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Fazit | Beitrag vom 23.11.2019

Leonie Böhms "Räuberinnen nach Schiller"Spiellust und vollkommene Befreiung

Anna Landefeld im Gespräch mit Eckhard Roelcke

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Drei Frauen sitzen bzw. stehen vor ihren Musikinstrumenten und schauen ins Leere. (Judith Buss / Münchner Kammerspiele)
Der Text von Friedrich Schiller war „nur“ Ausgangsmaterial für Böhms Inszenierung. Vom eigentlichen Text blieben vier Frauenfiguren (v.l.n.r.: Friederike Ernst, Sophie Krauss, Gro Swantje Kohlhof). (Judith Buss / Münchner Kammerspiele)

Mit den "Räuberinnen nach Friedrich Schiller" ist Leonie Böhm ein besonderes Stück gelungen. Sie hat den Originaltext filetiert und auf vier Frauenfiguren kondensiert. Unsere Kritikerin hat die Inszenierung an den Münchner Kammerspielen überzeugt.

Leonie Böhms "Die Räuberinnen" an den Münchner Kammerspielen ist eine Befreiung. Klug versteht sich die Regisseurin darauf, die gewichtigen Klassiker des Theaters kräftig zu entschlacken, die Schichten der vergangenen Jahrhunderte abzuschleifen und ihren Kern in unsere Gegenwart zu übertragen. Stürmten und drängten in Friedrich Schillers 1782 uraufgeführten Drama noch Karl Moor und seine Räuberbande lautstark und brandschatzend durch die Lande, stehen bei Böhm nur vier Schlüsselfiguren vor einer großen Cumulus-Wolke auf der Bühne  – allesamt weiblich besetzt.

Franz wird larmoyant gespielt von Eva Löbau, der Zweitgeborene, der um die Liebe seines Vaters buhlt mit Karl, der freiheitsliebende und nicht weniger hadernde Everybodys’s Darling in Rockstar-Manier, verkörpert von Julia Riedler. Amalia hat bei Böhm nichts mehr von der Wartenden auf Schloss Moor, sondern wird von Sophie Krauss im Feinripp mit Rotzigkeit versehen. Und die in sich ruhende Gro Swantje Kolhof als Spiegelberg befreit am Ende alle in einer Gedankenreise – von ihren eng geschnürten, selbst oder fremd auferlegten Vorstellungen von Moral und dem Gesetz darüber, wie und was man zu sein hat. Böhm gibt jeder gleichen Raum für ihr Leid, rhythmisiert die Monologe durch Popsongs, begleitet am Keyboard von Friederike Ernst, Teil der Band "Schnipo Schranke".

Wie wird der Mensch frei, ist die große Frage bei Schiller und auch bei Böhm. Ist es bei Schiller noch die lautstark-polternde Sehnsucht nach großer gesellschaftlich-politischer Umwälzung, schlägt Böhm zwar leisere Töne an, aber sie sind deswegen nicht weniger dringlich. Wie die "Räuber" begeben sich auch die "Räuberinnen" in den Wald – doch dieses Mal ist es keine Flucht, sondern ein Aufbruch. Die große Cumulus-Wolke hat sich abgeregnet und verzogen, die Zeit der Larmoyanz ist vorüber. Es herrscht nur noch reine Spielfreude, die zugleich von einer Befreiung des weiblichen Körpers von aller Objektivierung kündet: Mit ihren Brüsten führen sie erst ein Laser-Battle auf, um danach auf ihren Sieg über den Zwang und das Finale einzuläuten, in dem sie splitternackt über die Bühne bis in die erste Reihe rutschen. Eine absurde Freiheitserklärung gegen ebenso absurde Vorstellungen von Moral und Gesetz.

Die Räuberinnen nach Friedrich Schiller
Inszenierung: Leonie Böhm
Münchner Kammerspiele

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