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Radiofeuilleton - Kino und Film / Archiv | Beitrag vom 24.03.2013

Lernen, wieder ein Affe zu sein

Dokumentarfilm "Unter Menschen" zeigt die Sozialisierung von ehemaligen Labor-Versuchstieren

Christian Rost und Claus Strigel im Gespräch mit Ulrike Timm

Artgerechte Haltung: Ein junger Schimpanse futtert Früchte der Natal-Feige im ugandischen Kibale Nationalpark. (Science, Jean-Michel Krief)
Artgerechte Haltung: Ein junger Schimpanse futtert Früchte der Natal-Feige im ugandischen Kibale Nationalpark. (Science, Jean-Michel Krief)

Über Jahre dienten 40 Schimpansen in Laboren des Pharmakonzerns Immuno zu Tierversuchen. Dann kamen sie frei und durften zum ersten Mal außerhalb des Käfigs leben. Der beeindruckende Film "Unter Menschen" von Christian Rost und Claus Strigel erzählt ihre Geschichte.

Ulrike Timm: "Unter Menschen", so heißt ein Dokumentarfilm, und der handelt von Affen, von Schimpansen nämlich. Viele Jahre dienten sie in Laboren des österreichischen Pharmakonzerns Immuno zu Tierversuchen bei der Entwicklung von Impfstoffen gegen Aids oder Hepatitis. Sie lebten in winzigen Käfigen, isoliert, ohne Kontakt zu Artgenossen, sie hassten Menschen – und sie haben allen Grund dazu. 1997 wurden die Versuche mit den Schimpansen eingestellt wegen Erfolgslosigkeit, und seitdem gibt es ein Resozialisierungsprojekt, so heißt das wirklich, ein Resozialisierungsprojekt für diese Schimpansen.

Christian Rost und Christian Strigel haben die Affen und die Menschen, die sie betreuen, in einem wirklich eindrucksvollen Dokumentarfilm begleitet und beobachtet, und jetzt sind beide zu Gast bei uns. Herzlich willkommen.

Christian Rost: Ja, guten Tag.

Claus Strigel: Guten Tag, hallo, ich grüße Sie.

Timm: "Unter Menschen" – wie lernen Schimpansen denn nach Jahren im Forschungslabor, wieder Affen zu sein?

Rost: Ja, das ist ein langer, langer Weg, erst mal müssen sie ja überhaupt erleben, dass es überhaupt einen anderen Schimpansen gibt, weil die haben 20 Jahre lang keinen anderen Schimpansen gesehen. Und da werden sie eben ganz, in einem sehr langwierigen Prozess zusammengeführt, erst dürfen sich zwei sehen, dann dürfen sich zwei riechen, dann dürfen sie sich berühren. Und wenn das alles gut geht, dann gibt es ja auch im Film diese berührende Szene, wo zwei sich entgegentreten und umarmen und nicht mehr voneinander lassen in der Umarmung.

Strigel: Und um das zu ergänzen, es ist ja nicht mal so sehr Resozialisierung als Sozialisierung, weil die Affen, als sie in das Labor der Immuno kamen, waren Babys, das heißt, sie hatten bis dahin überhaupt noch nicht gelernt, was es heißt, soziale Kontakte zu haben, miteinander umzugehen, voneinander zu lernen, sich zu akzeptieren, zu streiten, zu spielen und, und, und – alles, was man braucht, um überhaupt als auch Schimpanse lebensfähig zu sein. Das haben sie jetzt wunderbarerweise überhaupt erst lernen dürfen.

Timm: Kurzum, diese hochentwickelten Säugetiere, die ja ein Sozialverhalten haben, die Rudeltiere sind, die wussten gar nicht, wie man als Affe leben kann, und sie versuchen es jetzt in mühseligen Schritten. Die haben Sie begleitet als Filmemacher. Woran haben Sie denn als Beobachter, als Laien, den Affen angemerkt, dass sie viele, viele Jahre Forschungstier waren und nicht als Affe gelebt haben?

Rost: Also wenn die am wenigsten geschädigten und traumatisierten Schimpansen … da merkt man es doch an dem, das würde man bei Menschen eigentlich Hospitalismus nennen. Sie pendeln oder sie klopfen – man hört ja auch diesen Rhythmus im Film –, sie machen diesen Bassgroove, der eigentlich den Film begleitet. Aber diejenigen, die so isoliert waren, die nicht mal einen Menschen als Bezugsperson sehen konnten, weil sie nämlich HIV-infiziert sind und während der Versuche nur Menschen in Raumanzügen gesehen haben, da merkt man ganz klar, diese Tiere sind tatsächlich auch körperlich behindert, sie können sich wenig bewegen, sie können wenig klettern, sie lernen das jetzt alles mühsam. Aber was sie gar nicht sind, sie sind nicht sozialisierbar, diejenigen, die keine Menschen als Partner hatten.

"Die Lebendigkeit ist ihnen genommen worden"

Strigel: Es ist tatsächlich so, dass die Affen, die niemals auch im Kontakt mit den Menschen in den Laboren überhaupt keine Sprache gehört haben, nichts haben riechen können, nichts haben fühlen können, sich selber im Grunde genommen genug sind, und das heißt, dass sie in ihrem Leiden gefangen sind, und in diesem Leiden unmöglich zu Artgenossen Kontakt aufnehmen können, zu Menschen keinen Kontakt aufnehmen können, körperlich zutiefst beeinträchtigt sind und auch kaum laufen, geschweige denn klettern können. Die Lebendigkeit ist ihnen mehr oder weniger genommen worden und wird wohl wahrscheinlich auch nie wieder zu ihnen zurückkehren.

Timm: Das spricht …

Rost: Gut, aber das klang jetzt mir fast zu trostlos.

Strigel: Ja.

Rost: Weil auch bei denen merkt man, es ist extrem lebenswert, was sie leben, sie machen jeden Tag winzige Schrittchen, und die Betreuerinnen sind unglaublich berührt, wenn dann zwei mal nebeneinander sitzen und halbwegs miteinander auskommen.

Strigel: Es stimmt, und wenn ich das noch ergänzen darf: Und tatsächlich ist es so, das auch dort natürlich der Kontakt zu den Pflegerinnen sehr, sehr intensiv ist und sie sich ja dann auch begegnen und gegenüberstehen, und es gibt so eine ganz, ganz berührende Szene auch im Film: Da sehen wir einen Affen, der rot wird, also der zum Beispiel Bettina begegnet, ihr gegenüber steht und wird einfach über diese Begegnung ein Stück weit auch verliebt in sie, und das Blut steigt ihm zu Kopf, und das wirkt sehr, sehr schön, ja.

Timm: Das spricht auch für die filmische Qualität von "Unter Menschen", dass Sie solche Vorgänge zeigen, dass man die miterleben kann, das spricht sich ja schon aseptisch, nicht? Resozialisierung traumatisierter Versuchsaffen – und bei Ihnen sieht man dann zum Beispiel eine Hand, die kommt so aus einem Käfig, und man hat einen Moment … da hat es mich richtig gegruselt, da dachte ich, das könnte genauso gut eine menschliche Hand sein. Das sind eben sehr hochentwickelte Tiere. Trotzdem, kann so eine Resozialisierung überhaupt gelingen, und wie weit kann sie gelingen?

Rost: Also ich würde sagen, die ist erstaunlicherweise, obwohl die Tiere eben so lange komplett isoliert waren, bewundere ich die, dass sie das überhaupt noch lernen konnten, wirklich in Gruppen zusammenzuleben, und es gibt viele Gruppen – es gibt vier, fünf Gruppen –, wo bis zu acht Schimpansen zusammenleben und den ganzen Tag das machen, was Schimpansen nun mal machen, nämlich Politik. Das heißt, sie mobben sich, sie beobachten sich, sie regeln ihre Hierarchie, sie regeln ihre Beziehungen, und wenn sie jetzt auch nicht in Freiheit leben, in kompletter Freiheit, merkt man doch, dass das Essenzielle, was ein Schimpanse braucht, nämlich das Gruppenleben, dass sie das lernen konnten, und heute auch leben können.

Timm: Deutschlandradio Kultur, das Radiofeuilleton, wir sprechen mit den beiden Dokumentarfilmern Christian Rost und Claus Strigel über "Unter Menschen", ein Film über Schimpansen, die nach vielen Jahren im Forschungslabor, nach vielen Jahren Quälerei – psychischer wie physischer – wieder lernen sollen, Affe zu sein. "Unter Menschen" ist auch ein Film über Schuld. Ist es auch ein Film über Sühne?

Rost: Nein, das würde ich nicht sagen, ich würde statt Sühne Verantwortung sagen. Das Faszinierende ist, dass wir eben die Geschichte der beiden Pflegerinnen erzählen können, die schon als Praktikantinnen zufällig eher in dieses Pharmalabor geraten sind, und bei dem ersten Blick auf diese isolierten Affen das Gefühl hatten, entweder ich vergesse, was ich hier sehe, oder ich versuche, wenigstens ein Minimum denen Kontakt zu geben und ein Minimum denen das Leben zu erleichtern. Und dann entsteht natürlich das Dilemma, dass sie in dieser Absicht dann zehn Jahre lang im Endeffekt doch bei den Versuchen assistiert haben, also teilweise auch das Gefühl haben, sie haben sich mitschuldig gemacht am Leid der Affen. Und dass sie aber jetzt heute diesen ursprünglichen Funken, den sie hatten, den Affen zu helfen, in diesem Resozialisierungsprojekt wirklich realisieren können, das ist einfach großartig.

Timm: Diese Affen sind ja jahrelang benutzt worden zu Versuchszwecken, um schlimmste Krankheiten zu erforschen – Aids, Hepatitis –, und ein Verantwortlicher des Pharmaunternehmens, der sagt in einem Rückblick in den 1980-ern, Versuche an Menschen wären die einzige Alternative, um medizinisch weiterzukommen. So sehr die Affen auch gequält worden sind, aus der Person dieses Mannes, aus seinem Blickwinkel, 80er-Jahre, Aids – hat er nicht auch Recht?

Strigel: Also in den 80er-Jahren gab es jedenfalls die große Aids-Hysterie, und tatsächlich war es so, dass in dem Zusammenhang die österreichische Regierung, Staatsregierung, niederösterreichische Landesregierung und der Pharmakonzern Immuno gemeinsam tatsächlich sich vorgenommen haben, ein Mittel zu finden, und zwar natürlich auch über alle bestehenden Gesetze hinweg, die es gab. Und da sind viele Dinge illegal passiert.

Timm: Und man hat aufgeben müssen wegen Erfolglosigkeit, wegen nachgewiesener Erfolglosigkeit. Man hat also diese ganzen Tiere auch noch letztlich umsonst gequält.

Rost: Ja, aber da ist die spannende Frage, die der Film wirklich aufwirft. Würden wir das, wie mit den Affen umgegangen wurde, würden wir das anders beurteilen, wenn jetzt Immuno einen Erfolg gehabt hätte und einen großartigen Impfstoff gegen Aids gefunden hätte? Das ist die ethische Frage, die der Film aufwirft.

Timm: Und wie beantworten Sie sich die nach dem Drehen?

Rost: Ja, das ist interessant, weil durch unseren Kontakt mit den Schimpansen, durch das Anfreunden, durch das Sich-lange-in-die-Augen-Sehen haben wir einfach gesehen, die sind uns so nahe, die sind uns so verwandt, ich würde persönlich sagen, nein, man darf es – genau so, wie man es mit Menschen nicht machen darf – auch mit diesen Schimpansen nicht tun.

Timm: Ich sprach vorhin von Schuld und Sühne, und ist es die wohl größte Schuld, dass diese Affen nicht mal ansatzweise in ihren Jahren als Forschungsaffe ein Affenleben führen durften? Sie waren im Kleinstkäfig, das hätte nicht sein müssen – jeder Zoo, der Schimpansen hält, weiß, die müsste man beschäftigen, die müssen gemeinsam leben, und wenn sie so leben können, dann leben sie zwar nicht in Freiheit, aber sind nicht zwangsweise unglücklich. Das hat man ihnen vorenthalten im Forschungslabor, und immer wieder heißt es, die Schimpansen suchen Kontakt, sie sehnen sich nach Nähe, nach Beschäftigung. Über diese Quälerei haben Sie von verantwortlicher Seite im Film auch nach Jahren nichts gehört. Hat man Ihnen wirklich kein Wort gesagt? Wie stellen sich die früheren Forscher dazu?

Strigel: Es ist tatsächlich so, dass in Österreich genau zu diesem Phänomen die absolute Glocke des Schweigens gelegt worden ist, will sagen, es gab niemanden der Verantwortlichen, die zu uns darüber sprechen wollten. Es war auch so, dass mit Beginn unserer Recherche wir ganz, ganz große Probleme hatten, überhaupt Zeitzeugen zu finden. Es war so, dass die ersten Zeitzeugen, die wir gefunden haben, uns eingeladen haben, uns von diesen Geschichten erzählt haben und selber auch sehr erleichtert darüber waren, dass endlich, nach 30 Jahren, sie darüber sprechen konnten, aber immer ganz klar mit dem Hinweis: Wir werden das weder öffentlich in dieser Form erzählen noch wollen wir, dass Namen genannt werden, und so weiter, und so weiter.

"Diese Geschichte kann nicht vergessen werden"

Wir sind dann auf jeden Fall auf Menschen gestoßen, die uns überhaupt Einblick gewährt haben in genau diese ganzen Machenschaften der Vergangenheit. Da war dann unter anderem die Frau Doktor Ulrike Goldschmied, die seinerzeit Artenschutzbeauftragte der Stadt Wien war, die, als ich sie das erste Mal am Telefon kontaktierte, tatsächlich in Tränen ausgebrochen ist und gesagt hat: Oh Gott, ich wusste, diese Geschichte kann nicht vergessen werden, dieser Deckel wird anscheinend jetzt wieder aufgemacht. Und sie selber, die nur ganz kurz verantwortlich war für den Prozess des Affenimports nach Österreich, sie selber ist dann mehr oder weniger aus der Verantwortung genommen worden, weil die ganze Geschichte dann von der Stadt Wien in das Land Niederösterreich verlagert wurde, und sie hatte dann keine Handhabe mehr, und hat im Grunde genommen bis heute unter dieser Unmöglichkeit, dort eingreifen zu können, gelitten.

Timm: Das ist interessant – das heißt, die großen Tiere haben gar nicht mitgemacht, und die Verantwortung, die spüren bis heute vor allem die Tierpflegerinnen, die heute auch diejenigen sind, die helfen?

Rost: Ja, ja, es haben tatsächlich diejenigen Verantwortung übernommen, wo man sagen würde, die sind eigentlich am wenigsten zuständig, die Verantwortung zu übernehmen, nämlich die Pflegerinnen, aber die hatten halt auch den direkten Kontakt mit den Schimpansen, während die Pharmaindustrie natürlich, die Entscheider, für die war das ein Material, das waren keine Lebewesen, das war ein Material, und es gab ein gewisses Forschungsprogramm.

Timm: Christian Rost und Claus Strigel über ihren gemeinsamen Film "Unter Menschen", der jetzt im Kino angelaufen ist – die Resozialisierung traumatisierter Schimpansen nach jahrelangem Aufenthalt im Forschungslabor. Ich danke Ihnen.

Rost und Strigel: Danke auch. Vielen Dank.

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