel anspruchsvoller. Wir gehen richtig in Details.

Scholl: Wird man sich in Zukunft mehr digital über Bücher austauschen als analog, was glauben Sie?

Dürr: Ich denke, es wird beides sicher länger geben als man jetzt darüber spricht. Ich denke eher, dass sich die Schnittstelle verstärken wird, also analog-digital, aber dass es sicher diese Face-to-Face-Gruppen weiterhin geben wird. Was spannend sein wird, ist, ob die Verlagsangebote angenommen werden. Das ist im anglo-amerikanischen Raum ja schon viel länger eingeführt, und das wird man für den deutschsprachigen Raum sicher künftig erforschen können.

Lesekreise sind so individuell wie die Leser

Scholl: Also dass sozusagen Verlage praktisch Lesekreise organisieren und fördern. Aber Sie sagten schon, die Hoffnung der Verlage sehen Sie doch ein bisschen begrenzt, dass hier also neue Kunden, neue Leser gewonnen werden.

Dürr: Ich würde nicht sagen, dass ich das begrenzt sehe. Es gibt nur, glaube ich, kein schematisiertes Angebot, weil die Lesekreise so individuell und so unterschiedlich sind wie Leserinnen und Leser. Und man wird da sicher feilen müssen, was man diesen Kreisen zur Verfügung stellt. Aber es gibt bislang schon sehr schöne Seiten von Hanser etwa mit Zusatzmaterial, das durchaus auch für Nichtlesekreisteilnehmer attraktiv ist.

Scholl: Gemeinsam ist jedenfalls schöner. Lesekreise – analog um den Tisch oder digital am PC. Wir haben die Einschätzungen von Claudia Dürr gehört, der Literaturwissenschaftlerin aus Wien. Danke Ihnen dafür und alles Gute!

Dürr: Vielen Dank, gerne!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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